Das letzte Versprechen von Eveline Widmer-Schlumpf

«Lasst uns gemeinsam weitergehen!» Am bunten Abend der BDP flösst die abtretende Bundesrätin ihrer Partei etwas Mut ein. Und lässt sich feiern.

Das soll sich nun ändern: Die abtretende BDP-Bundesrätin Widmer-Schlumpf steht im Licht, Parteipräsident Landolt im Schatten (31. Oktober 2015).

Das soll sich nun ändern: Die abtretende BDP-Bundesrätin Widmer-Schlumpf steht im Licht, Parteipräsident Landolt im Schatten (31. Oktober 2015). Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Die BDP hat die Wahlen verloren. Die BDP verliert ihre Bundesrätin. Mit den Nekrologen auf die Kleinpartei, die seit den Wahlen erschienen sind (und nicht erst seit dann), liesse sich ein kleines, fieses Buch binden. Die BDP erlebt: bittere Zeiten. Und wirkt erstaunlich fröhlich dabei. «Die Partei wusste schon lange, dass die Zeit mit einer eigenen Bundesrätin begrenzt sein würde», sagt Eveline Widmer-Schlumpf nach der Delegiertenversammlung der BDP, «die Partei hat sich darauf vorbereitet. Die Partei ist bereit dafür.»

Ich bin hier zum Gratulieren!Alt-Bundesrat Samuel Schmid

Wie verzweifelt bereit die BDP für die Zeit danach ist, das zeigte die Delegiertenversammlung im Berner Kursaal in einer fast schon aufdringlichen Art und Weise. Selbst Alt-Bundesrat Samuel Schmid war nur halb so beleidigt wie üblich, als er vor Beginn der Delegiertenversammlung von den Journalisten zu seiner Anwesenheit befragt wurde (und, wie immer, nur widerwillig Auskunft gab). «Ich bin hier zum Gratulieren!», sagte Schmid und deutete so etwas wie ein Lächeln an.

Er musste gehen, weil sie die Wahl annahm: Alt-Bundesrat Schmid neben Bald-Alt-Bundesrätin Widmer-Schlumpf (31. Oktober 2015, Bild: Keystone).

Danach setzte er sich neben Eveline Widmer-Schlumpf an einen der fröhlich dekorierten Tische (gelbe Servietten und ein kleines Zierkürbis-Allerlei) und hörte der fröhlichen Rede des Parteipräsidenten Martin Landolt zu. Dass alles halb so schlimm sei wie befürchtet («Bei gewissen Prognosen hatte ich fast das Gefühl, dass wir mehr Sitze verlieren werden, als wir überhaupt haben» – Gelächter im Saal), dass man immer noch nicht tot sei, dass heute der Wahlkampf 2019 beginne und man in vier Jahren die «bürgerliche Vernunft» zurück in die Politik bringe. Weil, und diesen Satz sagt Landolt gerne und oft: «Wir sind gekommen, um zu bleiben!» Es ist dies der Refrain eines der grössten Hits der deutschen Popband «Wir sind Helden». So richtig lange geblieben ist die Band übrigens nicht: Sie hat sich vor zwei Jahren aufgelöst.

Eine Drohne für Grunder, ein Bier für Landolt

Aber zurück zum fröhlichen Vormittag tief unten im Berner Kursaal (oben tagten gleichzeitig die vereinigten Schweizer Skilehrer, gleich daneben fand die Berner Whiskeymesse statt – es war in der Tat ein durch und durch fröhlicher Vormittag). Natürlich war der Parteianlass von der Aktualität geprägt, vom angekündigten Rücktritt der eigenen Bundesrätin. Als Martin Landolt etwa in der Hälfte seiner Begrüssungsansprache zum ersten Mal seiner Bundesrätin dankte, da schnellten die 170 Delegierten innert Sekundenbruchteilen in die Höhe und gaben die erste von zahlreichen Standing Ovations.

Ich war der Baum, der den Wald verdeckt hat. Das wird sich nun ändern.Eveline Widmer-Schlumpf

Die Frage, wie es mit der Partei nun weitergehen soll – ohne «EWS» – schwebte über allem, aber die Kraft der Frage reichte nicht aus, um die Fröhlichkeit der BDPler zu stören. Wie an einem Bunten Abend im Skilager verteilte Fraktionspräsidentin Rosmarie Quadranti betont originelle Geschenke an jedes (!) Fraktionsmitglied und machte damit gute Laune im Saal. Eine Drohne für Hans Grunder (damit er alles unter Kontrolle behält), ein Seil für Lorenz Hess (damit er nicht, wie kürzlich erst passiert, beim Jagen abstürzt), ein Campingstuhl samt Bier für Präsident Landolt (dabei erschloss sich die Symbolik nicht auf den ersten Blick). Besonders viel Energie wandte die Parteispitze für ihren abtretenden Nationalrat Hansjörg Hassler auf, der nach 16 Jahren im Bundeshaus künftig mehr Zeit für seinen Bauernhof und seine fünf Enkel haben wird. Er bekam schon etwas früher ein Kalb für den Stall daheim geschenkt und an diesem Samstag ein episches Abschiedsvideo, in dem jedes (!) Fraktionsmitglied Hassler ein paar warme Worte mit auf den weiteren Weg gab.

Widmer-Schlumpf wird pathetisch

Nach einem kurzen Politikeinschub – die BDP will eine zweite Gotthardröhre und ist gegen die Durchsetzungsinitiative der SVP – war es dann endlich soweit. Landolt wiederholte den Scherz seiner Bundesrätin vom Abschiedsmittwoch und meinte: «Gewisse Dinge muss man sich verdienen, werte Medienschaffende» und bat dann unter Applaus Bundesrätin Widmer-Schlumpf auf die Bühne. Etwas gelassener als noch am Mittwoch wiederholte die Bundesrätin, dass ihr Abgang eben nicht das Ende der Partei sei. Sondern das Gegenteil. Zu lange hätten die Medien die BDP als «Widmer-Fanclub» oder – noch schlimmer - als «Widmer-Wahlverein» abgetan. «Ich war der Baum, der den Wald verdeckt hat. Das wird sich nun ändern.»

Widmer-Schlumpf nutzte ihren Auftritt, um der Partei Mut einzuflössen. Sie zitierte den etwas komplizierten Sinnspruch des Berner Schriftstellers Kurt Marti – «Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen» und einen etwas einfacheren von Schopenhauer: «Das Schicksal mischt die Karten, wir spielen.» Die Botschaft von «EWS» war überdeutlich: Jetzt geht es erst richtig los mit Spielen, jetzt geht es erst richtig los mit der BDP. Als Partei, die den Konsens suche und nicht den Dissens bewirtschafte. Als konstruktive Kraft in einer wie auch immer gearteten Mitte. Zum Schluss wurde die Bundesrätin gar etwas pathetisch (was sonst nicht ihre Art ist). «Gehen wir vorwärts, miteinander vorwärts», rief sie den bunt dekorierten Saal. «Ich werde gerne mit euch weitergehen. Mitten unter euch, nicht mehr an der Spitze.»

Viel gearbeitet habe man zusammen, viel gelacht und manchmal auch geschumpfen. Und das alles werde man auch in Zukunft machen. «Wir gehen jetzt auf eine gemeinsame Reise.» Ein letztes «Dankeschön» und da standen die Delegierten schon wieder. Ausdauernd und rhythmisch der Applaus. Wir klatschen zusammen, wir klatschen für uns. Heute war ein guter Tag für die BDP. Heute hat die Zukunft begonnen! Wie die dann aussehen wird, kann man auch morgen noch überlegen.

Erstellt: 31.10.2015, 16:29 Uhr

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