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«Das Urteil ist gewagt»

Wie kommt es, dass das Bundesstrafgericht einen Böllerwerfer zu einer Rekordstrafe verurteilt? Ein Experte ordnet ein.

Hannes Weber
Ein Mitarbeiter entfernt eine der Rauchpetarden, die beim Spiel zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen am 21. Februar 2016 auf das Spielfeld flogen.
Ein Mitarbeiter entfernt eine der Rauchpetarden, die beim Spiel zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen am 21. Februar 2016 auf das Spielfeld flogen.
Urs Flüeler, Keystone

36 Monate, davon 18 unbedingt – ein solch hartes Urteil ist in der Schweiz wegen Fangewalt noch nie verhängt worden. Der Verurteilte ist ein heute 24-Jähriger, der im Februar 2016 während des Meisterschaftsspiels zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen zwei Rauchkörper und zwei Böller auf das Spielfeld warf. Der Knall der Böller führte bei einem unbeteiligten 48-jährigen Mann zum Gehörverlust. Er musste operiert werden. Der Täter wurde aufgrund von Videoaufnahmen überführt.

Es ist der bisher einzige Fall von Fangewalt, der vor dem Bundesstrafgericht verhandelt wurde. Zuvor wurden entsprechende Straftaten von kantonalen Gerichten beurteilt. «Dass dieser Fall von der Bundesanwaltschaft zur Anzeige gebracht wurde, ist bemerkenswert», sagt Benjamin Meier, Strafrechtler und Experte auf dem Gebiet der Fangewalt. Zur Prävention und Repression hat er seine Dissertation publiziert. «Bisher fühlte sich die Bundesanwaltschaft nur für Sprengstoff-Fälle verantwortlich, welche politisch motiviert oder in denen Landesinteressen betroffen waren.» Das heisst, solche, in denen die innere und äussere Sicherheit des Landes gefährdet war – etwa bei Anschlägen.

Verbrecherische Absicht?

Verurteilt wurde der Böllerwerfer unter anderem wegen mehrfacher Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht und schwerer Körperverletzung. Zwei Punkte gaben laut Experte Meier den Ausschlag für das harte Urteil des Bundesstrafgerichts:

  • Gefährdung: «Böller gehören grundsätzlich nicht ins Stadion», sagt der Strafrechtler. Im Gegensatz etwa zu bengalischen Fackeln sei die Gefahr für Mitmenschen objektiv gegeben. Aber wurden die Böller so geworfen, dass eine konkrete Gefährdung vorlag? Das Bundesstrafgericht bejaht diese Frage und folgt damit der Bundesanwaltschaft – weil laut Herstellerangaben ein Abstand von 55 Metern zu Menschen vorgegeben sei. «Hier erstaunt, dass das Gericht auf die Herstellerangaben vertraut, aber gleichzeitig die Gefährlichkeit auch mit der fehlenden Zertifizierung in der Schweiz begründet», sagt Meier. Das werfe Fragen auch auf, die auch über die Ränge der Stadien hinaus relevant seien, sagt Meier. «Müssen solche Abstände zukünftig auch an 1.-August-Feiern eingehalten werden?»
  • Verbrecherische Absicht: Der Täter bestreitet die Böller mit der Absicht geworfen zu haben, jemanden zu verletzen. Das Gericht kommt trotzdem zum Schluss, dass hinter der Tat ein verbrecherische Absicht steht. In der Urteilseröffnung hätten die drei Bundesstrafrichter insbesondere mit der Vermummung des jungen Mannes argumentiert, sagt Meier. Damit schliesse das Gericht von der objektiven Vermummung auf eine subjektive Absicht. Das sei eine gewagte Interpretation. Damit machten es sich die Richter zu einfach.

Zehn Jahre Verschärfungen

Vor knapp zehn Jahren trat das «Hooligan-Konkordat» in Kraft. Damit wurde der Umgang mit gewalttätigen Fussballfans deutlich verschärft: Rayonverbote, eine zentrale Datenbank, Polizeigewahrsam, Meldepflicht. «Viele der getroffenen Massnahmen haben sich als nicht zielführend erwiesen», sagt Meier. Häufig käme es lediglich zum Kräftemessen zwischen der Polizei und den Fans – wenn eine der beiden Seiten eine Massnahme ergreife, würde die andere entsprechend darauf reagieren. «Man dreht sich im Kreis.»

Trotzdem sagt Meier: «In den letzten zwei bis drei Jahren gab es weniger Vorfälle.» Das sei nicht zuletzt der Verdienst des Schweizerischen Fussballverbands, der die verschiedenen Parteien miteinbeziehe. Zudem sei vermehrt auf Prävention und Kommunikation gesetzt worden, was oft zielführender sei als Repression. Das Urteil geht nun wieder in Richtung Verschärfung. «Ich halte das Signal des Bundesstrafgerichts in diesem Umfeld für nicht zweckdienlich», sagt Meier. In seiner Konsequenz sei es hingegen logisch, werden konkrete Gefährdung und verbrecherische Absicht angenommen.

Schwierige Abgrenzung von Sprengstoffen

«Wichtiger wäre es, auf gesetzgeberischer Ebene aktiv zu werden.» Die Bundesanwaltschaft hat die Zuständigkeit auch mit der Art der Sprengmittel begründet. Unklar ist, was dieses Urteil nun für Pyrodelikte im Allgemeinen und auch im Umfeld von Fussballspielen bedeutet. Die Abgrenzung von Sprengstoffen sei zurzeit unklar. In welchen Fällen wird auch in Zukunft das Bundesstrafgericht aktiv werden? Einen ersten Hinweis liefert das Urteil: Für das Bundesstrafgericht sind zwar die Böller, nicht aber die Rauchtöpfe Sprengstoffe im Sinne des angewandten Artikels.

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