Wie stark belasten «glückliche Rinder» die Umwelt?

Bund und Tierschützer streiten, und verschiedene Studien machen die Verwirrung perfekt.

Glückliche Kühe oder Belastung für die Umwelt? Foto: Reto Oeschger

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Die Konfusion ist perfekt. Agroscope, die landwirtschaftliche Forschungsanstalt des Bundes, hat vor rund zwei Wochen eine Studie veröffentlicht, die wohl manchen Konsumenten aufhorchen lässt: Ein Kilogramm Fleisch aus Weidemast weist in fast allen untersuchten Bereichen eine höhere Umweltwirkung auf als ein Kilogramm Fleisch aus Grossviehmast gemäss Standard des Ökologischen Leistungsnachweises (ÖLN). Keine zwei Jahre zuvor, im Herbst 2014, hat die ­Öffentlichkeit die gegenteilige Meldung erreicht. Erstellt hatte die betreffende Studie das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl), das vom Bund mit mehreren Millionen Franken pro Jahr unterstützt wird. Was gilt nun?

Die Agroscope-Studie begründet die schlechtere Ökobilanz der Weidemast in erster Linie damit, dass Weiderinder weniger Kraftfutter erhalten und dadurch 20 Monate brauchen, bis sie ihr Schlachtgewicht erreichen – 5 Monate mehr als Tiere in Grossviehmast. Daher würden sie insgesamt mehr fressen, mehr klimaschädliches Methan produzieren und mehr Nährstoffe ausscheiden, welche die Umwelt belasten könnten.

«Studien-Kakofonie»

Die Studie ist umstritten. Der Schweizer Tierschutz (STS) wirft Agroscope vor, dem Auftraggeber der Arbeit, dem Fleischproduzenten Micarna, das gewünschte Ergebnis geliefert zu haben. «Entscheidende Aspekte sind nicht in die Bewertung eingeflossen», sagt STS-Geschäftsführer Hansuli Huber, beispielsweise das Tierwohl und die Tier­gesundheit, mitunter also die Frage, wie stark der Einsatz von Antibiotika in der Grossviehmast die Ökobilanz trübe.

Kritik übt auch Eric Meili, Berater am Fibl und einer der Gründerväter der Weidemast in der Schweiz. Wie Huber ortet er eine Reihe von wissenschaftlichen Mängeln. So etwa habe die Studie nicht berücksichtigt, dass grosse Weideflächen durch den Aufbau von Kohlenstoff im Boden, sprich Humus, CO2 binden würden, was sich positiv auf die Ökobilanz niederschlage. «Es ist einfach, Kriterien und Systemgrenzen so festzulegen, dass ein Produktionssystem gut abschneidet», sagt Meili.

Agroscope verwahrt sich gegen die Anwürfe. «Die Studie wurde gemäss wissenschaftlichen Kriterien und unabhängig durchgeführt», sagt Gérard Gaillard, Leiter der Forschungsgruppe Ökobilanzen von Agroscope. Die höheren Umweltwirkungen von Weidemast im Vergleich zu intensiver Mast seien in ­diversen internationalen Studien bestätigt worden. Auf Hubers Kritik entgegnet Agroscope, die Studie beziehe sich auf die Umwelteffizienz der Produktion und nehme keinen Bezug zu weiteren Fragestellungen wie etwa dem Tierwohl. Zur Kritik Meilis äussert sich Agroscope wie folgt: Bekannt sei, dass Grasland einen höheren Humusgehalt aufweise als Ackerland. Bei der Umstellung von Ackerland auf Grasland sei eine Erhöhung des Kohlenstoffgehalts im Boden zu erwarten, aber nicht bei einer fortgesetzten Bewirtschaftung als Grasland.

Bund soll Qualität steigern

Seine Kritiker vermag Agroscope damit nicht zu überzeugen. Der STS hat seine Bedenken inzwischen beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) deponiert – jenem Amt im Departement von Bundesrat Johann Schneider-Ammann (FDP), dem Agroscope angegliedert ist. Es könne nicht im Sinn der Schweizer Landwirtschaftsforschung sein, eine solche «Studien-Kakofonie» zu erzeugen und die Konsumenten ratlos zurückzulassen, heisst es im Schreiben, das dem «Tages-Anzeiger» vorliegt. Der STS fordert, das BLW müsse für eine verbesserte Qualität der Ökobilanzstudien sorgen und «zwingend notwendige Anpassungen» bei den Systemgrenzen in die Wege leiten, unter anderem, indem künftig auch das Tierwohl und die Tiergesundheit in die Ökobilanz einflössen.

Doch das BLW winkt ab. «Wir vertrauen darauf, dass beide Studien wissenschaftlichen Qualitätsansprüchen genügen», sagt Direktor Bernard Lehmann. Es sei nicht am BLW, Forschenden von Agroscope vorzuschreiben, wie sie ihre Arbeit zu machen hätten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2016, 19:54 Uhr

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