Das Unbehagen in der Kultur

Der linke Dokumentarfilmer Fernand Melgar beklagt den Drogenhandel in seinem Lausanner Quartier – und löst damit Überreaktionen aus.

Greift die Behörden an: Filmemacher Fernand Melgar. Foto: RTS Info

Greift die Behörden an: Filmemacher Fernand Melgar. Foto: RTS Info

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er hat das Offensichtliche benannt und dabei ein Tabu gebrochen. Also eine Kombination zustande gebracht, die sich normalerweise ausschliesst. Fernand Melgar, der 56-jährige Immigrantensohn, wird als engagierter und sorgfältiger Dokumentarfilmer geschätzt. Das Kind spanischer Anarchisten, als Sans-Papiers in Lausanne heimlich aufgewachsen, erlangte mit 20 Jahren die Schweizer Staatsbürgerschaft und definiert sich seither als linker Verfassungspatriot. Der filmische Autodidakt drehte viel diskutierte Dokumentationen über ein Auffanglager für Asylsuchende in Vallorbe («La Forteresse», 2008), das Ausschaffungsgefängnis von Genf («Vol spécial», 2011) und die Lebens­bedingungen von Sans-Papiers in einer Lausanner Garage («L’abri», 2014).

Und dann, vor ein paar Wochen, tat er dies: In einem Gastbeitrag der Zeitung «24 heures» polemisierte er gegen die Dealer im Lausanner Quartier Maupas, in dem er mit seiner Frau und den drei Kindern lebt. Am selben Tag verbreitete er über Facebook von ihm aufgenommene Bilder von Strassenhändlern, die vor den Schulen des Quartiers auf Kunden warten; es sind alles dunkelhäutige Männer. Den Lausanner Behörden warf er «Mord durch Unterlassung» vor.

Loben und Toben

Melgars heftiger Protest löste ebenso heftige Reaktionen aus. Quartierbewohner gratulierten in Serie, über 8000 unterstützten seine Facebook-Einträge zum Thema, gegen 300 Bewohner protestierten gegen die Zustände in ihrer Stadt. Viele lobten, andere tobten.

Und was tat die Politik? Das Lausanner Stadtparlament debattierte stundenlang ohne Resultat. Die Parteien überboten sich mit der Neuformulierung alter Lösungen. Die Lausanner Polizei versprach, wieder einmal, eine verstärkte uniformierte Präsenz. Auch will man beaufsichtigte Injektionsräume einrichten – deren Einführung das Stimmvolk abgelehnt hatte.

Die grösste Kritik kam von links. Viele halten Melgar für einen Messdiener der SVP. Er wird als Rassist und Faschist beschimpft, in einem Graffito verunglimpft. Schwerer wiegt für ihn, dass gegen 230 Kulturschaffende ihn in einem offenen Brief kritisiert haben, darunter Berufskollegen. Sie werfen dem Dokumentaristen vor, Bilder zu Denunziationszwecken missbraucht zu haben. Schüler der Genfer Kunsthochschule Head weigerten sich, Melgars angekündigte Vorlesung zu besuchen. Die Direktion der Schule widersprach dem Boykott und setzte auf eine Debatte mit dem Regisseur. Dennoch verzichtete Melgar, zu ihrer Enttäuschung, umgehend auf den Kurs.

Dieser ganze, seit Wochen andauernde Streit zeigt zweierlei. Erstens fühlen sich viele Leute in Lausanne von der rot-grünen Lokalpolitik verraten, die in 20 Jahren nicht fertigbrachte, die Drogenszene einigermassen zu diskreditieren. Zweitens scheinen sich einige Linke immer noch schwer damit zu tun, dass auch Opfer sich als Täter gebärden können, also einige Asylsuchende oder Flüchtlinge als Dealer tätig werden.

«Ich bin ein andalusisches Maultier»

Die linke Empörung über den linken Regisseur ist unfair, bequem und selbstgerecht.

Es stimmt: Bilder von mutmasslichen Dealern per Facebook zu vervielfältigen, ist gerade für einen Dokumentarfilmer als Vorgehen indiskutabel. In diesem zentralen Punkt haben Melgars Kollegen mit ihrer Kritik recht. Auch die Ausfälligkeit, mit welcher der Regisseur seither zurückschlägt, wirkt wenig souverän. Aber wer Melgar kennt, weiss um seine impulsive Art. «Ich bin ein andalusisches Maultier», sagt er selber.

Trotzdem mag man nicht in den Chor jener einstimmen, die ihn mit Boykott und Verratsvorwürfen eindecken, nur weil er sich gegen solche Zustände wehrt. Er erlebt sie im Quartier, in dem er wohnt. Dass Fernand Melgar erst jetzt reagiert, da er seine eigenen Kinder bedroht sieht, wirkt egoistisch, aber er hat das selber zugegeben: Er agiere, sagte er, als Vater und Bürger.

Seine grösste Wut über die Dealer gründet übrigens darin, dass eine kriminelle Minderheit alle anderen Flüchtlinge und Asylsuchenden kollektiv diffamiert. Auch da hat er recht.

Erstellt: 17.06.2018, 23:21 Uhr

Artikel zum Thema

Beschimpft und mit dem Tod bedroht

Dokumentarfilmer Fernand Melgar stellte Fotos von Drogendealern auf Facebook. Seither wird er verfolgt. Mehr...

Im Keller von Lausanne

Sechs Monate lang hat Ferdinand Melgar vor und in der Notunterkunft gefilmt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...