«Das könnte die Atomaufsicht als klares Gegengewicht stärken»

Der langjährige Direktor der Atomaufsicht Ensi tritt ab. Atomgegner hoffen auf einen Nachfolger mit genügend Abstand zur Branche.

Hans Wanner musste Entscheide des Ensi öffentlich möglichst gut erklären. Auch sein Nachfolger muss «ausgeprägte Fähigkeiten» zur Kommunikation mitbringen.

Hans Wanner musste Entscheide des Ensi öffentlich möglichst gut erklären. Auch sein Nachfolger muss «ausgeprägte Fähigkeiten» zur Kommunikation mitbringen. Bild: Keystone

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Die Aufgabe ist anspruchsvoll: Die Atomaufsicht des Bundes (Ensi) bewegt sich nicht nur in einem technisch komplexen Feld, sondern auch in einem politisch aufgeladenen. Erst recht gilt dies für den Direktor, welcher der Behörde ein Gesicht gibt. Seit 2010 hält Hans Wanner diesen Posten inne. Er hat das Ensi durch eine bewegte Zeit geführt: 2011 kam es zur Atomkatastrophe von Fukushima, 2017 beschloss das Schweizer Stimmvolk den schrittweisen Atomausstieg, dazu kamen – umstrittene – Entscheide unter anderem zu neuen Sicherheitsauflagen für die Atommeiler.

Bald tritt Wanner ab. Er wird nächstes Jahr 65 und geht in den Ruhestand. Das Ensi hat die Suche nach einer Nachfolge gestartet; das zeigt ein Stelleninserat, das die Aufsichtsbehörde auf ihrer Website aufgeschaltet hat. Das Anforderungsprofil ist vielschichtig: «initiative» Führungsperson, vorzugsweise mit technisch-wissenschenschaftlichem Hochschulabschluss und Promotion, idealerweise praktische Erfahrungen auf dem Gebiet der Atomenergie, spezifische Kenntnisse im Bereich der nuklearen Sicherheit und der Sicherheit geologischer Tiefenlager. Erwünscht sind weiter «ausgeprägte Fähigkeiten» zur Kommunikation mit Medien, Politik, Industrie und Verwaltung.

Start im Sommer 2020

Wanners Nachfolge soll im Sommer 2020 ihre Arbeit aufnehmen. Politisch relevant ist die Frage nach der Unabhängigkeit der neuen Führungskraft. «Zur Vermeidung von Interessenkonflikten» dürfen Bewerber «heute» nicht in Unternehmen tätig sein, die das Ensi beaufsichtigt, heisst es im Inserat, also sicher nicht in einem der fünf Atomkraftwerke in der Schweiz. Das heisst aber auch: Hat ein Bewerber einst dort gearbeitet, ist das kein zwingender Ausschlussgrund aus dem Kreis der Anwärter. Wanner selber war nie in einem AKW tätig, wie er 2011 zu Protokoll gegeben hat.

Atomgegner sehen hier Konfliktpotenzial, zumal die Schweizer Atombranche überschaubar ist. Florian Kasser von Greenpeace hofft auf eine Persönlichkeit, die neutral bis kritisch gegenüber der Atomtechnologie eingestellt ist. «Das könnte die Atomaufsicht als klares Gegengewicht zu den Betreibern stärken.»

Hoffnung auf «integre Person»

Nils Epprecht, Geschäftsleiter der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES), wünscht sich eine «integre Person, die genügend Abstand zur Atombranche aufweist und sich der Risiken des ältesten AKW-Parks der Welt mit unlimitierter Betriebsbewilligung ausreichend bewusst ist». Wanner habe professionell kommuniziert, sei freundlich und korrekt gewesen. Auch habe er viel getan, um das Ensi in der Öffentlichkeit unabhängig wirken zu lassen, so Epprecht.

«Doch das Ensi ist unter seiner Führung nicht transparenter geworden.» Es habe – gerade in letzter Zeit – im Zweifelsfall im Sinne der Betreiber entschieden. So etwa bei der Wiederinbetriebnahme des AKW Beznau oder – wiederum im Fall von Beznau – bei den wiederholt hinausgeschobenen Fristen zur Nachrüstung der Brennelementbecken-Kühlung.

Die Vorwürfe der Atomgegner sind nicht neu – ebenso wenig die Entgegnung der Aufsichtsbehörde, die immerzu versichert, unabhängig zu entscheiden und transparent zu kommunizieren.

Klare Vorstellungen über Wanners Nachfolger haben nicht nur Atomgegner, sondern auch Exponenten aus dem bürgerlichen Lager, so etwa FDP-Ständerat Damian Müller: «Ich erwarte, dass er sich fachkundig, aber dennoch kritisch mit der Materie auseinandersetzt.» Er müsse das Ensi so positionieren, dass es in erster Linie dem Schutz der Bevölkerung verpflichtet sei.

Ensi-Rat wählt Direktor

Den Job erhält der neue Ensi-Direktor nicht einfach so, er wird gewählt – vom Ensi-Rat, dem Aufsichtsorgan des Ensi, dessen Mitglieder vom Bundesrat ernannt werden. Die Atomgegner sehen darin einen Test für den Ensi-Rat, der mit seiner Wahl seine Unabhängigkeit von der Atombranche beweisen könne.

Wer auf Wanner folgen könnte, scheint derzeit völlig offen. Als möglicher Anwärter genannt wird der aktuelle Ensi-Vizedirektor Georg Schwarz. Darüber hinaus kursieren keine konkreten Namen. Möglicherweise schaffen es auch externe Bewerber in die engere Auswahl, so wie 2010. Das Rennen machte damals aber Wanner – und damit einer, der sich im Ensi als Leiter der Abteilung Entsorgung bewährt hatte. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.04.2019, 15:37 Uhr

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Zur Person

Hans Wanner schaffte 2010 den Sprung an die Spitze des eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi), der Aufsichtsbehörde über die Atomkraftwerke der Schweiz. Zuvor hatte er beim Ensi die Abteilung Entsorgung geleitet. Wanner studierte Chemie an der ETH Zürich. Nach zwei Jahren Forschungstätigkeit, Erfahrungen als Projektleiter bei der OECD Nuclear Energy Agency in Paris sowie in der Privatwirtschaft wechselte er 1995 zur Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK), die Anfang 2009 in das Ensi überführt wurde. Wanner ist ein international anerkannter Experte auf dem Gebiet der geologischen Tiefenlagerung.

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