Das haben sie nicht verdient

In der Schweiz bekommen zehn Prozent aller Beschäftigten sehr tiefe Löhne. Eine gute Erklärung gibt es nicht dafür.

Haare zu schneiden, lohnt sich nicht, Coiffeure arbeiten oft für wenig Geld. Foto: iStock

Haare zu schneiden, lohnt sich nicht, Coiffeure arbeiten oft für wenig Geld. Foto: iStock

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Anderen zu Diensten zu sein, lohnt sich nicht. Jene Menschen, die uns die Haare schneiden oder das Essen an den Tisch bringen, die unser Büro putzen oder im Supermarkt einkassieren; all jene Menschen, die unseren Alltag erleichtern, haben es selber oft schwer. Sie verdienen so wenig, dass es nur knapp zum Leben reicht.

Kürzlich hat das Bundesamt für Statistik untersucht, in welchen Branchen schlechte Löhne gezahlt werden. Besonders oft trifft dies bei Dienstleistungsberufen zu. So verdienen gut 59 Prozent der Coiffeusen weniger als 4300 Franken brutto im Monat. Rund 10 Prozent aller Schweizerinnen müssen zu einem Tieflohn arbeiten.

Wie haben sie das nur verdient? Die einfachste Antwort verweist auf Angebot und Nachfrage. Können viele Menschen eine Arbeit erledigen, sinken die Löhne. Das betrifft vor allem Jobs, die sich schnell lernen lassen. Umgekehrt verdient man sehr gut in Branchen, wo es an fähigen Leuten mangelt. Davon profitieren Informatiker. Oder Industrietaucher. Doch das erklärt nicht alles. Auch wenn es ein Überangebot an Informatikern gäbe, würde deren Lohn kaum auf das Niveau von Kosmetikerinnen absacken. Dies liegt laut Ökonomen an der Wertschöpfung der Branchen. IT-Unternehmen (oder Banken oder Anwaltskanzleien) setzen viel Geld um. Ein Teil davon fliesst weiter in die Löhne. Die Gastronomie oder die Coiffeurbranche gelten hingegen als «schwachproduktiv». Es kommt nicht viel Geld herein. Folglich gibt es nur wenig zu verteilen.

Man könnte stattdessen die gesellschaftliche Bedeutung eines Jobs in den Lohn rechnen, die Monotonie bei der Arbeit mit einbeziehen oder den körperlichen Verschleiss.

Über die Lukrativität der Branchen bestimmt nicht der Markt allein. Sie hängt ab von gesellschaftlichen Wertungen und Machtverhältnissen. Warum kann ein Anwalt pro Stunde viel mehr verlangen als eine Spitex-Mitarbeiterin? Warum erhält eine Primarlehrerin mehr Geld als eine Kleinkinderzieherin? Ganz einfach: weil wir gewisse Tätigkeiten als wichtiger und wertvoller einschätzen. Ausserdem gilt: Ein Uni-Studium zahlt sich aus. Das Geschlecht hat ebenfalls einen grossen Einfluss. In klassischen Frauenbranchen werden häufig tiefere Löhne bezahlt.

Es gibt akademische Versuche, den Wert von Arbeit neutraler zu beurteilen. So berücksichtigt der «Comparable Worth Index» möglichst viele Anforderungen und Belastungen, die sich vergleichen lassen. Dazu gehört etwa, wie lange Angestellte ohne Unterbruch konzentriert arbeiten müssen. Oder wie oft sie gezwungen sind, von Termin zu Termin zu hetzen. Verwendet man diesen Ansatz, geht die Arbeit von Juristen, jene von Elektroingenieuren und jene von Angestellten im Gesundheitsbereich als gleichwertig hervor. Die drei Berufsgruppen müssten folglich gleich viel verdienen.

Die Sache lässt sich weiterdrehen. Es ist nicht zwingend, dass akademische Bildung so stark einschenkt, wie sie das heute tut. Man könnte stattdessen die gesellschaftliche Bedeutung eines Jobs in den Lohn rechnen, die Monotonie bei der Arbeit mit einbeziehen oder den körperlichen Verschleiss. Solchen Umwertungsversuchen haftet etwas Willkürliches an. Doch auch die heutige Verteilung wirkt nicht wirklich nachvollziehbar. Ein Lohnsystem, das allen gerecht wird, ist noch nicht erfunden.

Zumindest eine Regel müsste gelten: Wer 40 Stunden die Woche arbeitet, egal ob man Zehennägel lackiert oder Derivate verschiebt, sollte genug Geld bekommen für ein anständiges Leben. Alles andere ist unanständig.

Erstellt: 24.07.2019, 21:23 Uhr

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