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Das heilige Erben

Bei der Frage der Erbschaftssteuer geht es um den Kern der eigenen Identität.

Im Jahr 1999 erschütterte sich das Vertrauen in meine politische Urteilskraft. Im Kanton Zürich stand damals die Abstimmung zur Abschaffung der Erbschaftssteuer an, und ich war überzeugt, dass dieses Anliegen keine Chancen hat. Wieso sollte es? Schliesslich erben viele wenig und nur wenige viel. Ich dachte, es sei für alle offensichtlich, dass die Erbschaftssteuer von allen Varianten, den Staat zu finanzieren, die eleganteste sei.

Erben hat etwas Zufälliges und Unplanbares. Den einen fällt es zu, den anderen nicht. Einige erben früh, viele aber erst dann, wenn sie die finanziellen Engpässe im Leben längst überwunden haben. Die eigene Lebensplanung auf den Erbfall auszurichten, ist nicht ratsam – schon gar nicht, wenn man seinen Eltern ein langes, komfortables Leben wünscht.

Es geht um mehr, als ich dachte

Doch dann zerbrach diese Über­zeugung an einem sonnigen Sommerabend 1999. Es war bei der Wohnungseinweihung eines Arbeitskollegen, als sich dieser – nennen wir ihn Martin – aus tiefster Überzeugung für die Abschaffung der Erbschaftssteuer aussprach. Das machte mich baff, denn sonst war er es, der sich auf die Seite der kleinen Leute stellte, während ich mit Wettbewerb und Leistung argumentierte. Martin nervten Abzocker, während mich eher die Anspruchshaltung passiver Angestellter störte.

Wieso überholte mich Martin nun ausgerechnet bei der Erbschaftssteuer rechts? Nicht einmal Eigennutz konnte ich ihm unterstellen, denn von uns beiden bin ich und nicht er der potenzielle Erbe. Sein damaliges Kernargument, dass Erbschaftssteuern ungerecht seien, weil das Erbe bereits mehrfach versteuert wurde, macht im aktuellen Abstimmungskampf zur nationalen Erbschaftssteuer wieder die Runde. Ich hörte es damals zum ersten Mal. Doch es machte mir mit einem Schlag klar, dass es bei der Erbschaftssteuer um weit mehr geht, als ich immer dachte. Und prompt sprachen sich die Stimmberechtigten in Zürich noch im selben Jahr deutlich für die Abschaffung der Erbschaftssteuer für direkte Nachkommen aus.

Die Identität der Familie

Bei der Frage der Erbschaftssteuer geht es um den Kern der eigenen Identität. Aus Sicht des Individuums ist eine Erbschaft eine Handänderung, wie ein Einkommen. Wie dieses wurde es zwar schon versteuert, aber nur von anderen. Weil nicht nur dem Individuum, sondern auch der Familie Identität zugesprochen wird, wurden in der Schweiz Erbschaften traditionell zwar besteuert, jedoch weniger stark als ein normales Einkommen.

Wir kennen keine Sippenhaft

In der Haltung, dass Erbschaftssteuern an direkte Nachkommen per se ungerecht seien, offenbarte sich für mich eine ebenso radikale wie unplausible Vorstellung von Identität, in der keine Grenzen zwischen den Individuen einer Familie bestehen. Es ist eine Vorstellung, die in der Praxis keinerlei Bedeutung hat. Oder kennen Sie eine Familie, in der die Kinder zu Lebzeiten von den Eltern alles nehmen dürfen, was sie wollen? Nach dem Motto: «Es bleibt ja in der Familie.» Unsere Gesellschaft kennt keinen Familienkommunismus und keine Sippenhaft. Niemand will für das Versagen eines Familienmitglieds geradestehen müssen. Direkte Nachkommen können ein Erbe ausschlagen, wenn es sich als Schuldenlast erweist.

Das lose Band wird straff

Anders als noch vor ein paar Jahr­zehnten leben heute die meisten Menschen im Modell der 2-Generationen-Kernfamilie. Das Band zwischen der Grosseltern- und der Elterngeneration ist lose. Doch wenn es ums Erben geht, dann entfaltet das heilige Band der Familie auf einmal seine emotionale Kraft. Emotionen, die erstaunlich schnell ins Negative kippen können, wenn sich einer der Erben benachteiligt sieht. Wie tief die Debatte um die Erbschaftssteuer die Grundfragen der eigenen Identität betrifft, war mir bis zu jenem Sommerabend im Jahr 1999 nicht bewusst. Seither mache ich mir über die Mehrheitsfähigkeit der Erbschaftssteuer keine Illusionen mehr. Nur gelegentlich ertappe ich mich bei der Frage, warum eigentlich ausgerechnet die eleganteste aller Steuern so unbeliebt ist.

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