Das Vermächtnis des Menschenfreunds

Zwingli hat vorgelebt, was die Schweiz bis heute stark macht: Pragmatismus, Selbstvertrauen und Humanismus.

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An Weihnachten 1518 befand sich Ulrich Zwingli buchstäblich zwischen den Stühlen. In Einsiedeln, wo er bisher als Pfarrer tätig war, hatte er gepackt. Die Weihnachtspredigt hielt er vermutlich noch dort. Dann zog er nach Zürich, wo er ab dem 1. Januar 1519 am Grossmünster wirkte. 

500 Jahre später feiern wir das ­Zwingli-Jahr. Doch wessen gedenken wir eigentlich? Eines Quasi-Heiligen? Nein, Zwingli war kein Mister Perfect. Was er aber war und was ihn von Luther oder Calvin unterscheidet: Zwingli war der Menschenfreund unter den Reformatoren.

Auf direktem Weg in den Untergang?

Es gibt eine Schrift des italienischen Renaissance-Humanisten Pico della Mirandola mit dem schönen Titel «Über die Würde des Menschen». Sie war für den jungen Zwingli eine Erleuchtung. Sie ist ein Plädoyer für das Vertrauen in den Verstand. Fürs Selber-Denken statt fürs Andere-denken-Lassen. Gott habe dem Menschen den eigenen Willen gegeben, «damit du wie dein eigener, frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst». Eine Vorstellung, die in der Renaissance revolutionär war. Heute ist sie normal. Normal und doch brüchig, denn was heisst schon «frei»? Haben wir die Kraft und das Selbstvertrauen, frei, also eigenständig zu denken? Oder sind wir Gefangene von Denkmoden, von «Narrativen», wie es im akademischen ­Renommierduktus heisst?

Die Realität wird immer komplexer – und ihre Deutung immer anspruchsvoller. Umso grösser ist die Versuchung, uns an vorgefertigten «Erzählungen» zu orientieren, die behaupten, die Realität zu schildern. Und da zu unserer Mentalität die Lust am Schauderhaft-Apokalyptischen gehört, erfreuen sich besonders die Niedergangsnarrative einer grossen Anhängerschaft. Die nächste Finanzkrise? Steht unmittelbar bevor. Der Kollaps der EU? Wenn nicht heute, so bestimmt morgen. Trump? Führt uns in den Dritten Weltkrieg. In der Doctor-Doom-Optik befinden wir uns stets auf direktem Weg in den Untergang.

Natürlich ist vieles auf dieser Welt unvollkommen, ungerecht und unsympathisch. Natürlich stehen wir vor gewaltigen Herausforderungen – die grösste ist der Klimawandel. Doch sollen wir deswegen die technologischen, sozialen und intellektuellen Fortschritte übersehen? Sollen wir ignorieren, dass die Zahl der Hungerleidenden weltweit sinkt? Und was unser eigenes Umfeld betrifft: Ist es nicht bemerkenswert, dass in den Nachbarländern die Traditions­parteien implodieren, dass in Italien, Osteuropa oder den USA Männer regieren, die man lieber auf Distanz hält – derweil bei uns vergleichsweise stabile Verhältnisse herrschen?

Ein bisschen Demut hilft

«Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut», hat der Grieche Perikles gesagt. Freiheit braucht Mut. Aber welchen Mut? Den Heldenmut der Winkelriede, die sich pathetisch aufopfern? Oder eher den subtilen Mut von Reformator Zwingli? Er vereinte Eigenschaften, die ihn 500 Jahre nach seiner Ankunft an der Limmat zu einer Art Herold der Gegenwart machen: Zwingli war Pragmatiker. Aufgewachsen im Toggenburg, «in der Luft der Freiheit», wie er bekannte, besass er genug Selbstvertrauen, um sich vom Realitätssinn statt von Dogmen leiten zu lassen. Dazu gehörte, dass er – ausgehend vom Wissen um die eigene Unzulänglichkeit – Unvollkommenheit und Widersprüchlichkeit akzeptierte, Autoritäten mit Misstrauen begegnete und sich als Anwalt des Gemeinwohls verstand.

Unser politisches System ist so etwas wie der Verwalter von Zwinglis Erbe. Es zähmt, es zwingt zu vernünftigen Lösungen, und es gelingt ihm immer wieder mirakulös, widerstreitende Interessen auszugleichen, sodass am Ende gute Resultate entstehen. Gottgegeben sind diese Qualitäten freilich nicht. Wir müssen sie stets neu erstreiten: indem wir uns selbstbewusst das freie Denken zutrauen, aber bescheiden der eigenen Grenzen bewusst bleiben. Das macht uns skeptisch gegenüber intellektuellem Herdentrieb, aber respektvoll gegenüber Andersdenkenden. Und was – nicht nur, aber gerade auch an Weihnachten – zusätzlich hilft: ein bisschen Demut.

Erstellt: 24.12.2018, 18:03 Uhr

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