Ampeln statt Noten sind bloss Kosmetik

Farbige Ampeln sollen Noten ersetzen und den Leistungsdruck entschärfen. Warum das nicht funktioniert, zeigt das Beispiel Basel.

Eine noble Idee, die leider krankt: Schulen versuchen mit alternativen Bewertungssystemen, den Leistungsdruck zu mindern. Foto: Keystone

Eine noble Idee, die leider krankt: Schulen versuchen mit alternativen Bewertungssystemen, den Leistungsdruck zu mindern. Foto: Keystone

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Farben statt Zahlen, Kompetenzen statt Leistungen, Gespräche statt Zeugnisse: Die Primarschule Zinzikon, so wurde diese Woche bekannt, will in der Leistungsbeurteilung neue Wege gehen. Man verlegt sich auf ein Ampelsystem, das in verschiedenen Zürcher und St. Galler Schulen schon erprobt wurde, und erhofft sich so weniger Leistungsdruck und eine umfassendere Beurteilung der einzelnen Schüler. Garniert wird das Ganze mit Ausdrücken aus dem Werkzeugkasten moderner Pädagogik: Schüler sollen «kompetenzorientiert» und «ganzheitlich» beurteilt werden, wobei etwa auch Sozialverhalten, Selbsteinschätzung, kreative und motorische Fähigkeiten berücksichtigt werden sollen.

Es ist eine noble Idee, nur leider krankt sie an einem heute epidemisch verbreiteten Missverständnis. Man schafft ein Problem nicht aus der Welt, indem man es umbenennt. Das verrät ein Blick nach Basel: Um keine Selektionssituation mit Verlierern und Gewinnern zu schaffen, wurde dort 1994 die Orientierungsstufe eingeführt, welche die Schüler ab der vierten Klasse für drei Jahre besuchten. Statt Zeugnisnoten gab es dort bis 2015 ein Bewertungssystem mit Buchstaben: «h» stand für «höchste Anforderungen erreicht», «m» für «mittlere Anforderungen», «g» für Grundanforderungen und so weiter.

Das Ganze hatte nur einen Schönheitsfehler: Es funktionierte nicht. Ich weiss es aus Erfahrung, meine beiden Kinder haben in Basel die Orientierungsschule absolviert und wurden entsprechend «kompetenzorientiert» beurteilt. Es war dieselbe Idee wie beim Ampelsystem: Man wollte den Leistungsdruck entschärfen, dem Lern- und Arbeitsverhalten mehr Beachtung schenken und den Fokus auf Leistungsstand, Lernentwicklung und weiteres Lernen legen. Die Beurteilung erfolgte aufgrund der «Beobachtungen der Lehrkräfte» und «Lernerfolgskontrollen», wie man die Prüfungen nannte. Die aber natürlich trotzdem Prüfungen blieben.

«Schüler wissen heute ganz genau, was die Gesellschaft von ihnen verlangt, und sie wollen wissen, woran sie sind.»

Es kann auch nicht funktionieren: Denn wir leben erstens in einer Leistungsgesellschaft – daran ändert auch ein System nichts, das Noten einfach in andere Begriffe übersetzt. Die Schüler sind nicht naiv, sie wissen ganz genau, wie wichtig schulische Leistungen für späteres Fortkommen sind, und möchten sich auch selbst einordnen können. Zweitens bedeutet das System besonders für die Lehrkräfte Mehraufwand – und eine Überforderung. Kann man von einem Lehrer verlangen, dass er nicht nur beurteilt, wie gut ein Schüler eine Rechnung lösen kann - sondern auch, welche kreativen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten er dafür einsetzt? Im Zeugnis der vierten Klasse meiner Tochter war sie in sechs Fächern über insgesamt fast 50 Kriterien beurteilt worden – man kann sich fragen, wie zutreffend ein Lehrer das alles beurteilen kann.

Und am Schluss müssen die Lehrer nicht nur Tests korrigieren, sondern für jedes Zeugnis aufwendig einen Lernbericht erstellen und den mit jedem Schüler und seinen Eltern umfassend diskutieren. Kommt dazu, dass in einem «weichen» Beurteilungssystem die subjektive Wahrnehmung der Lehrer wichtiger wird und ein standardisiertes Verfahren wie das Notensystem zumindest Objektivität anstrebt.

Schüler wissen heute ganz genau, was die Gesellschaft von ihnen verlangt, und sie wollen wissen, woran sie sind. Deshalb braucht es klare Aussagen über ihren Leistungsstand. Dazu ist das traditionelle Notensystem das tauglichste, das am besten akzeptierte und nicht zuletzt das einfachste. So löblich es ist, die Schüler vom Druck zu befreien: Solange man bloss die Noten abschafft, nicht aber den Leistungsdruck in der Gesellschaft, sorgt das nur für noch mehr Stress.

Erstellt: 29.08.2019, 15:43 Uhr

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