«Das Signal für die Frauen ist verheerend»

Das Schweizer Steuersystem begünstige, dass Frauen nach der Heirat nicht mehr arbeiten, sagt Unternehmerin Carolina Müller-Möhl.

Carolina Müller-Möhl kämpft für die Gleichstellung. Foto: Reto Oeschger

Carolina Müller-Möhl kämpft für die Gleichstellung. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sind Sie eine Feministin?
Wenn man unter dem Begriff Feministin eine Frau versteht, die sich für die Gleichstellung in der Schweiz einsetzt und starkmacht, dann bin ich eine. Denn es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, weshalb wir Frauen den Männern nicht gleichgestellt sein sollten.

Wie verbringen Sie den Internationalen Frauentag?
Auf einem langen Flug. Ich werde die Zeit nutzen, um die Berichte in der internationalen Presse anlässlich dieses Tages zu lesen. Und ich informiere mich über die neusten Entwicklungen und lasse mich inspirieren.

Die Schweiz könnte, wie viele andere Länder auch, den 8. März zu einem offiziellen Feiertag erklären.
Ich finde es hervorragend, dass es diesen Tag gibt. Aber diesen Tag als einen offiziellen Ruhetag zu begehen, können wir uns nicht leisten. Man könnte sich überlegen, ob wir nicht an jedem 8. März einen schweizweiten Kongress für Personalverantwortliche, Politiker und Geschäftsleitungsmitglieder veranstalten sollten, um Themen wie «Frauen im Beruf» oder «Vereinbarkeit von Beruf und Familie» zu diskutieren.

Wo stehen wir diesbezüglich in der Schweiz?
Leider müssen wir eine beunruhigende Tendenz feststellen, die sich vor allem in der Lohnungleichheit und beim Geschlechterverhältnis in Führungsetagen manifestiert. In den Geschäftsleitungen der Finanzindustrie ist die Schweiz im europäischen Vergleich mit 5 Prozent weiblichen Mitgliedern Schlusslicht und liegt beispielsweise noch hinter Polen. Laut dem jüngsten Global Gender Gap Report des WEF verharrt die Schweiz auch deshalb im internationalen Ranking auf Platz 20. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Schweiz bei der wirtschaftlichen Gleichberechtigung sogar um drei Ränge abgerutscht. Das macht nicht nur mir Sorgen.

«Der aktuelle Anteil von nur 15 Prozent Frauen im so wichtigen Ständerat ist enttäuschend.»

Wem noch?
All jenen, denen die wirtschaftliche Prosperität unseres Landes wichtig ist. Um das hiesige ­Wirtschaftswachstum zu steigern, empfiehlt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in ihrem letzten Länderbericht der Schweiz erneut verschiedene Massnahmen: Dazu gehören eine bessere Einbindung von Frauen in den Arbeitsmarkt, ein besser ausgebautes und bezahlbares Kinderbetreuungssystem sowie Tagesstrukturen, die Eindämmung der geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede, gleiche Karrieremöglichkeiten und die Abschaffung der hohen Steuerbelastung für Zweitverdienende. All diese Massnahmen dienen nicht nur der Gleichstellung und der Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern letztlich auch unserer wirtschaftlichen Entwicklung.

Welche Massnahme erachten Sie als die zielführendste?
Unser Steuersystem muss geändert werden, weil dieses auf einer Rollenverteilung des letzten Jahrhunderts beruht, als die Frauen nach der Heirat oft für den Rest ihres Lebens aus dem Arbeitsmarkt austraten. Und die Anreize sind heute noch falsch angelegt: Wenn die Frau nach dem zweiten Kind wieder arbeiten geht, frisst die Progression diesen Lohn wegen der gemeinsamen Steuerveranlagung und der Kosten für die familienexterne Kinderbetreuung gleich wieder weg. Das entsprechende ­Signal an diese Frauen ist verheerend, nämlich «Arbeiten lohnt sich für euch nicht». Wir können es uns nicht leisten, weiterhin auf die vielen hochqualifizierten Frauen im Arbeitsmarkt zu verzichten.

Wie wollen Sie dieses Dilemma konkret lösen?
Es gibt einen pragmatischen und realistischen Ansatz, nämlich die Individualbesteuerung. Die Müller-Möhl Foundation hat eine wissenschaftliche Studie zu dieser Thematik in Auftrag gegeben. Das vorläufige Ergebnis: Eine Individualbesteuerung würde sich sehr positiv auf die Partizipation von Frauen im Arbeitsmarkt auswirken. Ich hoffe, dass durch die Verbreitung der Ergebnisse der Studie hier ein Umdenken bei den politischen Mehrheiten stattfindet.

Heiss diskutiert wird derzeit, wie stark der Vaterschaftsurlaub ausgebaut werden soll. Befürworten Sie diese Bestrebungen?
Ein Vaterschaftsurlaub dient auch der Gleichstellung. Ich spreche hier jedoch lieber von einer Elternzeit, die beiden Elternteilen die Möglichkeit gibt, sich adäquat am Familienleben zu beteiligen. Drängender ist für mich aber, dass die Frauen den gleichen Lohn erhalten wie die Männer. In gewissen Branchen beträgt dieser Unterschied immer noch 20 Prozent.

Demnach müssten Sie auch gegen die Anhebung des Rentenalters für Frauen auf 65 sein, solange die Lohnungleichheit noch so gravierend ist.
Die Beibehaltung oder Anhebung des Rentenalters für Frauen ist für mich nicht der Knackpunkt in der Gleichstellungsfrage. Erst mal wichtig ist, dass eine junge Frau, die Kinder hat und arbeiten möchte, bessere Rahmenbedingungen erhält.

Eine Frauenquote in Unternehmen könnte diese Entwicklung forcieren.
Gesetzliche Regelungen sollten im Markt mit Bedacht eingesetzt werden, das gilt auch für Frauenquoten. Meine Hoffnung ist, dass sich in den Unternehmen, in der Politik und in anderen Organisationen durchsetzt, dass es die Gleichstellung eben auch für unseren wirtschaftlichen Erfolg braucht.

Der Ständerat hat die entsprechende Aktienrechts­revision in eine Zusatzschlaufe geschickt. Wie so oft werden Gleichstellungsbelange auf die lange Bank geschoben. Erhoffen Sie sich durch die beiden frisch gewählten Bundesrätinnen neuen Schub?
Das hoffe ich sehr, zumal sich die neuen Bundesrätinnen schon in diese Richtung geäussert haben. Massgeblich ist jedoch, dass im Herbst mehr Frauen in die eidgenössischen Räte gewählt werden und dadurch die Parität der Geschlechter auf der legislativen Ebene wenigstens etwas näher kommt. Der aktuelle Anteil von nur 15 Prozent Frauen im so wichtigen Ständerat ist enttäuschend.

Aber gerade junge Frauen beteiligen sich immer noch weniger stark an Wahlen und Abstimmungen als junge Männer.
Das bedauere ich sehr. Wir Frauen müssen unseren Anliegen in Wirtschaft und Politik mehr Ausdruck verleihen, sichtbarer werden und uns exponieren.

Mit dem Risiko, angefeindet zu werden.
Auch wenn dies Frauen viel öfter passiert, ist das kein Grund, abseitszustehen. Das Leben ist schliesslich kein Defilee auf einem Laufsteg.

Erstellt: 08.03.2019, 06:56 Uhr

Zur Person

Carolina Müller-Möhl (50) ist Gründerin und Präsidentin der Müller-Möhl Group und der Müller-Möhl Foundation. Sie hat Politik, Geschichte und Recht studiert und als Politologin abgeschlossen. Sie ist in etlichen Verwaltungsräten, etwa bei Orascom oder Fielmann. Zudem engagiert sie sich in über einem Dutzend Stiftungs- und Beiräten. (red)

Artikel zum Thema

Kampf gegen ein verachtendes Frauenbild

SonntagsZeitung Übergriffe auf Frauen sollen von Amts wegen verfolgt werden, fordern Politikerinnen. Mehr...

Hurra Frauentag, wir räumen mit dem Feminismus auf

Heuchelei, Zickenkrieg, Mutter-Obsession: Schluss mit Wehklagen! Dieser Beitrag beschleunigt und versachlicht die Debatte. Mehr...

Sie stellt das traditionelle Familienbild infrage

Eine chinesische Abgeordnete fordert mehr Rechte für alleinerziehende Frauen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Blasenentzündung? Ein schneller Test bringt Klarheit

Sie bemerken Anzeichen einer Blasenentzündung? Ein unkomplizierter Test schafft Klarheit und verhindert eine Antibiotika-Behandlung.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...