«Das wäre der Super-GAU»

Weibel Ivan Della Valentina sagt, wie das mit den Wahlzetteln bei der Bundesratskür funktioniert und was mit den Papieren am Ende geschieht.

«Am Schluss kommt es sowieso anders, als man denkt»: Weibel Ivan Della Valentina.

«Am Schluss kommt es sowieso anders, als man denkt»: Weibel Ivan Della Valentina. Bild: Valérie Chételat

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Um einen König zu küren, braucht es viele Dinge: Krone, Zepter, Reichsapfel, Hermelinmantel, Damastwams, Thron, Baldachin. Die Aufzählung ist unvollständig. Auch bei einer Bundesratswahl sind einige Gegenstände unverzichtbar, die Liste ist aber kurz.

Das Wahlprozedere ist demokratisch schlicht und bescheiden, auf Pomp und Firlefanz wird in der Confoederatio Helvetica weitgehend verzichtet. Am wichtigsten sind Wahlzettel im Format A6 (105 x 148mm) und Urnen. Dazu braucht es Personal: sechs Weibel und zehn Stimmenzähler, alle unbestechlich.

Einer der Weibel ist Ivan Della Valentina, seit sechs Jahren in diesem Amt. «Der Beginn einer neuen Legislatur ist fast wie der erste Schultag», sagt der 50-Jährige. Die Neulinge im Parlament müssen instruiert werden: Wo können sie die Post abgeben, wie funktioniert der Kopierer, wo ist das Apothekerzimmer?

Bei solchen Fragen wissen die Parlamentsweibel Bescheid. Während der Session gibt es oft lange Arbeitstage, von sechs Uhr morgens bis spät am Abend. Feierlichkeiten und Wahlen, wie sie zu Beginn einer neuen Legislatur gehäuft auftreten, bezeichnet Della Valentina als «Ehre und Highlight». Während der Wahlen im Parlamentsgebäude trägt er einen grünen Veston mit dicken Knöpfen und einer Metallplakette mit dem Schweizer Kreuz.

Laufwege sind festgelegt

Wahlzettel werden in rauen Mengen benötigt. «Für jeden Wahlgang wird eine andere Papierfarbe verwendet», sagt Katrin Marti von den Parlamentsdiensten. «Die Farben werden nach dem Zufallsprinzip bestimmt und haben keine spezielle Bedeutung.» Taubenblau, gimpelrosa, kanariengelb, zeisiggrün, vieles ist möglich. Die Farben müssen aber deutlich voneinander unterscheidbar sein. Um die Gefahr eines Wahlbetrugs auszuschliessen, dürfen die Zettel nicht im Bild gezeigt werden. Sie sind an einem sicheren Ort verwahrt.

Vor jedem Wahlgang teilen die Stimmenzähler die Zettel an die anwesenden Mitglieder der Bundesversammlung aus. «Nur wer am Platz sitzt, erhält einen Wahlzettel», sagt Roger Bolliger, Leiter des Ressorts Betrieb und Weibel. Er bestimmt auch die «Laufwege» der einzelnen Weibel und sorgt für eine klare Aufgabenteilung. «Damit wir nicht wie Hühner umherlaufen», lacht Della Valentina.

Die Wahlzettel werden mit dem Datum der Session, einem Titel und der Nummer des Wahlgangs bedruckt, der Rest bleibt leer: Jedes Mitglied der Bundesversammlung muss den Namen der Person, die es wählen will, handschriftlich eintragen. Vorbereitung ist alles: Für jeden Bundesratssitz werden mehrere Wahlgänge gedruckt, damit die Bundesversammlung ohne Unterbruch wählen kann, falls mehrere Wahlgänge nötig sind. Demnach müssen im Vorfeld mehrere Tausend Zettel gedruckt werden. Vorbereitung ist alles. Und wenn die Zettel ausgehen? «Das wäre der Super-GAU», sagt Bolliger.

Die ausgefüllten Zettel werden in dunkelgrünen altgedienten Urnen aus Metall eingesammelt und in ein separates Zimmer im Parlamentsgebäude zum Auszählen gebracht. Dieses heisst Bundesratszimmer, ist aber nicht zu verwechseln mit dem Bundesratszimmer im Bundeshaus West, in dem die Landesregierung ihre Sitzungen abhält.

Die Weibel von National- und Ständerat schütten die Zettel gleichzeitig vor den zehn Stimmenzählern – acht Nationalräte und zwei Ständeräte – auf den massiven Holztisch. Danach legen sie die Hand schützend über den Schlitz der Urne und gehen in den Nationalratssaal zurück.

«Der oder die amtsälteste Stimmenzähler oder Stimmenzählerin des Nationalrats fungiert als Chef», erklärt Katrin Marti weiter. Dies ist keine offizielle, im Gesetz oder Reglement verankerte Funktion, aber eine langjährige Praxis der Bundesversammlung. Das Amt wird bei der Wahl von übermorgen Mittwoch durch die Thurgauerin Edith Graf Litscher (SP) ausgeübt.

Für gutes Licht im Auszählzimmer sorgt ein mächtiger Kronleuchter. Wem die Stunde schlägt, zeigt eine Standuhr aus Porzellan an, die Kaiser Wilhelm II. bei seinem Besuch 1912 dem Schweizer Volk verehrte.

Alle Stimmenzähler mit Ausnahme der Chefin oder des Chefs nehmen einen Teilhaufen des Haufens und zählen die Stimmen aus. Nach Adam Riese muss also jeder Stimmenzähler – bei der Annahme, dass die Räte vollzählig sind – 246:9 oder 27 ? Stimmen zählen. «Am Schluss werden die einzelnen Resultate pro Stimmenzähler verkündet und vom ‹Chef-Stimmenzähler› zusammengezählt», so Marti.

Bei knappen Resultaten wird nachgezählt, vorgängig tauschen in einem solchen Fall die Stimmenzähler die Zettel untereinander aus. Edith Graf-Litscher notiert sich das Ergebnis des jeweiligen Wahlgangs handschriftlich auf einem Zettel und überbringt diesen der amtierenden Nationalratspräsidentin Christa Markwalder (FDP). Nach der Bekanntgabe des Wahlresultats besteht keine Rekursmöglichkeit.

Was passiert mit den Zetteln?

Bei einer Papstwahl lösen sich die Wahlzettel in Rauch auf, der durch den Kamin in den Himmel über der Sixtinischen Kapelle in Rom steigt. Weiss kräuselt sich der Rauch, wenn die Wahl zustande kam, schwarz, wenn noch kein Entscheid fiel. So theatralisch ist die Sache im Bundeshaus nicht.

Die Wahlzettel bleiben bis zum Abschluss der Sitzung der Vereinigten Bundesversammlung vom 9. Dezember im «Bundesratszimmer», das während der ganzen Wahl bewacht wird. Auch in Bern werden nach der Wahl die Zettel vernichtet, allerdings nicht durch das Feuer, sondern durch den Schredder. Wo genau der Reisswolf steht, wird wegen des Wahlgeheimnisses nicht verraten.

Waadtländer Chasselas, Tessiner Merlot, Zuger Kirsch oder am Ende gar Bündner Herrschäftler? Man kann die Vorlieben und Abneigungen der Parlamentarier nicht im Nachhinein untersuchen. Und Vorhersagen sind immer schwierig. Das weiss auch Weibel Ivan Della Valentina: «Am Schluss kommt es sowieso anders, als man denkt.»

Eines ist jedoch sicher: Della Valentina wird im Nationalratssaal in der ersten Reihe dabei sein: «Bei der Vereidigung stehe ich Schulter an Schulter neben den Bundesräten.» Dann wird er nicht mehr den grünen Veston, sondern den rotweissen Talar und den schwarzen Zweispitz tragen – um die Würde des Moments zu betonen.

Erstellt: 07.12.2015, 09:39 Uhr

Blog

Kommentare

Paid Post

Wie zahlen sich Investitionen in Analytics und KI aus?

Analytics und künstliche Intelligenz (KI) stehen bei vielen Unternehmen oben auf der Agenda. Das bedeutet aber nicht, dass die Investitionen auch zu einem geschäftlichen Mehrwert führen.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...