Das Skandal-Casino

Die Spielbank von Lugano steht wegen verschiedener Fehltritte seit zehn Jahren in der Kritik. Nach dem neusten Eklat drohen einmal mehr Sanktionen durch den Bund.

Klotziger Zankapfel: Das Casino in Lugano, aufgenommen im Sommer 2007.

Klotziger Zankapfel: Das Casino in Lugano, aufgenommen im Sommer 2007. Bild: Keystone

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Soeben wurde die neue Spielbank Zürich euphorisch eingeweiht. In Lugano ging es am 29. November 2002 ähnlich euphorisch zu und her. Für die geladenen Gäste – vornehmlich Italienerinnen und Italiener – floss der Champagner in Strömen, als das direkt am Seeufer gelegene Casinò Lugano seine Tore öffnete. Tennislegenden wie Martina Hingis und die Russin Anna Kurnikowa sorgten für Stimmung.

Zehn Jahre später herrscht Katerstimmung. Das Casinò Lugano ist zum dauerhaften Zankapfel unter Politikern, aber auch zwischen Betreibern und Gewerkschaften geworden. Etliche Direktoren lösten sich ab, immer wieder gab es Skandale. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) mussten sich wiederholt mit der Spielbank befassen.

Diskothekbetreiber verhaftet

Wenig schmeichelhaft für die mit A-Konzession ausgestattete Spielbank ist auch der jüngste Skandal. Generalstaatsanwalt John Noseda liess kürzlich den 45-jährigen Betreiber der Diskothek und Lounge Nyx verhaften, eines Nachtlokals, das sich im Gebäude des Casinos befindet und von der Casinò Lugano SA verpachtet wird. Ein 47-jähriger Compagnon wurde ebenfalls verhaftet. Die Liste der mutmasslichen Delikte ist lang: Betrug, Unterschlagung, Urkundenfälschung, Freiheitsberaubung, schwere Körperverletzung und weitere. Besonders heikel: Die zweite verhaftete Person war Marketing-Chef des Casinos.

Zwar hat sich die Spielbank als Privatklägerin konstituiert und damit als geschädigte Partei. Doch werden immer mehr Details zu den verhafteten Personen bekannt, welche zumindest die Frage aufwerfen, ob mit diesen überhaupt ein Vertrag hätte abgeschlossen werden dürfen. So hatte der Gerant der Diskothek Schulden und Dutzende von Zahlungsbefehlen am Hals. Der Marketing-Chef war in Italien in Strafermittlungen verwickelt.

Gemäss Spielbankengesetz muss ein Casino über ein Sicherheitskonzept verfügen, das eine effiziente Bekämpfung der Kriminalität garantiert. Und natürlich gilt die Sorgfaltspflicht. Die ESBK hat eine Administrativuntersuchung eingeleitet, mehr sagt sie dazu laut Sprecherin Maria Saraceni nicht.

Stadt ist in die Affäre verstrickt

Als zunehmend problematisch erweist sich die Tatsache, dass der Verwaltungsrat praktisch ausschliesslich aus Lokalpolitikern besteht. Denn die Stadt Lugano hält 65 Prozent der Aktien. Die Folge ist eine Überschneidung von Rollen: Vizestadtpräsident Erasmo Pelli (FDP) ist zugleich VR-Präsident der Spielbank. Von sieben Verwaltungsräten sind sechs Politiker, bestimmt nach Parteienproporz, darunter auch der freisinnige Stadtpräsident Giorgio Giudici. Einzig der VR-Vizepräsident als Vertreter der Casinos Austria, welche 28 Prozent der Aktien halten, kommt aus der Branche.

«Mindestens drei Personen im Verwaltungsrat müssten ökonomisch bewandert sein», fordert der in Lugano ansässige Anwalt Adriano Censi, der von 2000 bis 2008 Präsident des Schweizer Casino-Verbands und einst selbst Vizepräsident der Spielbank Lugano war. Seiner Meinung nach ist diese wegen mangelhaften Managements «zum problematischsten Casino der Eidgenossenschaft» avanciert. Die Reputation sei schwer angeschlagen.

Verlustgeschäft

Immer wieder wurde ein Verkauf der städtischen Aktien diskutiert, doch mittlerweile ist der Wert der Spielbank so stark gesunken, dass dies ein grosses Verlustgeschäft wäre. Insider reduzieren den Firmenwert praktisch auf die Immobilie. Erstaunlicherweise hat auch VR-Präsident Pelli in einem Interview mit der Zeitung «Il Caffè» eingeräumt, «dass wir Politiker an der Spitze einer Spielbank eigentlich am falschen Platz sind». Warum er seinen Stuhl dennoch nicht räumt, bleibt ein Rätsel.

Derweil wird den politischen Parteien von Lugano zunehmend mulmiger – zumindest in der Legislative. «Die bedrückende Chronologie von Ereignissen schädigt den Ruf des Casinos und der Stadt Lugano», heisst es in einer dringlichen Anfrage. Mehr noch: Die ESBK könnte der Spielbank möglicherweise die Konzession entziehen. Am Montagabend wird im Gemeinderat eine Resolution diskutiert, welche die Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung der Casinò Lugano SA verlangt und eine Ablösung der Verwaltungsräte.

Eine Reihe von Erschütterungen

Tatsächlich nahm das Unheil der Spielbank Lugano schon bald nach ihrer Eröffnung vor genau zehn Jahren seinen Lauf. Ein Vertrag mit der dubiosen italienischen Firma Fun Time, welche den Auftrag hatte, vermögende Spieler nach Lugano zu locken, war der ESBK nicht gemeldet worden. Ein Verstoss gegen das Gesetz. Im Jahr 2006 kassierte das Casino dafür eine gigantische Busse von 669'000 Franken, die ehemals Verantwortlichen wurden extra gebüsst.

Einige Jahre später leitete die Staatsanwaltschaft Untersuchungen wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsführung ein, weil der Marketing-Chef der Spielbank bei Einkäufen eine italienische Firma berücksichtigte, die ihm selbst gehörte. Die Rechnungen wurden künstlich aufgebläht. Er machte zudem Werbung für die konkurrierende Spielbank in Campione. Er musste gehen, ebenso wie der damalige Direktor.

Wucherer und betrügerische Croupiers

Die mutmassliche Präsenz von Wucherern, ein Fall von betrügenden Croupiers und gezinktem Blackjack-Spiel sowie ein ewiger Kampf mit der christlichen Gewerkschaft OCST um die Arbeitsbedingungen des Personals rundet das wenig erbauliche Bild ab. Wegen offensichtlicher Mängel bei der Bewirtschaftung der Spielbank drohte bereits Anfang 2009 ein Entzug der Konzession durch die ESBK. Nur in letzter Minute konnte dieser gravierende Schritt verhindert werden.

Doch die Fehltritte gehen weiter. Eines der letzten Highlights war eine zweifelhafte Werbekampagne in Italien, welche die angesehene italienische Wirtschaftszeitung «Il Sole 24 Ore» in Rage brachte. Auf einem Flugblatt hatte die Luganeser Spielbank mit dem Satz «Da noi nessuno ti fa i conti in tasca!» (Bei uns schaut dir niemand in die Taschen!) geworben. Im Gegensatz zu Italien garantiere die Schweiz die Privatsphäre, hiess es. Der ironische Kommentar der italienischen Zeitung: «Bei uns gibt es eben das ungesunde Verlangen, zu wissen, warum jemand 20'000 Euro deklariert, aber in der Lage ist, 100'000 Euro pro Jahr am Spieltisch zu verzocken.»

Erstellt: 19.11.2012, 10:49 Uhr

Die Spielerträge sinken

Bei der Vergabe der ersten Spielbankenkonzessionen im Jahr 2001 hatte der Bundesrat den Kanton Tessin reich gesegnet. Gleich 3 von 21 Konzessionen gingen in die Südschweiz an die Standorte Lugano, Locarno und Mendrisio. Während sich Locarno und Mendrisio mit einer B-Konzession zufriedengeben mussten, ergatterte Lugano die begehrte A-Konzession. Lange war aber Mendrisio, dank seiner Nähe zu Italien, nicht nur das ertragreichste Casino des Tessins, sondern der ganzen Schweiz. 2006 betrug der Bruttospielertrag dort 135 Millionen Franken. Auch Lugano lag bei weit über 100 Millionen Franken.

Das sind Tempi passati. Die Bruttospielerträge sind stark zurückgegangen. Locarno wies 2011 gemäss Jahresbericht der Eidgenössischen Spielbankenkommission noch 26,6 Millionen Franken Bruttospielertrag auf, Mendrisio 72,5 Millionen Franken und Lugano 68,1 Millionen Franken. Die drei Spielbanken erwirtschaften zusammen aber immer noch 20 Prozent des gesamtschweizerischen Bruttospielertrags von 824 Millionen Franken.

Im Kampf um Spielerinnen und Spieler aus Italien stehen die drei Tessiner Spielbanken in engem Konkurrenzkampf zum Casinò Municipale in der italienischen Enklave Campione d’Italia. Auch dort sind die rosigsten Zeiten jedoch vorbei. Das Management hat ein eisernes Sparprogramm verordnet, das vor kurzem zu einem Streik der Angestellten führte.

Bei allen Spielbanken macht sich neben dem schwachen Euro und der Wirtschaftskrise in Italien die Konkurrenz durch das Internet sowie von kleineren Glückspielautomaten in italienischen Bars bemerkbar. Die Zahl der Besucher in den Spielbanken der Südschweiz ist fast konstant geblieben, doch die getätigten Einsätze werden immer bescheidener. (gl)

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