Das höfliche Monster

Thomas N. wirkt vor Gericht zugänglich und kooperativ. Der Eindruck passt so gar nicht zum Vierfachmord von Rupperswil, der dem 34-Jährigen vorgeworfen wird.

Viele Fragen beantwortet Thomas N. (2. v. r.) während des Gerichtsprozesses mit einem «Ich weiss es nicht». Dann schweigt er wieder. Zeichnung: Robert Honegger

Viele Fragen beantwortet Thomas N. (2. v. r.) während des Gerichtsprozesses mit einem «Ich weiss es nicht». Dann schweigt er wieder. Zeichnung: Robert Honegger

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Um 8.13 Uhr bekommt Thomas N. ein Gesicht. Es ist still im Saal, als er eintritt, plötzlich verstummen die Gespräche und das Klackern der Computertastaturen. Der erste Gedanke: Er sieht gut aus. Auffallend gut. Sein dunkles Haar ist kurz, der Dreitagebart gepflegt. Er hat feine Gesichtszüge. Der 34-Jährige trägt ein graues Hemd, das er in dunkelblaue Jeans gesteckt hat, auch der braune Gurt passt. «Wie ein Model», wird ein Anwesender später sagen.

Was hat die Schweiz alles über ihn ­geschrieben: «Der Mörder von Rupperswil», «Der Vierfach-Killer», «Die Bestie», «Das Monster.» Und dann tritt ein sympathisch wirkender junger Mann in den Saal. Mit klarer Stimme gibt er Antwort, beantwortet alle Fragen, die man ihm stellt. Manchmal zögert er, überlegt einen kurzen Moment oder auch länger, aber er verhält sich freundlich und kooperativ. Genau wie in den Befragungen der zwei erfahrenen Gerichtspsychiater Elmar Habermeyer und Josef Sachs.

Zugänglich, höflich, kooperativ

Die beiden haben über Thomas N. im Auftrag der Staatsanwaltschaft ein Gutachten erstellt. Der Beschuldigte habe sich in den Gesprächen offen gezeigt, ­sagen sie. Zugänglich. Man könnte auch sagen: höflich und kooperativ.

Video – Wie sich Thomas N. im Gerichtssaal verhält

«Für einen Moment lang hatte Thomas N. Tränen in den Augen»: Reporter Stefan Hohler über die ersten Stunden im Mordprozess von Rupperswil. Video: TA

Der Eindruck passt so gar nicht zum Verbrechen, das Thomas N. vorgeworfen wird. Er soll am 21. Dezember 2015 in Rupperswil eines der grössten Verbrechen der Schweizer Kriminal­geschichte begangen haben. Minutiös geplant, kaltblütig ausgeführt. Am Ende sind vier Menschen tot: eine 48-jährige Mutter und ihre beiden Söhne, 13 und 19 Jahre alt, sowie die 21-jährige Freundin des älteren Sohnes. Alle Opfer hat er vor der Ermordung gefesselt, den jüngeren Sohn mehrfach missbraucht. Die Mordwaffe: ein Küchenmesser. Danach legt er einen Brand, um die Spuren zu verwischen. In den Tagen, Wochen und Monaten nach der Tat verläuft das Leben von Thomas N. weiter wie vor der Tat. Als er am 12. Mai 2016 in Aarau verhaftet wird, 146 Tage nach der Tat, legt er ein umfassendes Geständnis ab.

Im Kontrast zu seinem Auftreten vor Gericht stehen die beiden psychiatrischen Gutachten des Beschuldigten. Sie zeichnen ein Bild eines manipulativen, emotionslosen und überheblichen Menschen. «Seine kühle, rationale Art ist auffällig», sagt Elmar Habermeyer, Direktor der Klinik für Forensische Psychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Er wirke arrogant und abweisend, nahezu autistisch. Interesse am Menschen zeige er wenig, dafür wolle er sie dominieren. Er denke in Schwarzweissmustern und möge keine Kompromisse. Er verlange nach Bewunderung, sei aber nicht bereit, dafür etwas zu tun – beispielsweise tatsächlich ein Studium anzupacken.

Mit klarer Stimme beantwortet er alle Fragen. Ab und zu zögert er.

Thomas N. hat fünf Studiengänge begonnen, fünfmal ist er gescheitert. Das alles weist laut Habermeyer auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hin.

Dazu kommt beim bis zur Tat unbescholtenen Schweizer eine Störung der Sexualpräferenz. «Sein Interesse liegt eindeutig auf vorpubertären Jungs», sagt Habermeyer. Bereits als Jugendlicher habe er um diese Neigung gewusst, sie aber verdrängt – und nach aussen konsequent verschwiegen. Nur schon als homosexuell geoutet zu werden, wäre für N. schlimm gewesen, so der Psychiater. «Er versucht, Gleichmut gegenüber seiner Pädophilie zu signalisieren, in der Tat steht er ihr aber ganz und gar nicht gleichmütig gegenüber.» Thomas N. habe sich ihm gegenüber als «durch und durch konservativ» beschrieben.


Protokoll: Das war der erste Prozesstag

Im Rupperswil-Prozess kamen am Dienstag der Angeklagte und die Gutachter zu Wort. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete live.


Eine solche Störung der Sexualpräferenz ist laut Habermeyer nicht heilbar. Man könne aber lernen, deliktfrei mit ihr umzugehen. Gleich äussert sich der zweite Gerichtspsychiater Josef Sachs, der ehemalige Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Königsfelden. Er geht davon aus, dass das sexuelle Motiv für den Beschuldigten wichtiger war als die anderen drei von Sachs vermuteten Motive: Machtausübung über die Opfer, Scham darüber, das er es im Leben zu nichts gebracht hat und – zum Schluss – ­­­Geld.

Beide Gutachter halten Thomas N. grundsätzlich für therapierbar. Zwar müsse eine allfällige Therapie auf lange Zeit und insbesondere in den ersten Jahren intensiv angelegt sein. Doch die Bereitschaft von N. sei grundsätzlich gegeben – eine wichtige Voraussetzung für eine Therapie. Und er habe als Ersttäter «noch keine Vorgeschichte mit einer Therapie», wie es Habermeyer ausdrückt. «Es spricht nichts dagegen, dass er zur Therapie nicht fähig wäre.» Beide Gutachter attestieren N. ein hohes Rückfallrisiko.

Mutter als einzige Bezugsperson

Thomas N. hört den Ausführungen der Gutachter regungslos zu. Er sitzt da und starrt auf den Tisch, den Kopf in seine Hände gestützt. Viele Fragen beantwortet er mit einem «Ich weiss es nicht» oder «Es tut mir leid, ich kann mich nicht erinnern». Dann schweigt er wieder und denkt. An seine Mutter vielleicht, die ihm wichtiger als alles andere ist. Die in ihm nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2011 einen «verlässlichen Helfer» und einen «emotionalen Partnerersatz» sah, wie Habermeyer beschreibt.

Auf die Mutter angesprochen, sagt der Beschuldigte: «Ich habe wohl eine zu enge Beziehung zu ihr. Mit 30 noch zu Hause zu wohnen, ist wahrscheinlich nicht normal.» Alle zwei Wochen, erzählt er, kommt sie ihn in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf besuchen. Ihre Beziehung werde langsam wieder besser. «Ich habe ihr viel erklären müssen», sagt Thomas N.

Eine andere Bezugsperson als sie kennt er nicht. Mit dem Bruder hat er seit der Verhaftung keinen Kontakt mehr. Immer wieder ist es an diesem Tag zu hören: Thomas N. wollte der Mutter gefallen. Er wollte sie nicht enttäuschen. Sein Lügengebilde baute er auf, um ihr nicht die Wahrheit sagen zu müssen: dass er ein gescheiterter Student sei. Ob sie nichts ahnte oder nichts ahnen wollte, wird vor Gericht nicht klar. Klar wird hingegen: Thomas N. war ein ausgezeichneter Lügner. Und die Mutter setzte viele Hoffnungen in ihn.

Also wahrte Thomas N. den «schönen Schein», sagt Josef Sachs. Der Beschuldigte habe ein «unglaubliches Durchhaltevermögen» gehabt, um sein Lügengebäude aufrechtzuerhalten. «Was wäre denn passiert, wenn Sie der Mutter die Wahrheit gesagt hätten», fragt ein Opferanwalt. «Nichts», antwortet Thomas N. «Sie hätte mich umarmt und mir gesagt, dass wir es zusammen schaffen.»

Bereits als Jugendlicher
wusste er um seine Neigung.

Thomas N. hat den Angehörigen der Opfer im letzten Juli einen Brief verschickt, in denen er in erster Linie von sich selber gesprochen habe, sagen die Anwälte der Opfer. Von Entschuldigungen aber keine Rede. «Mit diesem Brief versuchte ich, Erklärungen abzugeben», sagt Thomas N. Warum am 21. Dezember 2015 vier Menschen sterben mussten, sei schwierig zu erklären. Dann zählt er auf: «Um die Tat zu vertuschen. Aus Angst. Aus Scham.» Am wichtigsten sei das sexuelle Motiv gewesen.

Mögliche sadistische Veranlagungen hat Thomas N. in den Befragungen mit den Psychiatern immer verneint. Es würde die Diskrepanz erklären zwischen seinen sexuellen Fantasien – und dem, was am Tatort wirklich passierte. Die Foto- und Filmaufnahmen vom 13-jährigen Opfer etwa oder die Gewalt, mit der Thomas N. den vier Opfern die Kehle aufschnitt.

«Sie waren nicht vorbestraft», sagt der Gerichtspräsident gegen Ende. «Dann gehen sie von null auf Tausend. Haben Sie eine Erklärung dafür?» Thomas N. sagt: «Nein. Wirklich nicht. Nein.»

Aus Rücksichtnahme auf die Opfer und ihre Angehörigen in diesem Fall hat sich die Redaktion dazu entschlossen, unter diesem Artikel keine Kommentare zuzulassen. Wir bitten um Ihr Verständnis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2018, 23:33 Uhr

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