Das Geschäft mit der Freiheit

In den USA schliessen Milliardäre die Medien – oder kaufen sie. In der Schweiz debattiert das Parlament über eine Halbierung der SRG.

Das Fernsehstudio in Zürich-Leutschenbach. Foto: Thomas Egli

Das Fernsehstudio in Zürich-Leutschenbach. Foto: Thomas Egli

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«So laufen die Dinge.» Mit den Worten verabschiedete der Gründer Nick Denton nach 14 Jahren das Webmagazin «Gawker».

Selbst am Grab blieb unklar, ob man hier ein Kind oder ein Monster in den Sarg gelegt hatte. «Gawker» war eine Website, deren Macher sich das Wort «Freiheit» auf die Fahne geschrieben hatten. Eigentlich gab es für die Mitarbeiter nur drei Vorgaben: rohen Stil, keinen Respekt und keine Angst.

Das Prinzip Freiheit führte, wie zu erwarten, zu ebenso brillanten wie widerlichen Resultaten: Neben atemberaubenden Recherchen spezialisierte sich «Gawker» auf Flüche, Beleidigungen und giftigen Klatsch. Man war stolz, keine Verbündeten, sondern nur Feinde zu haben.

Ein Feind brach «Gawker» dann das Genick. 2007 outete das Magazin den Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel als schwul. Thiel schwor, dass es «Vernichtung regnen würde». Und dann wartete er. Während eine Kanzlei von Top-Anwälten «Gawkers» Verfehlungen sammelte. 2012 veröffentlichte «Gawker» Ausschnitte aus einem Sex-Tape des Wrestlers Hulk Hogan. Thiel finanzierte für Hogan den teuren Prozess – der mit einem absurd hohen Urteil endete: 140 Millionen Schmerzensgeld für Hogan. «Gawker» war bankrott, die Marke wurde eingestellt – das Risiko, dass Thiels Anwälte noch einmal klagen würden, war zu hoch.

Peter Thiel hatte seine Rache. Und eine Methode gefunden, mit der jeder beliebige Milliardär jedes beliebiges Medium schliessen konnte. Und das per Portokasse. «Gawkers» Vernichtung hatte nur 10 Millionen Dollar gekostet.

Danach wurde keine Zeit verloren: Thiels Anwälte meldeten sich bei den weiteren Medien im Namen anderer Milliardäre, der Prominenteste war Donald Trump. Bei der Website «Politico» gefiel Trump die Story über seine Frau nicht. Nun drohten seine Anwälte mit Vernichtung.

Kurz: Der Respekt ist wieder da, die Angst auch. Jedes Medium wird nun genau überlegen, was es über Superreiche schreibt. Schon weil immer mehr Medien Milliardären gehören: Der Erzkonservative Sheldon Adelson etwa kontrolliert die Politik in seinem Heimatstaat Nevada über seine Zeitungen. Oder der linke Ebay-Gründer Pierre Omidyar lässt seine Rechercheure über «The Intercept» feuern.

In den USA ist so etwas wie öffentlicher Rundfunk fast inexistent: Es gibt nur ein kaum gesehenes Parlamentsfernsehen. Der Preis dafür ist hoch: Die Medien haben sich spezialisiert, auch in der Weltanschauung. Bei Fox News haben die Republikaner immer recht, und die Demokraten sind Verräter und Idioten. Bei MSNBC umgekehrt. Die Spaltung der Medien führt zur Spaltung des Landes. Eine, bei der es nicht mehr um zwei Interpretationen der Wirklichkeit geht, sondern um zwei Wirklichkeiten. Tatsachen spielen dabei primär die Rolle als Geisel der politischen Lager. Das politische Resultat ist erstens Unversöhnlichkeit. Und zweitens die totale Blockade.

Extremismus und Reichenspielzeug ist eine logische Folge der Schwäche der Medien: Die Werbung ist ins Netz gewandert, eine Investition in Nachrichten lohnt sich meist nur, falls man etwas anderes im Kopf hat als Geld: Politik.

Deshalb läuft die SRG-Debatte im Parlament so schräg: Die SVP will das Budget halbieren, die Verleger sie aus dem Netz heraushalten, beide, dass das (dafür absolut nicht kompetente) Parlament dem Fernsehen einen «Rahmen» setzt. Dabei ist klar, dass die Zukunft der Medien entweder staatlich unterstützt ist oder ein Fox-News-System: bunt, rau, polarisiert und für alles gut, ausser für die Schaffung gemeinsamer Tatsachen für Debatten.

Die Agenda der SVP ist dabei klar: Sie hat den einzigen Milliardär des Landes an Bord, der Kraft und Entschlossenheit hat, die Krise der Medien zu nutzen: Christoph Blocher ist ein Mann mit tiefen Überzeugungen und tiefen Taschen. Und selbst wenn der Frontalangriff der SVP nicht durchkommt, ergibt er Sinn: Die SRG ist jetzt schon eingeschüchtert.

Doch so sehr die SRG manchmal kuscht, ärgert, langweilt – sie liefert, was für die Zukunft niemand sonst seriös garantieren kann: den Boden für eine gemeinsame Debatte. Wer eine Rumpf-SRG will, will eine andere Demokratie.

Erstellt: 30.08.2016, 23:20 Uhr

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