Das Beste am Suizid ist die Möglichkeit dazu

Über 1000 Menschen bringen sich in der Schweiz jedes Jahr um. Viele tun es nicht, gerade weil sie es könnten.

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Grausame Statistik: Bei uns nehmen sich jedes Jahr über 1000 Menschen das Leben. Mit 12 Suiziden auf 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner gehört die Schweiz, wie schon seit Jahrzehnten, zu den europäischen Ländern mit den höchsten Suizidraten. Immerhin ist die Zahl in den letzten vierzig Jahren stark gesunken. Ende der Siebzigerjahre lag die Rate noch bei rund 25 Suizidtoten auf 100'000 Einwohner. Heute sind es weniger als die Hälfte. Es handelt sich also um eine deutliche Verbesserung.

Warum die Rate so viel höher war, warum sie so stark gesunken ist, aber im europäischen Vergleich immer noch schmerzhaft hoch ist: Wir wissen es nicht. Dass die Schweiz mit einer der besten statistischen Erhebungen über das eigene Land die Gründe nicht eruiert hat, warum so viele Leute nicht mehr leben möchten und diesen letzten Ausweg wählen, trotz oder wegen all der Sicherheit und all des Luxus: Das erstaunt. Auch wenn es die paradoxe Verbindung von hoher Lebensqualität und hoher Suizidrate auch in anderen Länder gibt.

Andersherum gesagt: In den Slums der Dritten Welt bringen sich statistisch gesehen viel weniger Menschen um, weil sie den ganzen Tag mit dem Überleben verbringen.

Versuch als Hilfeschrei

Der Bund möchte herausfinden, woher diese immer noch hohe Zahl von Suiziden in der Schweiz kommt. Selbstverständlich ist das eine gute Idee. Denn um eine Therapie zu entwerfen, muss man die Gründe kennen. Dass in der Schweiz die Sterbehilfe erlaubt ist, und das zu Recht, hat übrigens nichts mit diesem Thema zu tun. Denn diese Art von Sterben ist ein bewusster, lange formulierter, nicht im Affekt vollzogener und im Wissen anderer ausgeführter Akt. Für ihn muss es gute Gründe geben.

Und es gibt sie. Eine unheilbare Krankheit zum Beispiel, die in ihrem letzten Stadium zu unvorstellbaren Schmerzen führt und damit eine Betäubung nötig macht, bei der sich der Sterbende nicht mehr im vollen Bewusstsein von seinen Nächsten verabschieden kann. Das ist nur noch eine Quälerei. Wer diese sich und den hilflosen Angehörigen ersparen möchte, darf mit unserem Verständnis rechnen.

Wir reden hier über etwas anderes: den meist heimlich vollzogenen Suizid, also die letzte, jähe, unumkehrbare Variante eines Abschieds. Dabei klingt an, was die obgenannte Statistik nicht nennt: der Suizidversuch. Dieser kann appellativ erfolgen, um sich als Opfer zu inszenieren, um auf seine Not aufmerksam zu machen, um noch nicht ganz sterben zu wollen in der Hoffnung, noch gerettet und geheilt zu werden.

Der Versuch kann ernst gemeint sein und scheitern, vielleicht ist das die schlimmst mögliche Variante. Ein Suizid oder Suizidversuch kann auch, so kalt das hier tönen mag, aus narzisstischen Motiven erfolgen: Wenn ich nicht mehr da bin, wird die Welt wissen, was ihr an mir fehlt. Wer sich umbringt, treibt andere wissentlich ins Unglück. Auch das kann herzlos sein, wie jeder weiss, der einen solchen Verlust selbst erlebt hat.

Das Wissen, jederzeit gehen zu können, motiviert wohl mehr Leute zum Aushalten ihres Lebens.

Was am Suizid aber nie zu reden gibt, ist das Beste an ihm: Er ist eine Möglichkeit, die man nicht ergreifen muss, die aber gerade deshalb tröstet. Das Wissen, jederzeit gehen zu können, motiviert wohl mehr Leute zum Aushalten ihres Lebens, als wir je erfahren werden. Laut Statistik denkt jeder Mensch das eine oder andere Mal daran, sich umzubringen. Dass so viele es nicht tun, hat möglicherweise auch damit zu tun.

Hermann Hesse hat leider viele Romane geschrieben, darunter aber einen, den man immer noch lesen kann, wenn auch mit Abstrichen, den «Steppenwolf» von 1927. Darin erzählt Hesse das Leben von Harry Haller, einem mürrischen Misanthropen, der durch ein Erlebnis mit einer halluzinogenen Substanz lernt, mit den Göttern zu lachen.

Davon zeichnet sich am Anfang des Romans noch nichts ab, eher das Gegenteil. An einem jener Tage, wie Hesse sie beschreibt, «laue Tage eines unzufriedenen Herrn», an welchen «selbst die Frage, ob es nicht an der Zeit sei, dem Beispiele Adalbert Stifters zu folgen und beim Rasieren zu verunglücken, ohne Aufregung oder Angstgefühle sachlich und ruhig erwogen wird».

Der österreichische Schriftsteller Adalbert Stifter schnitt sich 1868 die Pulsadern auf, er starb zwei Tage lang. Ein Grund mehr, weiterzuleben.

Erstellt: 06.05.2019, 22:12 Uhr

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