Ein Leben lang gearbeitet, dann arm

Die Geschichten von Barbara Imhof und Martin Michel zeigen: Bei Brüchen in der Biografie kann es im Alter eng werden.

Bei den Schweizern sind es oft alleinstehende Rentnerinnen, die auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind. Foto: Keystone

Bei den Schweizern sind es oft alleinstehende Rentnerinnen, die auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind. Foto: Keystone

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An Jobs hat es Barbara Imhof nie gemangelt – und trotzdem ist die Rentnerin heute auf Ergänzungsleistungen (EL) angewiesen. Sie sitzt am Küchentisch, der Kaffee wird aus selbst getöpferten und bemalten Tassen getrunken. Und es sprudelt aus ihr heraus. Nach einer Lehre als Keramikerin eröffnete sie mit ihrem Mann eine eigene Töpferei. «Meine Ideen gehören mir», hatte sie sich gesagt. 15 Jahre lang haben sich die beiden mit ihrem eigenen Geschäft durchgeschlagen. Das Auskommen reichte indes nicht: Imhof arbeitete nebenbei in einem Alters- und Pflegeheim und putzte Büros. «Ich habe einen schönen Beruf gelernt, doch auch einen brotlosen», sagt sie.

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Nach der Scheidung führte sie das Geschäft mit einer Kollegin weiter, doch irgendwann hat sie gemerkt: «Ich konnte meine Rechnungen nicht mehr bezahlen und brauchte einen Vollzeitjob.» Wieder hat sie geputzt, später für eine Zeitung in der Nachtspedition gearbeitet, danach kamen noch Telemarketing dazu. 15 Jahre lang Temporärarbeit bei der gleichen Firma und erst kurz vor dem Ende der Berufskarriere wieder einen festen Job in einem Alters- und Pflegeheim – endlich mit Ferien.

Die Rentnerin erzählt ihre Geschichte ohne Bitterkeit, die gesundheitlichen Probleme – von der Epilepsie zum Herzinfarkt mit 45 bis zur Putzmittelallergie – sind ihr höchstens eine Randnotiz wert. Stolz schwingt mit, dass sie «ihr Leben stets selbst in die Pfoten genommen hat». Imhof hält aber auch fest: «Das Schlimmste ist, dass man mit tiefen Löhnen nicht in die Pensionskassen reinkommt.» Sie hat zwar stets AHV-Beiträge einbezahlt, doch wegen der Selbstständigkeit und der Teilzeitarbeiten konnte sie sich fast keine berufliche Vorsorge aufbauen. Obschon das BVG-Obligatorium 1985 eingeführt wurde, erhält die Bernerin heute nur 420 Franken aus der zweiten Säule. Zusammen mit einer AHV-Rente von 1820 Franken reicht das nicht: Sie hat Anspruch auf Ergänzungsleistungen, die den Rentnern ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen sollen.

Brüche in den Biografien

Imhofs Biografie ist typisch für eine neue Generation von Pensionären, die von Beginn weg auf staatliche Unterstützungsleistungen angewiesen sind. Eine neue Studie der Berner Fachhochschule zeigt, dass das Armutsrisiko von Neurentnern deutlich gestiegen ist. 1999 bezogen 5,8 Prozent der unter 70-Jährigen Ergänzungsleistungen, 2012 waren es 8,6 Prozent. Dabei ist diese Quote unter allen Rentnern mit 12 Prozent stabil geblieben. Während die Rentner in höherem Alter vor allem wegen Pflegekosten Ergänzungsleistungen in Anspruch nehmen müssen, sind bei den frisch Pensionierten die Lücken in der Altersvorsorge die Gründe.

Studien-Co-Autor Luzius von Gunten sagt, dass die Leute heute unter anderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen alt würden: «Das bringt für die EL zusätzliche finanzielle Belastungen.» Teilweise hat der Gesetzgeber auf Veränderungen reagiert. So ist die EL-Quote bei Geschiedenen seit 2005 nur noch moderat angestiegen – wenn auch auf hohem Niveau. Das dürfte mit der Einführung des Vorsorgeausgleichs im Scheidungsrecht und dem Rentensplitting zusammenhängen.

Grundsätzlich ist die Altersvorsorge jedoch stark auf «normale» Biografien ausgerichtet. «40 Jahre die gleiche Stelle, verheiratet und Kinder: Was früher als normal galt, ist es heute nicht mehr. Brüche in der Biografie sind üblich geworden, und damit steigt auch das Risiko von Lücken in der Vorsorge», sagt von Gunten.

Anhäufung von Risiken

Ein besonders hohes Risiko, gleichzeitig mit der AHV auch EL beantragen zu müssen, haben Geschiedene (21 Prozent) und Ausländer (22,3 Prozent). Migranten, die 2012 in Pension gingen, haben oft Beitragslücken, weil sie erst im Laufe des Berufslebens eingewandert sind und häufig in weniger qualifizierten Jobs beschäftigt waren. Gravierend wird es, wenn verschiedene Risiken zusammenfallen. Von den geschiedenen Ausländerinnen bezieht fast jede zweite EL. Bei den Schweizern weisen die Gruppe der geschiedenen Frauen und jene der ledigen Männer eine besonders hohe EL-Quote auf. Eine entscheidende Rolle spielen auch die berufliche Qualifikation oder gesundheitliche Faktoren. Häufig sind es eine Reihe von Gründen, die zu einer ungenügenden Altersvorsorge führen.

So spricht auch Martin Michel von einem Dominoeffekt. Nach einer Lehre als Schriftsetzer bildete er sich bis hin zum Werbeleiter weiter. Er hatte Jobs mit Verantwortung und machte sich selbstständig. Bis 49 habe er immer gut verdient, sagt Michel. Doch dann kam der Bruch: «Ich habe nicht gemerkt, dass ich zu viel gearbeitet und zu wenig geschlafen haben.» Heute würde man die Diagnose Burn-out mit Depression stellen, 1997 wollte ihn sein Arzt nicht krankschreiben. Als «sturer Steinbock» habe er keine Hilfe zugelassen, habe sich geniert. Die Folgen: Firma weg. Haus weg. Frau weg. Freunde weg.

«Mit 50 Jahren kommt man nicht mehr ins Erwerbsleben zurück», sagt Michel. Er hat sich eine neue Perspektive gesucht, hat die Wirteschule gemacht. Nach verschiedenen Stationen hat er schliesslich bis zur Pensionierung acht Jahre in einer Pfarrer-Sieber-Institution gearbeitet. Dass er dies mit einem 60-Prozent-Pensum und einem Bruttolohn von 2600 Franken bei der AHV spüren würde, war ihm bewusst. Doch in die Werbebranche habe er nicht mehr zurückgekonnt, sagt Michel. So habe er etwas Sinnvolles gearbeitet. Michel nennt sich heute «glücklich pensioniert». Er ist vor allem froh, gesund zu sein.

Erstellt: 24.11.2015, 23:34 Uhr

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