Das Schweizer Tabakparadies

Die drei grössten Tabakkonzerne der Welt haben Ableger in der Schweiz – aus gutem Grund.


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Die Schweiz präsentiert sich gerne als stolze Heimat der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das verpflichtet das Land jedoch nicht, sich an deren völkerrechtliche Verträge der UNO-Sonderkommission zu halten. Zum Beispiel an das Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs: 180 Länder halten sich rechtskräftig daran, jedoch nicht die Schweiz. Sie unterschrieb das Abkommen 2004, die Ratifizierung steht bis heute aus.

Von der liberalen Gesetzgebung profitiert die hiesige Tabakindustrie. Die weltweit grössten Tabakkonzerne sind in der Schweiz mit wichtigen Verwaltungs- und Produktionssitzen vertreten. Philip Morris, British American Tobacco und Japan Tobacco generieren eine Wertschöpfung in Milliardenhöhe: Tabakprodukte im Wert von mehr als 550 Millionen Franken wurden letztes Jahr exportiert. Zum Vergleich: Käse wurde nur unwesentlich mehr im Ausland abgesetzt.

Die Zurückweisung von Alain Bersets Tabakproduktegesetz dürfte die Branchenvertreter beruhigen. Die Befürworter wollten in erster Linie die Suchtproblematik entschärfen. Mit Werbeeinschränkungen hätten vor allem Jugendliche vor dem Tabakkonsum geschützt werden sollen. Eine Mehrheit in der kleinen Kammer empfand die Vorlage jedoch als «Angriff auf die freie Marktwirtschaft». «Es ist nicht erwiesen, dass generelle Werbeverbote einen Rückgang des Rauchens bewirken», sagte etwa Joachim Eder (FDP) zur Nachrichtenagentur SDA.

Auch wenn die Sorge um die Gesundheit breit diskutiert wird, ist sie wohl eher ein Randaspekt. Die Gesetzesgegner fürchten vor allem um die Standortattraktivität der Schweiz. «Rund 13'000 Arbeitsplätze in der Schweiz stehen auf dem Spiel», sagt Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler. Diese Angabe ist zu hoch gegriffen, wie Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigen: Die drei internationalen Konzerne, die in der Schweiz Ableger haben, beschäftigen insgesamt knapp 4800 Personen.

Hohe Wertschöpfung: Die Schweiz importiert Tabak und exportiert daraus erzeugte Produkte.

Dennoch ist die Wertschöpfung der Branche bemerkenswert: Sie steuert rund 1 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei – etwa gleich viel wie die Landwirtschaft. Der AHV spült sie jährlich mehr als zwei Milliarden in die Kasse. Für den Gesetzesbefürworter Hans Stöckli sind solche Zahlen wertlos: «Der volkswirtschaftliche Schaden des Rauchens ist mit mehreren Milliarden Franken pro Jahr höher, als die gesamte Wertschöpfung der Tabakindustrie ausmacht», sagte der SP-Ständerat zu Radio SRF.

Noch mehr Gesundheitsschäden bewirken die Tabakprodukte ausserhalb der Schweiz. Denn ein Grossteil der hierzulande hergestellten Zigaretten wird ins Ausland verkauft. Grösster Abnehmer ist Japan. Dahinter folgen viele Staaten aus dem arabischen Raum – allesamt Länder, in denen gerne «stärkere» Zigaretten geraucht werden.

Dass diese Länder zuoberst in der Exportstatistik erscheinen, ist kein Zufall. Denn die Schweiz erlaubt Produktion sowie Ausfuhr von Zigaretten mit höheren Schadstoffen: Produkte, die über den von EU definierten Grenzwerten «10-1-10» (10 mg Teer, 1 mg Nikotin, 10 mg Kohlenmonoxid) liegen. Diese dürfen in der EU weder vermarktet noch produziert werden. In der Schweiz ist deren Verkauf nicht erlaubt, aber ihre Ausfuhr ist zulässig. Entsprechend werden in den drei Schweizer Fabriken solche Zigaretten hergestellt.

Im Tabakproduktegesetz, das der Ständerat nun zurückgewiesen hat, bleibt diese Ausnahmeregelung unangetastet. Zum Gefallen der Tabakindustrie. Doch diese schaut bereits in die Zukunft: «Eine Anpassung der Grenzwerte für Teer-, Nikotin- und Kohlenmonoxid-Gehalt ist im aktuellen Entwurf zum Tabakproduktesetz nicht vorgesehen, könnte aber nachträglich eingeführt werden. Für uns ist wichtig, dass die aktuellen Grenzwerte im künftigen Tabakproduktegesetz beibehalten werden», sagt Christophe Berdat, Sprecher von British American Tobacco Switzerland. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.06.2016, 16:34 Uhr

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