Das Frauen-Argument

Warum FDP-Staatsrätin Jacqueline de Quattro die Geschlechterfrage im Bundesratswahlkampf zum Thema machen muss.

Weil sämtliche FDP-Kandidatinnen in den letzten Jahren scheiterten, muss die 57-jährige Waadtländer Staatsrätin Jacqueline de Quattro (im Bild neben Pierre Imhof) viel Druck aufbauen. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Weil sämtliche FDP-Kandidatinnen in den letzten Jahren scheiterten, muss die 57-jährige Waadtländer Staatsrätin Jacqueline de Quattro (im Bild neben Pierre Imhof) viel Druck aufbauen. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

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FDP-Politikerinnen verbinden mit Bundesratswahlen traumatische Erinnerungen. Mal für Mal haben Kandidatinnen in den letzten Jahren versucht, in die Landesregierung zu kommen, Mal für Mal scheiterten sie: Christiane Langenberger gegen Pascal Couchepin (1998); Christine Beerli gegen Hans-Rudolf Merz (2003); Martine Brunschwig Graf gegen Christian Lüscher bereits in der Vorwahl fürs Fraktionsticket (2009) und Karin Keller-Sutter gegen Johann Schneider-Ammann (2010).

Bei den FDP-Frauen haben die dauernden Niederlagen Spuren hinterlassen. «In der FDP lobt man Frauen, die Aufgaben in der Parteileitung übernehmen oder die Fraktion führen: Bei Bundesratswahlen werden sie dann aber von der eigenen Partei übergangen», kritisiert eine ehemalige Nationalrätin. Bundesratskandidaturen von FDP-Politikerinnen seien nur mehr «verbale Spielereien, was den Frauen schadet».

Die Waadtländer FDP-Regierungsrätin Jacqueline de Quattro weiss also, auf welches Abenteuer sie sich als Bundesratskandidatin einlässt. Weil sämtliche FDP-Kandidatinnen in den letzten Jahren scheiterten, muss die 57-Jährige ihre Kandidatur umso mehr mit der Geschlechterfrage verknüpfen und Druck aufbauen. Das Argument, in der Landesregierung seien Frauen untervertreten, ist mindestens so wichtig wie ihre Regierungserfahrung und Mehrsprachigkeit.

«Eine Frauenkandidatur braucht es auch bei der nächsten Wahl.»Maya Graf, Alliance F

In der Waadt hat de Quattro gelernt, wie man ein Frauennetzwerk knüpft, Allianzen schmiedet und sich so partei­intern gegen die Männerdominanz behauptet. Bei den Staatsratswahlen 2007 setzte sie sich parteiintern gegen zwei Konkurrenten durch. Ihr Argument, man müsse die abtretende FDP-Staatsrätin Jacqueline Maurer durch eine Frau ersetzen, verfing. Bei den Bundesratswahlen am 20. September würde ihre Aufgabe schwieriger – vorausgesetzt, die FDP-Fraktion setzt sie auf ihr Ticket.

Für Maya Graf, Nationalrätin der Grünen und Co-Präsidentin des Bunds Schweizerischer Frauenorganisationen Alliance F, ist die FDP zu einer Frauenkandidatur verpflichtet. Die Hälfte der Bevölkerung sei weiblich, die Zusammensetzung des Bundesrats entspreche nicht der gesellschaftlichen Realität. Die Grüne ortet bei SVP und FDP eine erhebliche Rückständigkeit. «Eine Frauenkandidatur braucht es nicht nur bei der anstehenden, sondern auch bei der nächsten Wahl», stellt Graf klar.

Das Kalkül der Linken

Einige Stimmen von gleichstellungsaffinen Bundespolitikern sind de Quattro also gewiss. Indem sie die Frauenfrage in den Vordergrund stellt, kann sie aber auch jenseits dieses Lagers punkten. Verschiedene Kreise in der Bundesversammlung haben ein grosses Interesse, schon jetzt eine freisinnige Frau in den Bundesrat zu wählen. Namentlich jene männlichen FDPler aus der Deutschschweiz, welche dereinst Schneider-Ammann beerben möchten. Etwa die Ständeräte Andrea Caroni, Ruedi Noser und Martin Schmid, aber auch Nationalrat Beat Walti. «Sie alle wissen ganz genau, dass es für sie schwierig wird, wenn am 20. September schon wieder ein FDP-Mann gewählt wird», sagt ein Freisin­niger mit guten Kontakten in die Bundeshausfraktion.

Auch für die Linken gibt es starke Argumente, die sich abzeichnende FDP-Bundesratsnachfolge – Ignazio Cassis jetzt, eine Deutschschweizer Frau später – noch aus der Spur zu bringen. Der Grund: Derzeit erfüllt nur Ständerätin Karin Keller-Sutter das Anforderungsprofil für die Ersatzwahl von Schneider-Ammann. Seit ihrer Zeit in der St. Galler Regierung ist sie eine Reizfigur für die Linke (die Keller-Sutter bei ihrem ersten Anlauf übrigens nicht unterstützte, Frauenfrage hin oder her). Würde am 20. September aber eine Freisinnige aus der lateinischen Schweiz gewählt, etwa Jacqueline de Quattro oder Isabelle Moret, so wäre eine Bundesratskandidatur von Keller-Sutter wohl für immer vom Tisch. «Es wäre ungeschickt, die Ersatzwahl Burkhalter zu planen, ohne die Ersatzwahl Schneider-Ammann zu bedenken», sagt ein hochrangiges SP-Mitglied.

Die Frauen und das Tessin

Alt-Bundesrat Pascal Couchepin (FDP) beobachtet den Politbetrieb in Bern noch immer mit Interesse. Zu den Chancen einer Frauenkandidatur und zur Person Jacqueline de Quattro möchte er sich nicht äussern. Der Wal­liser prophezeit aber: «Das Parlament wird mit der kulturellen Frage, also dem Anliegen des Tessins, in der Landesregierung vertreten zu sein, sensibler umgehen als mit der Geschlechterfrage.» Es sei immer schwierig, beides gleich zu gewichten, so Couchepin. Martine Brunschwig Graf wünscht sich vor allem eines nicht: eine Debatte über Frauen zum einen und das Tessin zum anderen. «Eine solche Debatte brächte weder den Frauen noch dem Tessin etwas», so die ehemalige FDP-Nationalrätin.

Erstellt: 25.07.2017, 22:12 Uhr

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