Wo stehen die Bauern in der Klimadebatte?

Bäuerin Christine Gerber sagt: «Es ist ein Hype». Der Bauernverband dagegen fordert Unterstützung vom Bund.

«Wie können wir wissen, was das Klima ist und was das Wetter?», sagt Bäuerin und SVP-Politikerin Christine Gerber. Foto: Adrian Moser

«Wie können wir wissen, was das Klima ist und was das Wetter?», sagt Bäuerin und SVP-Politikerin Christine Gerber. Foto: Adrian Moser

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Es ist wie in einem dieser Monumentalfilme von Franz Schnyder: Hinten leuchtet die Alpenkette. Eiger, Mönch, Jungfrau – die ganze Schweizer Sehnsuchtskulisse. Vorne, zwischen Hochstammbäumen, Zuckerrüben und frisch gedroschenem Gersten, steht eine Bäuerin.

Sie heisst Christine Gerber, lebt im bernischen Oberruntigen, Gemeinde Radelfingen, und mit der Landwirtschaftsromantik ist es so eine Sache. Die Kirschen an den Bäumen sind mehrheitlich verfault, weil Gerbers ihre Hochstammbäume nicht spritzen. Für die Äpfel und Birnen finden sie keine Abnehmer, weil die Früchte nicht so perfekt aussehen, wie es die Konsumenten gern hätten. Und als Christine Gerber an einem Haufen aus Ästen und Steinen vorbeigeht, sagt sie: «Sie sehen, wir haben hier viele Ökoelemente.» Die bäuerliche Lebenswelt ist längst entzaubert durch die Begriffe der Direktzahlungsbürokratie.

Und vielleicht wird alles noch viel schlimmer. Es stehen Fragen im Raum, so düster wie die Wolken über Gerbers Bauernhof. Wird mit der Klimaerwärmung das enge Verhältnis zwischen Bauern und Natur bald viel grundsätzlicher gestört? Vermehrte Unwetter? Trockenphasen? Neue Schädlinge? Sich verschiebende Vegetationszonen? Welche Zukunft blüht da der Schweizer Landwirtschaft?

Ritters Klimaplan

Für Markus Ritter jedenfalls ist es jetzt höchste Zeit. Der Präsident des Schweizer Bauernverbands hat die Schweizer Medien gestern auf einem Bauernhof bei Bern über das Ausmass seiner Besorgnis aufgeklärt. 2018 sei ein Schlüsseljahr für die Bauern gewesen, sagt er. «Der Klimawandel ist auf der Ebene der Betriebe angekommen.» Die Dürre habe viele Betriebe getroffen. Das Bewusstsein, dass gravierende Veränderungen bevorstünden, habe sich bei vielen Bauern stark entwickelt. «Wir müssen handeln – jetzt.»

Ritter weiss auch, wie. Die Landwirtschaft soll mit einer Reihe von Massnahmen klimafest gemacht werden. Dazu zählen moderne Bewässerungsanlagen und neue, widerstandsfähigere Pflanzen. Ritter fordert aber auch Zuschüsse des Bundes für Versicherungen gegen Ernteausfälle wegen Dürren und Niederschlägen. Zudem solle die Landwirtschaft dank Innovation und Technik ihre Treibhausgase verringern. «Die Bauern sind sich der Dringlichkeit bewusst», sagt Ritter.

Sind sie? Christine Gerber kehrt dem Alpenkamm den Rücken zu und führt quer durch den Hof, den sie seit über dreissig Jahren mit ihrem Mann betreibt. Vorbei an der umweltfreundlichen Holzschnitzelheizung, die vor sechs Jahren installiert wurde. Vorbei an den Sonnenkollektoren, mit welchen Gerbers ihre Stromrechnung reduzieren. Vorbei am Hühnerstall, den sie kürzlich mit einer neuen Heizung ausgestattet haben, um ihren Strombedarf zu senken und die CO2-Emissionen der Fleischproduktion zu verringern. Über 40'000 Franken habe sie gekostet, sagt Christine Gerber. Viel Geld für einen Betrieb von dieser Grösse. Warum diese Investitionen? «Wir haben nicht viel gerechnet. Wir wollten einfach etwas für die Umwelt machen», sagt Christine Gerber.

Widersprüchliche Haltung

Doch Christine Gerbers Verhältnis zur Klimadebatte ist ambivalent. «Es ist ein Hype», sagt sie, die für die SVP im Grossen Rat des Kantons Bern politisiert und zudem der Landwirtschaftskammer angehört, dem Parlament des Bauernverbands. Der vergangene Sommer sei zwar schon sehr trocken gewesen. «Aber hier auf unserem Hof waren wir davon nicht so stark betroffen. Wenn es zu nass ist, so wie 2015, ist es viel schlimmer.» Aber sind diese Wetterextreme – Trockenheit und Nässe – nicht vielleicht Ausdruck desselben Problems, eben, des Klimawandels? «Schon möglich», sagt Christine Gerber. «Aber wie können wir wissen, was das Klima ist und was das Wetter? Wir hatten schon immer trockene Jahre.»

Während das Wetter ständig wechselt, drängt die Politik schon länger auf eine ökologischere Landwirtschaft. Gerade in jüngerer Zeit sind die Ergebnisse dieser Politik aber ernüchternd. Seit der Jahrtausendwende bleibt die Stickstoff- und Phosphorbelastung der Umwelt durch die Landwirtschaft praktisch konstant. Die Biodiversität nimmt laufend ab, trotz immer grösseren Förderprogrammen. Die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft sinken weniger schnell als vom Bund angestrebt. Sie machen immer noch rund 13 Prozent des gesamtschweizerischen Ausstosses aus.

«Pestizide, Klima, Tierhaltung: Wir Bauern waren in letzter Zeit ständig am Pranger der Medien.»

Mit seiner Agrarpolitik für die Jahre 2022 bis 2025 (siehe Box) möchte der Bundesrat ehrgeizigere Ziele verfolgen. Die Umweltbelastung der Bauern soll sinken, unter anderem, indem Landwirte weniger Kunstdünger, Pestizide und Antibiotika verwenden. Der Bundesrat regt zudem an, Produkte künftig vermehrt zu importieren, wenn sie im Ausland mit weniger CO2-Aufwand produziert werden können.

Derselbe Bauernverband, der gestern zum Kampf gegen den Klimawandel blies, fand vor einigen Monaten, diese Idee sei «so nicht akzeptabel in einer bundesrätlichen Botschaft». Das Beispiel zeigt: Auch wenn Bauernpräsident Markus Ritter den Klimawandel als Thema entdeckt hat, die Haltung seines Verbands bleibt widersprüchlich.

Sie säen jetzt Safran

Die Bauern seien schon bereit, Investitionen zu tätigen, sagt Christine Gerber. «Aber vielen von uns schlägt der permanente öffentliche Druck auf die Moral.» Man habe den Eindruck, die Anstrengungen der Bauern für die Natur und die Tiere würden kaum anerkannt. «Pestizide, Tierhaltung, Klima: Wir Bauern waren in den letzten Wochen ständig am Pranger der Medien. Das zermürbt.»

Im Januar übergeben Christine Gerber und ihr Mann den Betrieb an die nächste Generation. Sie frage sich schon, wie es für den Hof weitergehen könne. Der Sohn aber sei zuversichtlich. Im alten Kuhstall hat er eine Hundepension eingerichtet. Sie ist gut ausgelastet. Und neben den Kirschbäumen blüht bald schon der Safran. «Ein Experiment der Jungen», sagt Christine Gerber.

Eine Safranernte hat es schon gegeben. Im Herbst 2018. Das Klima war sehr günstig.

Erstellt: 12.07.2019, 09:55 Uhr

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Eine Klimaversicherung soll die Bauern schützen

Es geschieht selten, dass der Präsident des Schweizer Bauernverbands sich lobend über das Ausland äussert. An seiner gestrigen Klima-Pressekonferenz aber tat Markus Ritter es gleich mehrfach: «Im Ausland» sei es verbreitet, dass Bauern sich mit Versicherungen gegen Ernteausfälle bei extremen Wetterereignissen schützten. «Im Ausland» seien derartige Versicherungen zudem staatlich verbilligt. Eine solche Lösung strebe man nun auch für die Schweiz an, sagte Ritter. «Wir sind mit dem Bund im Gespräch.»

Hintergrund der Forderung nach einer Klimaversicherung für Bauern ist der Dürresommer 2018. Eine Umfrage des Bauernverbands bei seinen Mitgliedern hat zutage gefördert, dass 34 Prozentder Bauernbetriebe von der Trockenheit betroffen waren. Zugleich habe sich gezeigt, dass nur wenige Betriebe Ver­sicherungslösungen genutzt hätten. Diese seien für die Bauern zu teuer, so Markus Ritter.

Bereits in der Vernehmlassung zur Agrarpolitik 2022 bis 2025 drängte der Bauernverband auf staatliche Zuschüsse für Ertragsausfallversicherungen, um die Klimarisiken besser zu bewältigen.

Allerdings sind Versicherungen frag­würdige Instrumente. Indem sie ein Risiko abfedern, können sie Fehlanreize produzieren. Der Bauernverband räumt dies ein. Es dürften keine Anreize zu riskanteren Produktionsmethoden gesetzt werden, schreibt der Verband. Markus Ritter ging an der gestrigen Medienkonferenz sogar noch einen Schritt weiter: «Die Bauern wären bei grossen Schäden dann auf sich allein gestellt.»

Beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) gibt man sich zurückhaltend. Man sei daran, die wissenschaftlichen Grund­lagen zum Risikomanagement zu erarbeiten. Falls sich Bedarf abzeichne, werde der Bundesrat entsprechende Massnahmen prüfen, schreibt das BLW in seinem Bericht zur Agrarpolitik 2022+. (lnz)

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