Jetzt verteidigt ein Bürgerlicher die Sozialhilfe

Christoph Eymann (LDP) und Elisabeth Baume-Schneider (SP) präsidieren die Sozialhilfekonferenz. Sie läuten eine neue Ära ein.

Stehen neu der Skos vor: Christoph Eymann und Elisabeth Baume-Schneider. Foto: PD

Stehen neu der Skos vor: Christoph Eymann und Elisabeth Baume-Schneider. Foto: PD

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Die Schweizerische Sozialhilfekonferenz Skos geht in eine neue Ära. Sie wagt mit dem neuen Präsidenten eine Art Experiment: Wie verändert sich die sozialpolitische Debatte, wenn dem zentralen Verein ein bürgerlicher Politiker vorsteht? Das wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Christoph Eymann, der am gestrigen Donnerstag an der Mitgliederversammlung der Skos in Baar ZG zum Präsidenten gewählt wurde, gehört der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) in Basel an. Sie hat zwar nicht mit den Freisinnigen fusioniert (anders als in anderen Kantonen), trägt jedoch das Freiheitliche im Namen und gibt damit dem Verein, dem zahlreiche Gemeinden und Städte angehören, ein neues Gesicht. Eymanns Vorgänger waren Mitglieder von Grünen und SP. Parteien, die die Sozialhilfe nicht nur kritisieren, sondern sich auch im Sozialwesen engagieren.

«Genialer Zwischenbau»

Eymann, der früher Nationalrat war, dann Bildungsdirektor in Basel und nun seit bald einer Legislatur wieder im Parlament sitzt, nennt genau dies als Grund für sein Skos-Engagement: Ausbrechen aus der eng begrenzten eigenen Klientel. Er sei privilegiert, genauso wie seine Parteikollegen, sagte Eymann. Es gebe aber noch andere Lebensrealitäten, und für das Wohl ebenjener, die nicht auf der Sonnenseite stehen, wolle er sich einsetzen. Dabei gibt er zu, dass er in der Sozialpolitik ein Neuling ist.

Mit der Sozialhilfe verwandte Bereiche hat er bisher höchstens gestreift, als Bildungsdirektor und Direktor der Handelskammer Basel-Stadt. Die Skos habe er schon immer für einen genialen Zwischenbau gehalten zwischen Politik und Praxis: «Es gibt hier so viel Know-how, das man nutzen muss.» Dagegen hätten Politiker, die über die Sozialhilfe reden, oft keine Ahnung davon, sagt er.

Die Findungskommission, angeführt vom Glarner Sozialamtsleiter Andreas Zehnder, wollte einen Präsidenten mit Akzeptanz, wie Zehnder in Baar vor rund 200 Mitgliedern sagte. ­Eymanns Vorgänger-Duo Felix Wolffers und Therese Frösch mussten sich viel Kritik gefallen lassen, weshalb Wolffers beim Rücktritt offen dazu stand, dass er die Nase voll habe nach fünf Jahren Bashing von rechts. Der neue Präsident musste also breit akzeptiert sein. Eymann gilt als Bürgerlicher mit sozialem Gewissen, wie es für die Liberal-Demokraten typisch ist.

Der neue Präsident wird den Fokus auf die Verteidigung der Sozialhilfe legen.

Als wichtig erachtete die Findungskommission auch, die Westschweiz besser einzubinden. Vizepräsidentin ist deshalb Elisabeth Baume-Schneider. Als ehemalige Sozialarbeiterin, jurassische Regierungsrätin und heutige Direktorin der Hochschule für Sozialarbeit in Lausanne sei sie für die Funktion prädestiniert, sagte Zehnder. Eymann und Baume-Schneider, die wegen eines Verkehrsstaus mit einstündiger Verspätung in Baar eintraf, wurden per Handaufhalten gewählt.

Der neue Präsident wird den Fokus auf die Verteidigung der Sozialhilfe legen, wie schon seine Vorgänger. Das Berner Nein zur Grundbedarfskürzung vom vergangenen Sonntag habe ihn sehr erleichtert, sagte er. Und er schreibt der Arbeit der Skos einen wichtigen Beitrag an dem Ergebnis der Volksabstimmung zu. Weil sie die wissenschaftlichen Grundlagen für eine faktenbasierte Diskussion schaffe, habe die Bevölkerung des Kantons Bern richtig informiert werden können, sagte Eymann. Genauso müsse man auch weiterhin verfahren, wenn Kürzungen zur Debatte stünden. Etwa im Kanton Baselland, wo das Parlament die Regierung mit einer Vorlage beauftragt hat.

Wiedereinstieg erleichtern

Angesprochen auf die Probleme in der Sozialhilfe, verweist Eymann auf die Weiterbildungsoffensive, die die Skos mit dem schweizerischen Verband für Weiterbildung angestossen hat. Demnächst stehen Pilotprojekte an. Die Idee dahinter: Der Bund soll mit der Botschaft für Bildung, Forschung und Innovation Geld sprechen für die Förderung der Grundkompetenzen und die berufliche Qualifizierung von Sozialhilfebeziehenden. Die Sozialdienste sollen dafür sorgen, dass die Sozialhilfebeziehenden eine Standortbestimmung, Bildungsziele und eine Weiterbildung erhalten.

Bei der Hochschulbildung sei in den letzten 20 Jahren eine maximale Durchlässigkeit erreicht worden, sagt Eymann. Das müsse auch bei der Grundbildung gelingen. Nur so gelinge einer breiten Schicht der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben.

Erstellt: 23.05.2019, 22:03 Uhr

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