Er war das grüne Gewissen der Schweiz

Franz Weber kämpfte mit Brigitte Bardot für Robbenbabys, stellte Naturschönheiten unter Schutz und überzeugte das Volk von der Zweitwohnungsinitiative. Ein Nachruf.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seinen grössten Triumph erzielte er im Alter von 84 Jahren: Am 11. März 2012 sagten Volk und Stände Ja zur Zweitwohnungsinitiative. Vater des Begehrens war Franz Weber, der nimmermüde Umweltaktivist und Heimatschützer der ersten Stunde. Während Jahrzehnten war der gebürtige Basler zur Stelle, wenn Tiere getötet, alte Kirchen geschleift oder Schnellstrassen gebaut werden sollten. Geschickt spannte er von Beginn weg die Medien für seine hehren Zwecke ein – ein PR-Profi avant la lettre.

Die Initialzündung für Webers Lebenskampf erfolgte 1965 im Oberengadin. Im unberührten Surlej war damals eine Grossüberbauung mit 20’000 Einwohnern geplant. Weber, der zuvor in Paris sein Glück als Journalist und nicht eben erfolgreicher Schriftsteller versucht hatte, setzte zum Feldzug gegen den Naturfrevel an. Er machte die Medien auf das Problem aufmerksam, besichtigte mit ihnen den Tatort und schürte Emotionen.

Der unermüdliche Pionier im Kampf für eine lebenswerte Welt ist am Dienstag 91-jährig gestorben. (Video: SDA)

Die Grenzen zur Hochstapelei konnten dabei fliessend sein. So organisierte Weber 1971 im Zürcher Hotel Dolder eine Wohltätigkeitsgala für das Surlej. Der gut aussehende Charmeur verkündete, Alfred Hitchcock, Orson Welles und Herbert von Karajan seien eingeladen. Die Zürcher High Society, ein Bundesrat und der Bündner Regierungspräsident strömten zum Galaabend. Von den Stargästen tauchte keiner auf, doch Weber hatte am Ende 450’000 Franken zur Rettung des Surlej beisammen.

Die nützliche Nervensäge

Der stets elegante Weber hatte viele Feinde. Trotz seiner unbestrittenen Verdienste blieb der ungestüme Aktivist für viele ein Paria. Welsche Zeitungen betitelten ihn einst als «Emmerdeur utile», als «nützliche Nervensäge».

In den Siebzigerjahren wurde Weber im Wallis mit Jauche übergossen, und auf einer Alp oberhalb Verbier lieferte er sich einen Faustkampf mit einem lokalen Tourismuskönig. Als sich Weber für den Erhalt der Lavaux-Weinberge am Genfersee einsetzte, liess er, begleitet von einer Schar Journalisten, Ballone in den Himmel steigen, welche die Höhe der geplanten Häuser anzeigten. Den Angriff eines Weinbauern, der mit der Hacke auf ihn losging, brauchte er dann nicht mehr zu inszenieren.

So zahlreich seine Feinde, so erfolgreich waren viele der über 150 Kampagnen. Weber hat in Togo ein Elefantenreservat gegründet, die antiken Stätten im griechischen Delphi und das Jugendstilhotel Giessbach am Brienzersee vor der Zerstörung gerettet. Er kämpfte zusammen mit der französischen Schauspielerin Brigitte Bardot in Nordkanada gegen das Abschlachten von Robbenbabys.

Ohne Franz Weber würde jetzt eine Autobahn durch die Lausanner Seepromenade führen. Gegen den Widerstand der Waadtländer Regierung schaffte er es mit einer kantonalen Initiative, die Lavaux-Weinberge unter Schutz zu stellen. Inzwischen gehört die Region zum Unesco-Welterbe.

Es gab Momente, in denen Weber zur Karikatur seiner selbst zu werden drohte.

Weber dachte auch im fortgeschrittenen Alter nicht daran, kürzerzutreten. «Aufhören wäre Fahnenflucht», sagte Weber dem «Tages-Anzeiger» bei einem Treffen im Jahr 2008. Erst während des Abstimmungskampfs zur Zweitwohnungsinitiative übergab Weber die Leitung seiner Organisation Helvetia Nostra an seine Tochter Vera. Nach dem Abstimmungssieg erklärte er: «Das ist einer der wichtigsten Tage in meiner Karriere.» Tatsächlich ist die Zweitwohnungsinitiative das einzige Anliegen, das er in der Bundesverfassung verankern konnte.

Insgesamt hat Weber 15 kantonale und 12 eidgenössische Initiativen eingereicht – so viele wie niemand sonst. Von den nationalen Begehren kamen nur vier zur Abstimmung. Die übrigen zog Weber zurück, weil ihm Bundesrat und Parlament entgegenkamen. Ohne Chance blieben die Initiativen für mehr Demokratie im Nationalstrassenbau (1978), die Abschaffung der Vivisektion (1985) und gegen Kampfjetlärm (2008).

Die Vehemenz, mit der Weber bei der Kampfjet-Initiative auftrat, hat der Sache laut Beobachtern geschadet. Tatsächlich ging mit Weber bisweilen das Temperament durch: Er warf der Luftwaffe Lärmkrieg gegen die eigene Bevölkerung vor und behauptete in einer Nationalratskommission, Berner Alpkäse stinke nach Kerosin. In solchen Momenten drohte Weber zur Karikatur seiner selbst zu werden.

«Mord an der Landschaft»

Bei der Zweitwohnungsinitiative rief Weber zwar auch dazu auf, den «Mord an der Landschaft zu stoppen». Verglichen mit früheren Kampagnen agierte er jedoch zurückhaltend. Er habe gewusst, dass die Chancen für ein Ja sehr gross seien, sagte Weber nach dem Abstimmungssieg. Offensichtlich erkannte er, dass es in diesem Fall nicht der übermässigen Provokation bedurfte: «Bei früheren Fällen wollten wir aufrütteln. Hier wollten wir gewinnen», sagte er.

Mit der Zweitwohnungsinitiative ist Weber zum Ursprung seines Engagements zurückgekehrt – zum Kampf gegen den überbordenden Wohnungsbau in den Alpen. Was 1965 in Surlej seinen Anfang nahm, hat 2012 an der Abstimmungsurne sein Ende gefunden. Mit durchschlagendem Erfolg. Am vergangenen Dienstag ist Franz Weber mit 91 Jahren gestorben.

Erstellt: 04.04.2019, 15:28 Uhr

Artikel zum Thema

Franz Weber ist tot

Video Er kämpfte als Pionier für den Schutz der Natur: Der Vater der Zweitwohnungsinitiative ist mit 91 Jahren gestorben. Mehr...

Zweitwohnungsinitiative: Keine Entschädigung für Betroffene

Eine Baufirma verlangte eine halbe Million Franken Entschädigung. Darauf habe sie keinen Anspruch, fand das Bundesgericht. Mehr...

Die grosse Leere in den Bergen

In vielen Tourismusorten sind die Mieten stark gesunken. Und es stehen mehr Wohnungen leer – auch wegen der Zweitwohnungsinitiative. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Wettbewerb

Wie du spielend Geld sparen kannst

Energy Hero ist das kostenlose Online-Spiel, mit dem du mit etwas Fingerfertigkeit Preise im Wert von insgesamt 30 000 Franken gewinnen kannst.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...