Die Familien zahlen drauf

Wer ein klimafreundliches Auto fährt, bezahlt weniger Steuern. Jetzt ändert der Bund die Regeln. Viele Familienwagen fallen aus der lohnenswerten Kategorie.

Nicht jede Familie will oder kann sich ein neues – und leichteres – Modell eines Familienvans leisten: Hier ein herkömmlicher Kombi. Foto: Malin Morner (Deepol by Plainpicture)

Nicht jede Familie will oder kann sich ein neues – und leichteres – Modell eines Familienvans leisten: Hier ein herkömmlicher Kombi. Foto: Malin Morner (Deepol by Plainpicture)

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Die 2012 eingeführte Energieetikette hilft nicht nur ökologisch bewussten Autofahrern bei ihrem Entscheid für ein gewisses Modell. In gewissen Kantonen hat das auch ganz konkrete Auswirkungen aufs Portemonnaie: So gewährt ein Drittel der Kantone Ermässigungen auf die Motorfahrzeugsteuer. Die Ermässigungen richten sich nach der Energieetikette. In Bern beträgt beispielsweise die Vergünstigung 40 Prozent für die ersten drei Jahre für ein Auto mit einer Energieeffizienz der Kategorie A, in Zürich sogar 80 Prozent, wenn der CO2 maximal 130 Gramm pro Kilometer beträgt.

Auf den 1. Januar ändert der Bundesrat nun die Kriterien für die Einteilung in die Energieeffizienzkategorien. Wichtigste Neuerung: Das bisher berücksichtigte Leergewicht fällt weg. Massgebend ist nur noch der absolute Energieverbrauch. «Ein vernünftiges Familienauto mit drei Sitzreihen wird es kaum mehr in die Kategorie A schaffen», sagt Peter de Haan, Mobilitätsexperte beim Beratungsbüro Ernst Basler+Partner und ETH-Dozent. Dafür könne künftig ein kleiner, leichter Flitzer mit einem Motor, der nicht auf dem neusten technischen Stand ist, aber niedrige CO2-Emmissionen hat, in die höchste Kategorie rutschen.

Die Energieetikette des Bundesamtes für Energie (BFE) wird jedes Jahr neu berechnet. In die Kategorie A werden immer nur die besten 14 Prozent der neuen Automodelle aufgenommen. Wenn die Fahrzeuge sparsamer werden, kann es also durchaus sein, dass ein Auto der Kategorie A im nächsten Jahr in die Kategorie B abrutscht.

Ausweichen auf Hybridmodelle

Aufgrund von neuen Messwerten werden ab kommendem Jahr zudem die Angaben zum CO2-Zielwert angepasst. Damit werde die angestrebte Absenkung des durchschnittlichen Treibstoffverbrauchs neuer Personenwagen unterstützt, betont das BFE. Und die beiden Neuerungen entsprechen durchaus auch der politischen Grosswetterlage im Energiebereich. Denn «bestraft» werden ja nicht nur die Fahrer von etwas schwereren Familienvans, sondern auch Halter von Offroadern und SUV. Denn viele ihrer Wagen dürften aufgrund der neuen Berechnungsmethode tiefer eingestuft werden als heute. Der grüne Nationalrat Bastien Girod freut sich denn auch. Er ist überzeugt, dass es für Familien durchaus Alternativen gebe, zumal die Vans leichter geworden seien und es auch schon etliche Hybridmodelle in dieser Kategorie gebe. Nur sind diese nicht für jede Familie erschwinglich, kosten solche Modelle meist immer noch deutlich mehr als herkömmliche Benzin- und Dieselwagen.

Der Autokäufer- ein Gewohnheitstier

Nebst dem Preis gibt es auch ein überraschendes Kriterium, das den Kauf eines neuen Autos stark beeinflusst. Laut de Haan orientieren sich viele Autokäufer auch an ihren Gewohnheiten: «Rund 40 Prozent der Autokäufer wählen den genau gleich grossen Motor wie bei ihrem Vorgängerauto.» Das dokumentiert auch die 2017 erschienene Studie zur «Effizienzlücke beim Autokauf», welche das Bundesamt für Energie in Auftrag gegeben hat.

Welchen Lenkungseffekt kann die neue Energieetikette überhaupt leisten? De Haan ist überzeugt, dass dies vor allem über eine verstärkte Sensibilisierung der Käufer gehen muss. Zur Illustration schlüpft der Wissenschafter in die Rolle eines Werbers und formuliert gleich den passenden Slogan: «Sparen Sie zum Nulltarif 10 Tonnen CO2 ein.» Und unterlegt den Spruch mit den erläuternden Fakten: Ein Mittelklassewagen der Kategorie A emittiert bei einer Lebensdauer von 160000 Kilometern rund 10 Tonnen CO2weniger als ein Modell der gleichen Marke aus der Kategorie C.

Das Label ganz abschaffen

Gar nichts von der Energieetikette hält SVP-Nationalrat Walter Wobmann. Er versucht alle paar Jahre wieder deren Abschaffung zu initiieren. Zum letzten Mal vor etwas mehr als einem Jahr. Durch die Einführung absoluter CO2-Vorgaben für Personenwagen habe die Etikette ihren Sinn und Zweck eingebüsst, schreibt er in seiner Motion: «Die Senkung des Zielwertes von heute 130 auf 95 Gramm CO2 pro Kilometer im Jahr 2020 führt das Energielabel endgültig ad absurdum.» Bisher wurden seine Vorstösse deutlich abgeschmettert.

Erstellt: 23.10.2019, 20:14 Uhr

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