Das Herz von Oberwil-Lieli

Johanna Gündel, eine 24-jährige Studentin, besiegt in der Flüchtlingsfrage SVP-Hardliner Andreas Glarner.

Johanna Gündel wollte sich nicht für ihr Dorf schämen. Foto: zVg

Johanna Gündel wollte sich nicht für ihr Dorf schämen. Foto: zVg

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Es war ein ungleiches Duell. Auf der einen Seite stand Johanna Gündel (24), eine Sprachstudentin, bei ihrer ersten Gemeindeversammlung. Auf der anderen Seite der Gemeindepräsident: Andreas Glarner, SVP, stolz auf seinen Realismus.

Es ging um das Projekt, das Glarner berühmt gemacht hatte: Die Aargauer Gemeinde Oberwil-Lieli budgetierte lieber 290'000 Franken Ersatzzahlung, statt einen einzigen Flüchtling aufzunehmen. Und riss jedes leer stehende Gebäude ab, um ganz sicher keinen Platz zu haben.

Glarner gab dazu ein Interview im deutschen Fernsehen und nannte sich «knallhart». Das sicherte ihm die Wahl in den Nationalrat.

Es zählte nur, wer besser mobilisiert hatte

Freitagabend kam es zum Showdown. Eine Rekordzahl von Leuten erschien. Glarner begann mit einer Bildpräsentation – Sprengstoffgürtel und Burkas –, wurde aber vom «Chasch höre!» im Saal dazu gebracht, sie abzubrechen: weil Propaganda nicht zur Sache gehörte.

Darauf wurde zwei Stunden debattiert, und das breit: von der Frage, ob sich Religionen vermischen können («Nein!»), bis zum Argument: «Die verrecken in der Kälte oder auf dem Meer!» Das Einzige, was nicht debattiert wurde, war das Geld: die Kosten für die sechs bis acht Asylbewerber, um die es ging. Denn Oberwil-Lieli hat Geld. So hatte der Gemeinderat für das nächste Budget eine Million für eine neue Müllentsorgungshalle vorgesehen – was die Versammlung als «zu protzig» ablehnte.*

Doch eigentlich ging es bei der Debatte um wenig: Die Meinungen waren gemacht. Es zählte nur, wer davor besser mobilisiert hatte. Und die Studentin hatte es energischer gemacht als der SVP-Nationalrat. Oberwil-Lieli entschied sich mit 176 zu 149 Stimmen für Flüchtlinge.

«Vermögenden wird Honig ums Maul geschmiert.»Johanna Gündel

Johanna Gündel, Glarners Gegnerin, war in der örtlichen Gärtnerei aufgewachsen und hasste es, sich nach dem Fernsehinterview für ihr Dorf zu schämen: «Glarner hat behauptet, er habe die Unterstützung des Volks. Dass wir alle so denken.» Also organisierte sie eine Kundgebung. 150 Leute kamen. Diese gründeten ein Komitee von 13 Leuten, die herumtelefonierten.

Sie sagte: «Die Unterstützung lief querbeet. Alte, Junge, Reiche. Handwerker. Und eigentlich ging es nicht um Politik. Sondern um: Stellen wir unser Wohl über alles? Oder folgen wir der Menschlichkeit?» Dazu kam ein gewisser Ärger: «Oberwil-Lieli will reiche Steuerzahler, was ja okay ist. Nur ist der Punkt, wie das gemacht wird: Vermögenden wird Honig ums Maul geschmiert. Und ihnen werden alle Wünsche erfüllt: etwa bei Baubewilligungen. Weniger Vermögenden geht das ganz anders. Der Respekt des Gemeinderates lässt sich direkt an deinen Steuern ablesen. Und was Flüchtlinge betrifft, ist nicht einzusehen, warum wir nicht wie die ärmeren Nachbargemeinden welche aufnehmen sollen.»

Gündel selbst will trotz des Erfolgs nie in die Politik: «Es ging mir nur um die Frage: Ist Oberwil-Lieli eine herzlose Gemeinde? Und nun wissen wir die Antwort: Nein.»

*In einer ersten Version stand geschrieben, dass die Müllentsorgungshalle angenommen wurde. Das Gegenteil ist Tatsache. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2015, 22:51 Uhr

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