Cryptoleaks: Wo die Geheimdienste überall mithörten

Golfkrieg, Todesflüge, Disco-Anschlag: CIA und BND hörten Gegner systematisch ab – mit Schweizer Hilfe. Das wirft ein neues Licht auf historische Ereignisse.

Wie wird der Fall die Schweizer Neutralität beeinflussen? Res Strehle über Cryptoleaks und ihre Auswirkungen.(Video: Tamedia)

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130 Staaten kauften Verschlüsselungsgeräte der Schweizer Crypto AG. Zu den wichtigen Kunden gehörten der Iran, der Irak, Libyen, Ägypten, Saudiarabien, Jordanien, Chile, Argentinien und Indonesien. Jetzt wird bekannt, dass die Geräte dieser Staaten von den westlichen Geheimdiensten einfach knackbar waren. «Diplomatische und militärische Verkehre vieler wichtiger Länder der Dritten Welt, aber auch europäischer Staaten (...) konnten (...) flächendeckend mitgelesen werden», schreibt der deutsche Bundesnachrichtendienst. Das steht in den bisher unbekannten Dokumenten, die dem ZDF, der «Rundschau» von SRF und der «Washington Post» vorliegen. Diese massive Spionage wirft ein neues Licht auf zahlreiche historische Ereignisse.

1973: Putsch in Chile Die Anführer des Militärputschs in Chile salutieren in Santiago, am 18. September 1973; Augusto Pinochet ist der zweite von Links. Foto: Keystone

Der gewählte Präsident von Chile, Salvador Allende, wird von einer Militärjunta weggeputscht. Bekannt ist, dass die USA den Militärs unter Augusto Pinochet dabei halfen. Jetzt wird klar, dass sie dazu die geheimen Nachrichten der Allende-Regierung mitlesen konnten. Die Chilenen nutzten Verschlüsselungsgeräte der Zuger Crypto AG.

1976–1983: Todesflüge der argentinischen Diktatur
Während der Militärdiktatur in Argentinien wurden inhaftierte Oppositionelle über dem Meer abgeworfen, um sie verschwinden zu lassen. Jahrelang blieb diese Praktik geheim. Angehörige wussten nicht, was mit ihren Verwandten damals geschah. Jetzt stellt sich heraus, dass die USA und Deutschland Bescheid wussten. Dank den schlecht verschlüsselten Nachrichten durch die Geräte der Crypto AG aus der Schweiz konnten sie die Argentinier belauschen. Doch sie haben das bis heute nie öffentlich gemacht.

1978: Friedensabkommen von Camp David zwischen Israel und Ägypten Der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat (links) schüttelt dem israelischen Premier Menachem Begin die Hand, US-Präsident Jimmy Carter schaut zu, am 6. September 1978 in Camp David. Foto: Keystone

US-Präsident Jimmy Carter vermittelte im September 1978 auf dem Sommersitz Camp David den Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel. Dank der Crypto-Ausrüstung Ägyptens war Carter während der zwölftägigen Verhandlungen jederzeit über den Inhalt der Kommunikation von Anwar al-Sadat mit Kairo informiert.

1979: Die Revolution im Iran und der Konflikt mit den USA Iranische Demonstranten stehen auf der Mauer der US-Botschaft in Teheran, am 9. November 1979. Foto: Getty

Bis Ende der 70er-Jahre herrschte im Iran der Schah, ein enger Verbündeter der USA. Nach der Islamischen Revolution 1979 übernahm der Geistliche Khomeini. Amerika wurde zum Feind, die Iraner besetzten die US-Botschaft und nahmen 52 Geiseln. Sowohl der Schah wie auch später das Regime der Mullahs waren gute Kunden der Crypto in Zug. Carter hat laut «Washington Post» dank der Crypto-Geräte bei 85% seiner Nachrichten gewusst, wie Khomeini darauf reagierte.

1980–1988: Der Iran-Irak-Krieg
Nach der Revolution im Iran traten die beiden Golfstaaten einen achtjährigen blutigen Krieg los. Die USA unterstützten damals den Irak – auch mit Geheimdienstinformationen. Beide Staaten setzten Crypto-Geräte aus der Schweiz ein, die Amerikaner waren jederzeit informiert. Im ganzen Krieg konnten die USA und Deutschland 80 bis 90 Prozent aller iranischen Nachrichten entschlüsseln – total 19’000 Botschaften.

1982: Hilfe der USA für die Briten im Falklandkrieg
Im Krieg um die Falklandinseln zwischen Grossbritannien und Argentinien hatten die Briten wertvolle Unterstützung aus den USA. Sie konnten die militärischen Nachrichten der argentinischen Armee entschlüsseln, weil diese auf Crypto-Geräte aus der Schweiz setzten. London sagte später, diese Funkaufklärung habe zum Entscheid beigetragen, den argentinischen Kreuzer General Belgrano zu versenken. Beim Angriff kamen 323 argentinische Marinesoldaten um.

1986: Bombenanschlag auf die Diskothek La Belle in Berlin, Bombardierung Libyens Ermittler stehen vor dem zerstörten Club in Berlin, nachdem ein Anschlag drei Menschen getötet hat. Foto: Keystone

Am 5. April 1986 explodierte eine Bombe in der Diskothek La Belle, die vor allem von US-Soldaten besucht wurde. 2 GI und eine Zivilistin kamen ums Leben, 28 wurden schwer verletzt. Die USA sprachen sofort von direkten, präzisen und unwiderlegbaren Beweisen, dass Libyen den Anschlag organisiert hatte. Ein Gerichtsverfahren bestätigte später, dass die libysche Botschaft in Ost-Berlin involviert war. Washington war informiert, weil Libyen Crypto-Geräte verwendete. Als Vergeltungsaktion bombardierten die USA zehn Tage danach Ziele in Libyen. 15 Zivilisten kamen dabei ums Leben.

1989: US-Invasion in Panama
Sogar der Vatikan benutzte Crypto-Maschinen. So wussten die USA bei ihrer Invasion in Panama im Dezember 1989, dass sich der Herrscher des Landes, Manuel Noriega, in der Vatikan-Botschaft versteckt hielt. Er ergab sich den amerikanischen Streitkräften und wurde in die USA ausgeliefert.

1991: Ermordung des iranischen Ex-Premiers Schapur Bachtiar
Bachtiar war der letzte Regierungschef unter dem Schah. Er floh nach der Islamischen Revolution 1979 nach Paris. Dort wurde er am 6. August 1991 von iranischen Agenten mit Messern ermordet. Einer der Täter wurde in Genf verhaftet und an Frankreich ausgeliefert, auch ein Mitarbeiter der iranischen Botschaft in Bern wurde verhaftet. Die USA übergaben Frankreich Beweismittel für den Prozess gegen den Iraner. Die Kommunikation soll aus einer Wohnung in Istanbul über eine Geheimagentin in Paris koordiniert worden sein, verschlüsselt auf Geräten der Crypto.

Erstellt: 11.02.2020, 19:02 Uhr

Die Cryptoleaks in 7 Punkten

1. Über 100 Regierungen kauften in den letzten Jahrzehnten Verschlüsselungsgeräte der ehemaligen Zuger Firma Crypto AG. Sie chiffrierten damit streng geheime Nachrichten, auch im Krieg.

2. Staaten wie der Iran, Libyen, Ägypten und Saudiarabien vertrauten darauf, dass die Geräte aus der neutralen Schweiz nicht manipuliert waren.

3. Jetzt kommt aus: Die CIA und der deutsche BND hatten Hintertüren in den Crypto-Geräten. Sie konnten jahrzehntelang viele Staaten abhören. Der deutsche Geheimdienstkoordinator bestätigt die Operation. (Zur Recherche)

4. Die USA erhielten unschätzbare Informationen etwa in Konflikten mit Libyen und dem Iran.

5. Laut Dokumenten, die der «Rundschau» vorliegen, waren auch Vertreter des Schweizer Geheimdienstes eingeweiht.

6. Der Bundesrat hat Alt-Bundesrichter Niklaus Oberholzer (SP) beauftragt, bis Ende Juni die Faktenlage zu klären. (Zum Bericht)

7. Die beiden Nachfolgefirmen der Crypto AG sagen, sie wüssten nichts von der Operation. Wirtschaftsminister Parmelin hat der Crypto International AG bis zur Klärung der Lage die Generalausfuhrbewilligung sistiert.

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