«Das Triebwerk könnte zerstört werden»

Die Zahl der Zwischenfälle mit Drohnen nimmt zu. Bazl-Sprecher Urs Holderegger über mögliche Folgen einer Kollision – und Pläne zum Schutz der Flugzeuge.

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Die Sicherheitsuntersuchungsstelle Sust hat eine deutliche Zunahme der gefährlichen Annäherungen zwischen Drohnen und Flugzeugen festgestellt. Ist dies Anlass zur Beunruhigung?
Wir haben diese Tendenz auch festgestellt. Sie lässt sich teilweise durch die Meldepflicht erklären, die seit letztem Jahr für Vorfälle in der Kleinaviatik gilt. Klar ist aber auch, dass die Zahl der Drohnen massiv gestiegen ist. Während wir vor zwei, drei Jahren noch von 20'000 in der Schweiz verkauften Drohnen ausgingen, sind es inzwischen wohl 100'000. Dies führt zweifellos zu mehr Vorfällen. Die Folgen halten sich bisher aber in Grenzen. In den letzten Jahren ist es weltweit nur zu einer Handvoll bestätigter Kollisionen mit Drohnen gekommen.

Welcher war der bisher gravierendste Vorfall?
Es ist noch nie ein Flugzeug wegen einer Kollision mit einer Drohne abgestürzt. Bei weltweit wohl 10 Millionen Drohnen hat sich noch kein einziger tödlicher Unfall ereignet. In Moçambique ist im Januar ein Airbus bei der Landung mit einer Drohne kollidiert. Für die Passagiere blieb der Vorfall ohne Folgen. Mir ist kein Fall einer Notlandung bekannt, die durch eine Drohne verursacht wurde.

Was würde passieren, wenn eine Drohne in ein Triebwerk eines Verkehrsflugzeugs gerät?
Es ist zu erwarten, dass dies ähnliche Schäden wie bei einem Vogelschlag verursacht. Das Triebwerk könnte beschädigt oder gar zerstört werden. Dass es in der Schweiz zu einem solchen Vorfall kommen könnte, ist schon beunruhigend. Auf der anderen Seite sind gefährliche Situationen nach wie vor sehr selten.

Braucht es Massnahmen, um das Risiko einer Kollision zu verringern?
Eine Anpassung der Vorschriften für Drohnenflüge drängt sich derzeit nicht auf. Bei allen Vorfällen, die von der Sust untersucht wurden, wurde gegen das Gesetz verstossen. Beim letzten Vorfall vom Mai hat sich eine Drohne einem Airbus der Swiss angenähert, die sich im Landeanflug befand. In diesem Fall befand sich die Drohne aber in einer Höhe, in der sie der Pilot nicht mehr auf Sicht steuern kann, was verboten ist.

Video - Was beim Umgang mit Drohnen wichtig ist

Frédéric Hemmeler hat die erste Drohnenschule der Deutschschweiz gegründet und erklärt, was Drohnenpiloten wissen müssen. (Video: Lea Blum)

Die Sust schlägt eine Transponderpflicht für Drohnen vor. Diese wären dadurch für die Piloten von Flugzeugen und die Flugsicherung erkennbar.
Es findet weltweit eine Entwicklung in Richtung Unmanned Traffic Management statt. Dieses beinhaltet die Ausrüstung von Drohnen mit Chips-ähnlich SIM-Karten, die über das Mobilfunknetz geortet werden und auch miteinander kommunizieren können. Das Fernziel ist es, dass Drohnen nahende Flugzeuge erkennen und diesen aus dem Weg gehen. Entsprechende Versuche mit Helikoptern sind zum Beispiel in China erfolgreich durchgeführt worden. Eine Einbindung von Drohnen in die Flugsicherung drängt sich hingegen nur bei grösseren Drohnen auf. Wenn zusätzlich zum bemannten Luftverkehr noch zweihundert Drohnen auf dem Radar der Flugsicherung erscheinen würden, wäre dies hingegen unzweckmässig.

Wann könnten solche Chips eingeführt werden?
Es wird noch eine Weile dauern, bis die nötige Technik nach den internationalen Luftfahrtstandards zertifiziert sein wird. Eine Verpflichtung der Hersteller zur Ausstattung von Drohnen mit entsprechenden Chips müsste sinnvollerweise von der Europäischen Flugsicherheitsagentur Easa ausgehen und ist nicht vor 2019 zu erwarten.

Werden sich mit der geplanten Technik fehlbare Drohnenpiloten eruieren lassen?
Das wird beabsichtigt. Ähnlich wie bei einer Handyortung soll nachträglich festgestellt werden, wessen Drohne sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort befand. Um eine Drohne fliegen zu können, müsste ihr Inhaber diese erst freischalten lassen, indem er sich registriert.

Der Einsatz von Drohnen in bewohnten Gebieten wird oft als Ärgernis wahrgenommen. Gibt es Bestrebungen, den Einsatz von Drohnen auf unbewohntes Gebiet zu beschränken?
Für das Bazl ist dies aus luftfahrtrechtlichen Gründen kein Thema. Einzelne Gemeinden planen derzeit Verbote. Rechtlich wäre ein solches aber nur zulässig, wenn der betroffene Kanton zuerst eine rechtliche Grundlage schafft. Dies ist aber klar ein politisches Thema, das nichts mit Luftfahrtsicherheit zu tun hat.

Erstellt: 28.07.2017, 19:28 Uhr

Urs Holderegger ist Kommunikationschef des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl). (Bild: Keystone Bazl)

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«Kollision nur eine Frage der Zeit»

Laut der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle Sust kommen gefährliche Annäherungen zwischen bemannten und unbemannten Luftfahrzeugen immer öfter vor.

In der jüngeren Vergangenheit wurden immer wieder Zwischenfälle zwischen Drohnen und Flugzeugen publik. Der letzte geschah am 6. Mai südöstlich des Flughafens Zürich, wo sich eine Swiss-Maschine und eine Drohne gefährlich nahe kamen. Im neusten Jahresbericht 2016 der Behörde, der am Donnerstagabend veröffentlicht worden ist, heisst es nun schwarz auf weiss: «Gegenüber den Vorjahren war eine deutliche Zunahme von gefährlichen Annäherungen zwischen bemannten und unbemannten Luftfahrzeugen (Drohnen) festzustellen.» Es seien drei Untersuchungen eröffnet worden.

Die SUST forderte bereits in mehreren Schluss- oder Zwischenberichten Massnahmen, um Drohnen und andere unbemannte Fluggeräte auf dem Radar sowie an Bord von Flugzeugen anhand von Kollisionswarngeräten frühzeitig erkennbar zu machen. International werde etwa eine Transponderpflicht diskutiert.

Weil unbemannte Fluggeräte mehrheitlich nur visuell und nicht anhand von Kollisionswarngeräten erfasst werden, sei eine Kollision mit einem Verkehrsflugzeug in geringen Flughöhen «nur noch eine Frage der Zeit», hiess es etwa. (sda)

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