Von Übermüttern und Zahlvätern

Warum Frauen ihren Männern im Haushalt mehr zutrauen sollten.

Er kocht anders und zieht den Kindern andere Kleider an: der Hausmann. Foto: iStock, Getty Images

Er kocht anders und zieht den Kindern andere Kleider an: der Hausmann. Foto: iStock, Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Soziologin Margret Bürgisser hat fast 30 Jahre lang untersucht, ob Paare die Familien- und Erwerbsarbeit teilen können. Man muss die Fragestellung vor dem Hintergrund des Zeitgeistes sehen: Als sie Anfang der Neunzigerjahre mit den Studien begann, zweifelten viele noch daran, dass es funktioniert. Bürgisser wollte eine wissenschaftliche Antwort darauf.

Die Antwort fällt in eine Zeit, in der es als selbstverständlich gilt, dass Mütter erwerbstätig sind und Väter die Kinder betreuen und den Haushalt machen. Das Fazit, dass das partnerschaftliche Rollenmodell funktioniert, vermag nicht mehr zu überraschen. Interessant ist vielmehr, was Bürgisser im Zuge der Recherchen sonst noch herausfand.

Zum Beispiel, dass eine Beziehung mit egalitärer Rollenverteilung meistens dann scheiterte, wenn die Frau meinte, der Mann mache zu wenig im Haushalt oder er mache es falsch oder nachlässig. Frauen müssten lernen, den Stil des Mannes bei der Familienarbeit zu akzeptieren, sagt Margret Bürgisser. Heute glauben viele noch immer, definieren zu müssen, wie man den Haushalt richtig macht, die Kinder richtig erzieht. Es ist das Resultat der jahrhundertelangen traditionellen Rollenverteilung: Die Frau war zu Hause der Chef, der Mann hatte die ökonomische Macht. Wenn Frauen in Politik und Wirtschaft gleichberechtigt Verantwortung übernehmen sollen, was seit einigen Jahrzehnten der politische Wille ist, müssen sie das Vorrecht auf die «richtige» Familienarbeit abgeben. Das macht auch Sinn, denn Haushalt und Kindererziehung sind keine exakten Wissenschaften. Jeder macht es auf seine Weise.

«Nach der Trennung fallen Frauen in das alte Muster zurück.»

Frauen in der Schweiz erledigen immer noch den grössten Teil der unbezahlten Arbeit. Dafür ist die Erwerbsbeteiligung der Männer weitaus höher. Damit sich das ändert, muss sich auf mehreren Ebenen etwas bewegen. Die Arbeitgeber müssen offener werden, so lautet ein Postulat von Margret Bürgisser. Aber auch: Die Frauen müssen zu Hause loslassen, dem Partner zutrauen, dass er es ebenfalls kann. Darauf vertrauen, dass er mit den Kindern andere Aktivitäten plant, anders kocht, ihnen andere Kleider anzieht – und die Kinder trotzdem ganz gut herauskommen. Die Rollen gleichberechtigt teilen und trotzdem zu Hause der Chef sein – das verträgt sich schlecht. Es belastet die Partnerschaft und führt zu Überforderung.

Behörden müssen Spielraum nutzen

Weiter hat die Autorin festgestellt, dass Frauen, die während der Partnerschaft die Familien- und Erwerbsarbeit gleichberechtigt aufteilen wollten, bei der Trennung wieder zurückfielen ins traditionelle Muster. Sie wollten dann allein für die Kinder verantwortlich sein und verlangten, dass der Ex-Partner sein Pensum aufstockt. Das habe mit verletzten Gefühlen zu tun, vermutet die Autorin. Wenn sich der Mann schon trennen will, soll er das schmerzhaft zu spüren bekommen und auf die Kinder verzichten. Selbst in Fällen, in denen die Frau die Trennung wollte, hat die Soziologin dieses Muster beobachtet.

Es ist natürlich sehr inkonsequent, wenn souveräne und emanzipierte Frauen plötzlich zu hilflosen Alimentenempfängerinnen werden, sobald die Beziehung scheitert – doch auch nicht weiter erstaunlich, denn der Mensch funktioniert nicht unbedingt immer logisch und nachvollziehbar. Stossend ist vielmehr, dass die Behörden dieses Verhalten mittragen. Sie zeigten häufig noch wenig Verständnis und Entgegenkommen für Modelle ausserhalb der Norm, schreibt die Autorin in ihrem Buch. Und die Norm heisst: Die Mutter schaut zu den Kindern.

Gleichberechtigte Aufgabenteilung ist heute ein Schönwettermodell. Sie funktioniert, solange beide wollen. Wenn die Frau keine Lust mehr hat, wird es für den Mann schwierig, nicht in die Rolle des abwesenden Zahlvaters gedrängt zu werden. Dabei würden die Gesetze eine viel fortschrittlichere Rechtsprechung erlauben. Die Behörden müssten ihren Spielraum nutzen und den Wandel nachvollziehen, statt ihn mit festgemauerten Rollenbildern zu behindern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2017, 20:09 Uhr

Artikel zum Thema

Der Partner putzt anders

Partnerschaftliche Rollenteilung der Familien- und Erwerbsarbeit funktioniert – unter gewissen Bedingungen. Das ist das Fazit eines neuen Buches. Mehr...

Gleichberechtigung ist Pflicht

Analyse Es ist in Ordnung, wenn Frauen Wehrdienst leisten müssen. Aber auch anderswo braucht es mehr Zwang. Mehr...

Pissoirs: Nützlich oder ein No-go?

Öffentliche Pissoirs sollen aus Zürich verschwinden, weil sie Frauen diskriminieren. Handkehrum bewährt sich ein mobiles Pissoir an der Langstrasse gegen Wildpinkler. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Wandelnder Busch: Ein Model zeigt die Frühling Sommer Kollektion 2018 des chinesischen Designers Viviano Sue an der Fashionweek in Tokio. (19. Oktober 2017)
(Bild: EPA/FRANCK ROBICHON) Mehr...