Das erwartete Beben

Sepp Blatter zahlt einen hohen Preis für sein Wirken bei der Fifa. Er kann nicht einmal auf Mitleid hoffen.

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Am 3. Juni veröffentlichten wir folgenden Kommentar: «Es ist das nächste mächtige Beben. Das mächtigste von allen überhaupt bisher.» Es war am Tag nach Sepp Blatters Erklärung, er stelle sein Amt als Fifa-Präsident zur Verfügung.

Und jetzt hat es schon wieder gebebt im Prunkbau neben dem Zoo, wieder heftig, aber es ist nicht mehr die Überraschung wie im Juni, als Blatter alle verblüffte mit seiner Rücktrittsankündigung. Jetzt ist nur das passiert, was lange schon erwartet worden war. Das Überraschende daran ist etwas anderes: dass es so lange gedauert hat, bis gegen Blatter ein Strafverfahren durch eine Justizbehörde eröffnet worden ist; dass er es eben so lange geschafft hat, alles zu vernebeln, was er in seinem Büro inszenierte. Die Unschuldsvermutung gilt nun auch für Blatter. Aber selbst wenn er die neuesten Ereignisse strafrechtlich unbeschadet überstehen sollte – was ändert das noch an seinem Bild, das er abgibt, an seinem Image, das er noch hat? Ruiniert ist beides. Seine Glaubwürdigkeit hat er längst verspielt.

Königshäuser und Präsidentenpaläste waren seine Welt gewesen, im Privatjet klapperte er sie ab. Seit am 27. Mai die Polizei das Baur au Lac stürmte, ist sie eingestürzt. Blatter ist ein Gefangener geworden, der es seither nur noch bis in Putins Reich schaffte, weil er da vor der US-Justiz sicher war. Das ist eine Demütigung, die für ihn schlimmer ist als jede Schmähung in den Zeitungen.

Vielleicht kommt der heute 79-Jährige eines Tages selbst zur Einsicht, dass ihn im Alter das verlassen hat, was ihn so gross und einflussreich gemacht hat: der Instinkt, im richtigen Moment das Richtige zu machen. Sonst hätte er sein eigenes Wort gehalten und wäre schon 2011 als Präsident abgetreten, wie er es vier Jahre zuvor versprochen hatte. Er wäre wenigstens mit Applaus verabschiedet worden.

Nun rächt sich auch, dass er nie Leute um sich duldete, die ihm mit einem guten Rat dienen wollten, dass er Bücklinge und Hofnarren vorzog und viele andere abservierte, wenn sie ihm nicht mehr von Nutzen waren. Er zahlt einen hohen Preis für sein Wirken während 40 Jahren bei der Fifa. Am Ende kann er nicht einmal mehr auf Mitleid hoffen.



Erstellt: 25.09.2015, 21:10 Uhr

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