Das Paket aus Oerlikon enthielt «Handgranate russischer Bauart»

Eine Redaktion in Zürich entging vor Jahren knapp einem Paketbombenanschlag. Jetzt kommt die Sache überraschend vor Gericht.

Der Verleger Xhevdet Mazrekaj im Jahr 2001 auf der Redaktion seiner Zeitung «Bota Sot». Foto: Michele Limina (Keystone)

Der Verleger Xhevdet Mazrekaj im Jahr 2001 auf der Redaktion seiner Zeitung «Bota Sot». Foto: Michele Limina (Keystone)

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Am 27. September 2002 wurde auf der Post in Oerlikon ein Päckli aufgegeben. Es machte einen harmlosen Eindruck. «Vertraulich/geschäftlich» stand darauf. Und als Absender eine Weinhandlung in Adliswil.

Das Paket enthielt zwar einen edlen Tropfen, auch auch etwas Hochgefährliches: «eine Handgranate russischer Bauart mit grosser Sprengkraft», präpariert zur Explosion. So informierte damals die Paketempfängerin über den Vorfall, die kosovo-albanische Tageszeitung «Bota Sot». Das Blatt, das ab 1995 in Zürich herausgegeben wurde, schrieb, es sei nur «aufgrund glücklicher Umstände der Zündmechanismus beim Öffnen des Pakets nicht ausgelöst worden».

14 Jahre blieb der Fall unaufgeklärt. Doch nun hat die Bundesanwaltschaft einen mutmasslichen Täter angeklagt. Dem Vernehmen nach führte die Hilfe von Kommissar Zufall dazu, dass der Verdächtige verhaftet werden konnte. Ende Januar kam er ins Regionalgefängnis Bern. Nun eilt die Sache. Ein Teil der Straftaten, die infrage kommen, verjährt nach 15 Jahren, also Ende September. Damit das nicht passiert, braucht es davor ein Urteil.

Elf Personen waren bedroht

Mord allerdings verjährt in der Schweiz erst nach 30 Jahren. Des mehrfachen versuchten Mordes ist der Mann angeklagt, der vor wenigen Wochen aus dem Kanton Bern in das Flughafengefängnis Zürich verlegt worden ist. Hinzu kommen weitere gravierende Vorwürfe: Widerhandlungen gegen das Waffengesetz und Gefährdung durch Sprengstoffe in verbrecherischer Absicht.

Die Sache hätte schlimm ausgehen können: Das vermeintliche Weingeschenk war auf die Redaktion in Zürcher Bahnhofsnähe gesandt worden. Xhevdet Mazrekaj, der Herausgeber von «Bota Sot», öffnete es aber in Küsnacht, wo seine Schwester lebte. Gemäss damaligen Angaben wurde er dabei misstrauisch und benachrichtigte die Polizei.

Nun werden aus einem anonymisierten Zwischenentscheid des Bundesstrafgerichts weitere Details zur Tat bekannt: Gemäss Anklageschrift, aus der dort zitiert wird, wären durch die Paketbombe vier Menschen «tödlich verletzt worden», die sich auf einer Terrasse einer Wohnung in Küsnacht befanden. Vor Ort befanden sich Mazrekaj, sein Bruder, dessen Neffe und eine weitere Person. In der Wohnung befanden sich sieben weitere Personen. Laut Anklage hätten sie alle «leichte bis tödliche Verletzungen» davontragen können.

Zeitung mit vielen Feinden

Zum Angeklagten und den Umständen seiner Verhaftung schweigen sich die Justizbehörden aus. Der Beschuldigte befindet sich im vorzeitigen Strafvollzug, was aber nicht heissen muss, dass er geständig ist. Sein Verteidiger wollte sich nicht zu Fragen des TA äussern, weil er nicht vom Anwaltsgeheimnis entbunden sei.

Xhevdet Mazrekaj ist von der Bundesanwaltschaft auf Stillschweigen verpflichtet worden. «Wir verdächtigen kriminelle Strukturen in Kosovo, die nach dem Krieg mächtig geworden sind», hatte der Herausgeber von «Bota Sot» kurz nach der Tat in einem TA-Interview gesagt. «Ich schliesse auch eine Rolle des serbischen Geheimdienstes nicht aus. Es handelt sich eindeutig um eine politisch motivierte Tat.»

«Bota Sot» («Welt heute») hatte sich als Hetzblatt des albanischen Nationalismus viele Feinde gemacht. Die Redaktion am Zürcher Bahnhofplatz bezeichnete Serben oft pauschal als «Metzger», «Massenmörder» und «geborene Killer». Auch bezichtigte die Zeitung selbst kosovarische Politiker als serbische Kollaborateure oder Spione. Die OSZE, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, hatte sie mehrfach gebüsst.

Das Blatt nahm vor allem die Führer der kosovarischen Befreiungsarmee UÇK wie Hashim Thaçi, Xhavit Haliti und Ramush Haradinaj ins Visier. Ihnen wurde vorgeworfen, sie hätten in erster Linie um die Machtübernahme in Kosovo gekämpft und nicht gegen die serbische Terrorherrschaft. Thaçi ist heute Staatspräsident Kosovos, Halili wurde bei den jüngsten Wahlen erneut ins Parlament gewählt. Und Haradinaj ist Kandidat für das Amt des Premiers. Alle drei haben in den 90er-Jahren zeitweise in der Schweiz gelebt. Der mutmassliche Täter soll den ehemaligen Rebellenführern nahe stehen.

2001 hatte «Bota Sot» ein Interview mit dem damaligen Bundesrat Samuel Schmid publiziert, das gemäss Verteidigungsdepartement «erschlichen» und «verfälscht» wiedergegeben worden war. Mittlerweile hat die Zeitung ihre Redaktion von Zürich nach Pristiana verlegt und erscheint noch wöchentlich.

Mängel in der Anklage

Nach dem gescheiterten Attentat waren viele Personen befragt worden, die zum Teil zu Unrecht angeschwärzt worden waren. Danach war es ruhig geworden um den Fall. Doch seit Januar arbeitet die Bundesanwaltschaft wieder unter Hochdruck daran. Wegen drohender Verjährung hat sie in rekordverdächtigem Tempo Anklage erhoben.

Allerdings hat das Bundesstrafgericht kürzlich verschiedene Mängel im Verfahren festgestellt. So waren in der Anklageschrift nicht alle möglichen Geschädigten aufgeführt. Als Privatkläger wurde einzig Verleger Mazrekaj genannt. Die zehn weiteren anwesenden Personen wurden eher beiläufig erwähnt.

Zudem befand die Strafkammer, dass zu wenig genau umschrieben sei, weshalb es sich beim Fall um einen mehrfachen Mordversuch handelt. Mord unterscheidet sich von anderen Tötungsdelikten gemäss Schweizer Strafgesetz durch besondere Skrupellosigkeit. Daneben bemängelte das Bundesstrafgericht Details wie die fehlende Angabe von Mazrekajs Anwalt und einen Rechnungsfehler bei den bisherigen Verfahrenskosten. Das Bundesstrafgericht hat deshalb die Anklageschrift Ende Mai zurückgewiesen, wie nun bekannt wird.

Die Bundesanwaltschaft teilt aber mit, dass sie in der Zwischenzeit bereits eine angepasste Version eingereicht habe. Sie sei «zuversichtlich, dass die Hauptverhandlung wie geplant stattfindet». Termine wurden für August reserviert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.07.2017, 12:02 Uhr

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