Das Dilemma der Hotellerie

Einerseits braucht die Branche Ferienwohnungen, um Hotels zu finanzieren. Andererseits haben Zweitwohnungen unliebsame Begleiterscheinungen.

Strukturwandel in der Hotellerie: Fünf-Sterne-Hotel in Lenk. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Strukturwandel in der Hotellerie: Fünf-Sterne-Hotel in Lenk. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alle zehn Jahre verschwinden in der Schweiz rund 800 Hotels. Dieser Strukturwandel müsse weitergehen, fordert Hotellerie-Suisse-CEO Christoph Juen. Und die Politik dürfe den Wandel nicht aufhalten. Deshalb setzt sich der Verband dafür ein, dass unrentable Betriebe geschlossen und als Zweitwohnungen veräussert werden dürfen. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass immer mehr Bauruinen die Landschaft verschandelten. «Es gibt Beispiele von geschlossenen Hotels, die nicht abgerissen wurden und nun verfallen», sagt Juen. Gleichzeitig räumt er ein, dass es sich dabei um Einzelbeispiele handle. «Die sind aber durchaus signifikant.»

Interessant findet Juen vor allem Teilumwandlungen. Mit dem teilweisen Verkauf des Betriebs als Zweitwohnungen könne sich der Hotelier Eigenkapital beschaffen, um den Rest des Hotels auf Vordermann zu bringen, sagt Juen. In solche hybriden Strukturen setzt der Verbandschef grosse Hoffnung. Dennoch hält er den gestern im Nationalrat getroffenen Kompromiss, unrentable Betriebe dürften nur noch zur Hälfte in Zweitwohnungen umgewandelt werden, für ungenügend. Besonders für kleine Betriebe sei diese Lösung nicht praktikabel. Sie sollten besser komplett in Zweitwohnungen umgewandelt werden können, da im Rahmen der Strukturanpassung nicht noch kleinere Hotels entstehen sollten.

Dass Ferienwohnungen Hotels konkurrieren, scheint Hotellerie Suisse nicht zu stören. Und: War es nicht dieser Verband, der in jüngster Vergangenheit mehrmals Ferienwohnungsplattformen wie Airbnb kritisiert hat? Und nun setzt er sich trotzdem dafür ein, dass weitere Ferienwohnungen entstehen dürfen?

«Keine Konkurrenz zu Hotels»

Die Haltung der Branche ist Ausdruck einer Zwickmühle. Auf der einen Seite braucht sie ein liberales Gesetz. Es gibt beispielsweise immer wieder Hotelprojekte, die über den Bau von Ferienwohnungen quersubventioniert werden. Das sei das meistverwendete und erfolgreichste Modell, um Investitionen zu tätigen, heisst es beim Verband. Wie viele Hotels sich so finanzieren, kann Hotellerie Suisse allerdings nicht sagen,

Es bleibt anekdotisch: Aus Grindelwald, wo 2016 ein neues Luxushotel in Verbindung mit Zweitwohnungen eröffnet werden soll (die Baubewilligung wurde vor der Abstimmung erteilt), heisst es etwa: «Das Hotel allein wäre zu klein, um es rentabel zu betreiben. Die Besitzer der Apartments helfen uns, die Infrastruktur mitzufinanzieren», so der Projektverantwortliche Daniel Neuenschwander von der federführenden Immobiliengesellschaft HRS.

Dass Ferienwohnungen die touristische Infrastruktur mittragen, ist auch für Hotellerie-Suisse-Chef Juen ein zentraler Punkt. «Nur wer kurzfristig denkt, sieht Ferienwohnungen als Konkurrenz zu den Hotels», sagt er. «Wir pflegen eine ganzheitliche Betrachtung, bei der Zweitwohnungen für zusätzliche Gäste sorgen. Davon profitieren alle.»

Juen erkennt aber durchaus auch negative Seiten. «Nichts ist schlimmer als geschlossene Fensterläden am Nachbarchalet», sagt er. Dem stimmt Rudolf Tucek, Chef der Hotelkette Cube, zu. Doch gehe es um eine Interessenabwägung: Sollen kalte Betten in Kauf genommen werden, wenn dafür sinnvolle Projekte finanziert werden können? Eine allgemeingültige Antwort darauf hat er nicht: «Das muss von Fall zu Fall abgeklärt werden.»

Widerstand in Mürren

Tucek sieht weitere Schattenseiten, etwa die «verschandelten Ortsbilder». Davor fürchtet sich auch Martin von Allmen, der in Mürren eine Ferienwohnung bewirtschaftet und ein Restaurant besitzt. Er wehrt sich mit einer Kollektiveinsprache gegen die Grossüberbauung The Myrrhen. «Als ich die fünf Stockwerke hohen Baustangen gesehen habe, dachte ich nur: Jesses!» Das Projekt verbaue die Aussicht auf die Jungfrau und damit eine der Hauptattraktionen Mürrens. Ob es als Hotel- oder Zweitwohnungsprojekt gilt, ist umstritten, weshalb es derzeit sistiert ist.

Innert zwei Wochen habe er 520 Unterschriften gesammelt – vorwiegend von Einheimischen, Chaletbesitzern und Stammgästen. Hoteliers hätten sich dagegen zurückgehalten. «Viele haben mir zwar im privaten Gespräch Sympathien für die Einsprache zugesichert, wollten aber der Schilthorn-Bahn AG, ­einer Mitinvestorin des Projekts, nicht auf die Füsse stehen», sagt von Allmen.

Erstellt: 03.03.2015, 22:39 Uhr

Artikel zum Thema

Weber-Stiftung und Parlament versöhnen sich

Der Nationalrat verschärft das Zweitwohnungsgesetz im Sinne der Landschaftsschützer. Mehr...

Eine erfreuliche Überraschung

Kommentar Die Einigung in der Debatte zur Zweitwohnungsinitiative ist ein pragmatischer Kompromiss. Mehr...

«Ich fühle mich nicht von der SVP instrumentalisiert»

Kompromiss in letzter Minute: Vera Weber, Mitinitiantin der Zweitwohnungsinitiative, sagt, warum SVP und FDP ihre Meinung geändert haben – und warum die CVP so genervt ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Geldblog Wohin mit dem Freizügigkeitsgeld?
Mamablog Ab auf die Bäume, Kinder!
Sweet Home Ferien im Chalet

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...