Corippo will leben

Noch zwölf Menschen wohnen im Bergdorf im Verzascatal. Ein Projekt soll nun den Ort retten. Corippo soll zum Hotel werden.

Wild am Hang. Das Zuhause von zwölf Menschen. Corippo steht seit 1975 unter Denkmalschutz. Foto: Urs Jaudas

Wild am Hang. Das Zuhause von zwölf Menschen. Corippo steht seit 1975 unter Denkmalschutz. Foto: Urs Jaudas

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Das Dorf ist so klein, dass man dem Nachbarn auf den Teller sieht. Und es ist so gross, dass viele Häuser leer stehen. Zwölf Menschen leben in Corippo. Bloss noch zwölf. Das kleinste Dorf der Schweiz. Überaltert und vom Aussterben bedroht. Corippos Einwohner können es nicht mehr hören – es reicht langsam mit diesem negativen Superlativ.

Mittendrin aber, da lacht Claire Am­stutz. Sie wirtet hier und füllt Weingläser so überschwänglich, wie sie ihre Gäste begrüsst. Als ein Deutschschweizer Gast werweisst, ob er ein Halbeli oder eine Flasche vom Roten nehmen soll, antwortet sie: «Eine Flasche liegt immer drin.» Amstutz spendiert guten Gästen Kuchen und kann über schlechtes Trinkgeld fluchen. Wobei: In Corippo im Verzascatal seien die Gäste grosszügig. Amstutz wirtet im besten Restaurant des Ortes – es ist das einzige.

Die Osteria läuft. Die Wanderer kehren täglich ein, doch die Bewohner von Corippo begrüsst sie selten. Die meisten kämen nur, wenn es etwas gratis gebe. Wie die Menschen hier oben seien? Amstutz hält inne und sagt dann mit Bedacht: «Sehr angenehme Leute.» In den zwei Sekunden Zögern liegt alles Verschrobene, das aus langem Alleinsein entstehen kann. Die zwölf Verbliebenen leben in kleinen Häuschen im wilden Tal mit dem launischen Wetter, das an einem halben Tag so viel Regen bringen kann wie anderswo in einer Woche. Jeder kennt hier jeden, und vielleicht auch darum gehen die einen den anderen aus dem Weg.

Wirtin Claire Amstutz. Foto: Urs Jaudas

Ein schöner Fleck Schweiz kämpft ums Überleben. Aus der Distanz sieht es aus, als ob die Häuser am Berg klebten. Rustico für Rustico. Hinübergerettet aus einer anderen Zeit. Oder nüchtern betrachtet: 70 Häuser am Hang. 30 leer. 30 nur im Sommer bewohnt. In den restlichen leben die verbliebenen zwölf Menschen. Medianalter: 76 Jahre. Die Jungen ziehen weg, die Alten sterben, die Häuser zerfallen, das Dorf stirbt.

Claire Amstutz soll nun mithelfen, das Dorf zu retten. Es gibt seit Jahren einen Plan: Corippo soll ein einziges Hotel werden, die Rustici werden zu Zimmern, die Hotelgänge sind die engen Gassen, und die Osteria dient als Réception und Frühstücksraum. Albergo Diffuso heisst die Lösung, das Vorbild kommt aus Italien, dort hat das Prinzip schon an manchen Orten das Dorfleben bereichert, ja gerettet. Der Plan ist also auf dem Tisch, er klingt gut und schlüssig und raffiniert. Doch es gibt da ein Problem. Corippo fehlt das Geld. Die zwölf Einwohner produzieren ein Steuereinkommen von 35000 Franken pro Jahr. Und nicht alle zwölf Einwohner finden das Projekt gleich gut.

In Italien funktioniert es

Die Sorgen kennt Emanuela Pisano. Sie führt im italienischen Apricale nördlich von Sanremo ein solches Albergo Diffuso. Apricale hat 620 Einwohner und ist ebenfalls in den Hang gebaut, es sieht Corippo verblüffend ähnlich. Die Gassen sind eng und verschlungen, wer durch sie schlendert, wird sich verirren – hier noch ein Durchgang, da eine Treppe. Auch Apricale litt nach der Jahrtausendwende unter der Abwanderung. Der Gemeindepräsident fühlte, wie das Leben langsam davonzog, und sprach eines Tages Pisano an, er wolle etwas dagegen tun, doch sie müsse ihm dabei helfen.

Die 66-jährige Pisano ist in Apricale aufgewachsen wie ihre Mutter und ihre Grossmutter. Diese arbeiteten als Bäuerinnen, waren während der Woche auf den Feldern und kamen am Wochenende in ihre Häuser zurück, um zu tanzen und die heilige Kommunion zu empfangen. Pisano erbte drei Häuser von der Grossmutter, sie waren ihr Startkapital. Sie kaufte zwölf weitere dazu und machte in ihnen vierzig Zimmer. Die Zimmer sind im ganzen Dorf verteilt, kleine Schilder weisen auf die Zimmereingänge hin. Die Gäste wohnen darum mitten unter den Einheimischen. In einem einstigen Weinkeller, in einem ehemaligen Eselstall, in einem kleinen Häuschen. Die Gäste begegnen sich auf den Gassen, im Frühstücksraum und am Abend im Restaurant. An diesem Wochenende ist das Hotel ausverkauft. «Es läuft gerade sehr gut», sagt Pisano.

Der Tourismus ist nur Mittel zum Zweck

In Corippo ist der Architekt Fabio Giacomazzi bei Wirtin Amstutz eingekehrt und schlürft eine Minestrone. «Die beste im ganzen Tal», ruft Amstutz aus der Küche. Der Architekt präsidiert die Stiftung, die das Dorf retten will. Er wacht über die Pläne des Albergo Diffuso und treibt sie voran. Er spricht mit den Einheimischen und den Banken. Es ist in diesen Tagen nicht klar, was schwieriger ist. Besonders wichtig sei eben das Restaurant, sagt er. Noch ist dieses schlicht gehalten, einfache Tapete, einfache Tische, in der Ecke eine elektrische Fliegenklatsche. Architekt Giacomazzi sagt, dass das Lokal dann künftig anders aussehen werde, authentischer und rustikaler.

Es ist Mittwoch und ruhig im Dorf. Der Regen rieselt sachte vom Himmel, die Touristen kommen an anderen Tagen. Unten beim Stausee, den James Bond bekannt gemacht hat, hält gerade ein Reisebus aus Berchtesgaden. Deutsche mit Bäuchen, Dächlikappen und um den Hals gebundenen Fotoapparaten steigen aus dem Bus, schnell ein Foto, dann weiter. «Diese Touristen wollen wir nicht hier oben», sagt Giacomazzi. Die Touristen sollen Zeit und Ruhe mitbringen und tagsüber wandern gehen. Denn die Zimmer werden klein, bloss ein paar Quadratmeter gross, nur mässig dafür geeignet, in ihnen Zeit zu verbringen – Rustici eben, gebaut aus Granit und gedeckt mit Schieferplatten.

Der Tourismus ist hier nur Mittel zum Zweck. Mithilfe der Touristen wird Denkmalschutz betrieben. Sie sollen den Steinen neues Leben schenken – oder zumindest den Zerfall aufhalten.

Architekt Fabio Giacomazzi will ein Albergo Diffuso eröffnen. Foto: Urs Jaudas

Giacomazzi führt durch die engen Gassen von Corippo. Im Pfarrhaus lebt seit 16 Jahren ein Deutschschweizer Pärchen. Bewohner 1 und 2. Aussteiger, heisst es im Dorf. Der Mann lehnt sich über den Holzbalkon und raucht. Wie ist das Leben hier oben, in diesem kleinen Dorf? Der Mann sagt nur ein Wort: «Lebhaft.» Humor aus Corippo.

Dann beginnt er über das Projekt zu wettern. «Wenn das nur gut kommt.» Er habe von Anfang an gesagt: «Schaut aufs Trinkwasser. Ohne das Wasser könnt ihrs vergessen.» Die Trinkwasserversorgung ist veraltet, die Leitungen sind verrostet. Einen Moment lang mustert Architekt Giacomazzi den Mann und überlegt sich, ob er es mit ihm und seinen Argumenten aufnehmen soll. Doch gegen den Furor des rauchenden Mannes gibt es kein Ankommen. Giacomazzi schüttelt den Kopf – und schweigt.

Tatsächlich ist es hier im Sommer trocken. Es kommt vor, dass das Wasser nachmittags nicht mehr aus den Rohren schiesst, sondern rinnt. Also rät man den Bewohnern, dass sie morgens die Badewanne mit einem Notvorrat füllen.

Deutschschweizer sind Zucchini

Der Furor von Bewohner Nummer 1 verrät zwei Probleme. Erstens: Die Einheimischen stehen nicht voll hinter dem Projekt. Überhaupt leben die Menschen ein sonderliches Leben hier oben. Manche Einheimische wollen zum Projekt nichts sagen – was würden die anderen über sie denken? Selbst ein Mann, der vor drei Jahren wegzog, will anonym bleiben. Er sagt nur: Man helfe einander, gerade beim Einkaufen. «Sonst hast du Ruhe dort oben. Jeder lebt für sich.» Die Ausnahme: Bewohner Nummer 3, er ist Stammgast in Claire Amstutz’ Restaurant.

Ganz anders Bewohner Nummer 4. Giacomazzi trifft ihn in Arbeitskleidern auf der Gasse an. Der Architekt sagt nur: «Der hat es nicht gerne, wenn man ihn anspricht.» Manchmal spürt auch die gebürtige Luzerner Wirtin Amstutz den Argwohn. Zucchina sagen sie ihr hier, es ist das Tessiner Wort für Deutschschweizerin. Sie wohnt im Nachbardorf und sei zwar akzeptiert, doch sie werde hier immer eine Fremde bleiben. Am­stutz verzieht das Gesicht. So sind sie hier, kann man nicht ändern.

Das zweite Problem: die Finanzierung. Beim Geld wird es kompliziert. Die Bank würde einen Kredit sprechen, aber erst, wenn der Kanton Geld spricht. Dieser wird die Mittel erst geben, wenn die restliche Finanzierung organisiert ist. 637000 Franken muss Giacomazzi von privaten Sponsoren auftreiben. Die Berghilfe hat einen Beitrag versprochen, sie bezahlt aber erst, wenn auch andere Sponsoren zahlen. Also muss der Stiftungspräsident weiter auf Sammeltour.

Viele Rustici in Corippo stehen leer. Foto: Urs Jaudas

Im Herbst will Giacomazzi die Gesamtsumme von 3,5 Millionen Franken beisammenhaben. Wie verworren die Sache ist, zeigt auch der Zeitplan. Laut diesem hätten die ersten Gäste bereits 2018 die Zimmer beziehen sollen, es wurde dann auf 2019 verschoben, nun ist Frühling 2021 das Ziel. Wenn es gut kommt. «Das schaffen wir», sagt Giacomazzi.

Unterstützung aus der Welt hätte er. Als letztes Jahr die NZZ eine Reportage über das Dorf schrieb, zogen BBC, «The New York Times» und andere Medien nach. Giacomazzi erhielt viel Post und Anrufe. Die Menschen fragten, wann sie kommen dürften. Ein Mann aus New York schrieb ihm, er wolle dann auf dem Stausee Segelkurse anbieten. «Na ja», sagt Giacomazzi.

Der plötzliche mediale Ansturm und die stete Hinausschieberei haben bei den Bewohnern Nummern 5 bis 11 zu Überdruss geführt. Sie haben wenig Lust, über das Albergo Diffuso zu sprechen. Enttäuschte Hoffnungen sind die schlimmsten Hoffnungen.

Der Tourist ist anspruchsvoll

Wenn Emanuela Pisano im italienischen Apricale zurückblickt, fällt ihr die Arbeit ein. «Es war am Anfang sehr schwierig.» Sie musste Bewilligungen organisieren, dann die Häuser an Strom, Wasser und Gas anschliessen. Und zuletzt die Zimmer stilgerecht renovieren. «Es muss nicht nur funktionieren, sondern auch gut aussehen, sonst kommen die Leute nicht.» Dazu kam der Argwohn der Einwohnerinnen und Einwohner. Sie waren skeptisch und erwarteten Touristen und Lärm. Hilfe bekam Pisano von ihnen keine. Doch sie liess sich nicht beirren. «Irgendwann darfst du nicht mehr auf die Nörgler hören.» Seit 2010 ist das Albergo Diffuso in Betrieb.

Am liebsten sind Pisano jene Gäste, die zwei Wochen bleiben und sich der Ruhe des Dorfes hingeben. Doch die meisten kommen nur für eine Nacht und ein paar Fotos. Kurz also, aber mit hohen Erwartungen. Dass die Zimmer aus kleinen Ställen entstanden, ist wenigen bewusst. Dass das Albergo Diffuso nicht nur ein Tourismusprojekt ist, wissen längst nicht alle. Das schlägt sich auf die Bewertungen auf Booking.com nieder. Lisa aus Deutschland schreibt: «Wenig Platz.» Und: «Korpulentere Menschen haben dort ein absolutes Problem.» Note: 5 von 10. Sie ist eine von vielen. Auch in Corippo werden die Zimmer klein sein. Und obwohl die Lage eine famose Aussicht verspricht, bleiben die 20 Zentimeter auf 20 Zentimeter grossen Fenster klein. Authentizität und Denkmalschutz stehen über allem.

Was ein Albergo Diffuso bewirken kann, zeigt sich in Apricale. Der Dorfplatz lebt, Kinder rennen durch die Gassen, die Eltern trinken Negroni. Durch die Touristen können drei Restaurants überleben, es entstanden kleine Läden und B-&-B-Hotels. Das klingt gut, und trotzdem kämpft auch Apricale: Neben Pisanos Hotelzimmerschild dominiert ein zweites das Dorfbild: «Vendesi.» Zu verkaufen. Viele Gebäude sind baufällig, das Dorf verlottert. Die Überalterung sieht man besonders am Sonntagmorgen um 9.30 Uhr in der Messe. Das Aufstehen zum Singen geht bei den 34 Anwesenden langsamer, die Kommunion empfangen sie vom Leben gebückt.

Und doch gibt es sie, die Jungen. Ihre Eltern kamen als Hippies in den 70er-Jahren ins Bergdorf auf der Suche nach freiem Leben. Heute bringen die Hippiekinder ihre Kinder zur Schule. 40 Schüler aus 20 Nationen hat Apricale. So ist die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner seit 2001 um knapp 10 Prozent auf 620 gestiegen.

Emanuela Pisano hat in Apricale ein Albergo Diffuso eröffnet. Foto: Christian Zürcher

In Corippo geht es weniger um Wachstum als vielmehr darum, dass das Dorf nicht zum Museum wird. Claudio Scettrini ist Bewohner Nummer 12 und mit 55 Jahren der Jüngste im Dorf. Bis 2017 war er Gemeindepräsident, er könnte dereinst der letzte Bürger sein. Denn Neuzuzüger gibt es nicht, Scettrini hat es selbst erlebt. Viele Freundinnen habe er gehabt, doch keine wollte zu ihm nach Corippo ziehen. Zu klein, zu weit weg. Auch die jetzige wohnt unten im Tal.

Für Scettrini ist entscheidend, dass nicht nur das Albergo Diffuso kommt, sondern auch eine bessere Infrastruktur. Es brauche mehr als nur 20 Parkplätze, zudem müssten Wasserversorgung und Kanalisation seit 30 Jahren renoviert werden. Doch immer fehlte das Geld. Also wandern die Fäkalien seit Jahren in eine Sickergrube. Architekt Giacomazzi hofft nun auf den Effekt des Albergo Diffuso. «Dann muss die Gemeinde etwas unternehmen.» 2020 gibt es eine Fusion, und Corippo wird Teil der neuen Gemeinde Verzasca, die aus sieben Orten und 900 Einwohnern bestehen wird. Scettrini ist skeptisch.

Noch sind die Verantwortlichen zuversichtlich. «Corippo ist zu schön, um zu sterben», sagt Stiftungspräsident Fabio Giacomazzi. «Die Gäste werden dem Dorf guttun», sagt Wirtin Claire Am­stutz. Ihre Kollegin aus Apricale, Emanuela Pisano, sagt, dass da vor allem viel Arbeit auf die Leute zukomme. Als sie hört, wie viele Leute noch in Corippo leben, muss sie lachen. «Poverini», entfährt es ihr. Die Ärmsten.

Erstellt: 02.08.2019, 18:15 Uhr

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In Zahlen

294

Menschen lebten 1850 noch in Corippo, das 1822 zur eigenen Gemeinde wurde. Die Einwohner hatten Ziegen und Schafe. Sie bauten auf Terrassen Obst und ­Roggen an.

3'600'000

Franken kostet die erste Etappe des Projektes. 637000 Franken sollen mit einem Crowdfunding gesammelt werden.

26

Betten und zwölf Zimmer soll das Projekt beinhalten. Das Zielpublikum: kultur-
und umweltinteressierte Wandergäste.

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