Das audiovisuelle Erbe wird öffentlich

Die «Schweizer Filmwochenschau» digitalisiert ihre Bestände und macht sie im Internet zugänglich. Der TA startet heute mit einer exklusiven Best-of-Serie der historischen Bestände.

News aus 1956: Walliser Bauern bauen eine 1800 Meter lange «Pipeline» für Alpenmilch. Video: Cinémathèque suisse/Schweizerisches Bundesarchiv

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Dramatisch die Musik, pathetisch und in hoher Tonlage die Stimme aus dem Off: Die von 1940 bis 1975 ausgestrahlte «Schweizer Filmwochenschau (SFW)» war während Jahrzehnten prägend für das Bild, das sich die Kinobesucher vom eigenen Land machten. Die fünf bis acht Minuten langen Filmnachrichten wurden in den Kinosälen als Vorprogramm gezeigt. Neben Radio und Zeitung bildeten sie lange Zeit die einzige Möglichkeit der Information über das Zeitgeschehen.

Kameramann und Chauffeur der «Wochenschau» während der Olympischen Winterspiele 1948 in St. Moritz. Foto: Cinémathèque Suisse

Die wöchentlich neu produzierten Filme sind eine einmalige audiovisuelle Quelle der jüngeren Schweizer Geschichte. Diese soll nun in einem Gemeinschaftsprojekt des Bundesarchivs, der Cinémathèque Suisse sowie des Vereins Memoriav für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Seit Anfang der 2000er-Jahre werden die in 1650 Ausgaben gesendeten 6600 Filmbeiträge digitalisiert, künftig werden sie auf Memobase.ch veröffentlicht. Als Auftakt werden im Rahmen der 20. Internationalen Kurzfilmtage Winterthur am 12. November alle Ausgaben aus dem Jahr 1956 in den Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch online gestellt. Ab 2017 folgt die Veröffentlichung aller weiteren Jahre, die 2018 abgeschlossen sein soll.

Der TA beginnt heute mit der exklusiven Publikation von «Filmwochenschau»-Beiträgen. Unter der Serie «Das Beste aus der ‹Filmwochenschau›» wird bis Ende Jahr jeweils einmal pro Woche ein Beitrag aus der SFW des Jahres 1956 online gestellt. Der heute veröffentlichte Beitrag befasst sich zum Beispiel mit der «höchsten Milch-Pipeline der Welt». Er zeigt, wie Bergbauern in St-Martin VS eine Leitung verlegen, die Milch direkt von der Alp ins Dorf befördert.

Geistige Landesverteidigung

Gegründet worden ist die «Filmwochenschau» am 16. April 1940 per Bundesratsbeschluss, «um die Sicherheit im Land zu gewährleisten und die Aufrechterhaltung der Neutralität». Mit einer eigenen «Wochenschau» soll ein Gegengewicht zur erdrückenden Präsenz nationalsozialistischer und faschistischer Nachrichten geschaffen werden. Den Auftrag zur Produktion der Beiträge erhält die Genfer Firma Cinégram, wobei sich der Bund an den Kosten beteiligt. Berühmte Regisseure wie Kurt Früh arbeiten über längere Zeit für die SFW.

Während des Kriegs unterstehen die Beiträge der Zensur. Im Sinn der Geistigen Landesverteidigung ist es für alle Kinobetreiber obligatorisch, die «Wochenschau» zu abonnieren und sie im Vorprogramm zu zeigen. Bemerkenswerte Zeitdokumente aus diesen Jahren sind zum Beispiel die nachgesprochene «Weltchronik» des grossen Historikers Jean Rudolf von Salis oder eine Ansprache von Bundesrat Rudolf Minger, der während der Anbauschlacht 1942 zur Solidarität mit den Bauern aufruft: «An zarten Händen wird es Blasen geben, aber die schaden nichts.»

Von 1946 an ist die Ausstrahlung der SFW nicht mehr obligatorisch. Darauf erneuern die Romandie und die grossen Deutschschweizer Städte ihr Abonnement nicht mehr. Der Start des Fernsehbetriebs Ende der 50er-Jahre sowie die Gegnerschaft eines Teils der Filmszene bringt die «Filmwochenschau» definitiv in die Krise. Kritisiert wird zunehmend auch der Inhalt der Filmbeiträge.

1968 prüft der Stiftungsrat aufgrund von Vorwürfen, die SFW zeige nur die «sonntägliche Schweiz», eine Neugestaltung der Beiträge. Fortan werden Schwerpunkte gesetzt, mehr Auslandberichte gesendet und die Jugend stärker einbezogen. Schliesslich versetzt jedoch das Parlament mit einer Budgetkürzung der SFW den Todesstoss: Im März 1975 wird die letzte «Filmwochenschau»-Ausgabe gesendet.

Für Christoph Stuehn, den Direktor des Vereins Memoriav, sind die SFW-Bestände von hohem Überlieferungswert: «Auch wenn die SFW während des Kriegs der Zensur unterstand, zeigt sie nicht nur Propagandabeiträge oder die sonntägliche Schweiz.» Vielmehr lieferten die Beiträge Einblicke ins Alltagsleben der Bevölkerung. Mit der Berichterstattung über Festivitäten und Bräuche sei die «Filmwochenschau» zudem entscheidend für die Überlieferung des immateriellen Kulturerbes. «Diese Filmbeiträge sind Gedächtnis- und Erinnerungsorte, die Historisches in die Gegenwart bringen und damit unser kulturelles Erinnern massgeblich prägen», sagt Christoph Stuehn.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2016, 19:43 Uhr

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