Das Wort ist frei

Die Landsgemeinde macht es vor: Eine neue Untersuchung zeigt, wie elementar eine Debatte für die Meinungsbildung sein kann.

Stimmrechtsausweise an der Glarner Landsgemeinde 2004. Foto: Waltier Bieri (Keystone)

Stimmrechtsausweise an der Glarner Landsgemeinde 2004. Foto: Waltier Bieri (Keystone)

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Wenn Glarner in der übrigen Schweiz ihre Landsgemeinde rühmen, die immer am ersten Sonntag im Mai unter freiem Himmel stattfindet, dann nennen sie diese beiden Beispiele: Im Jahr 2006 befürworteten die Glarnerinnen und Glarner eine radikale Reform, welche die 25 bestehenden Gemeinden zu drei neuen fusionierte. Das umstrittene Resultat bestätigte eine Mehrheit an einer ausserordentlichen Landsgemeinde im Herbst 2007. Im gleichen Jahr stimmten die Glarner einem Antrag der Juso zu, das Stimmrechtsalter 16 einzuführen – der Kanton Glarus ist bislang der einzige, der das Stimm- und Wahlrecht ab 16 Jahren kennt.

An der Landsgemeinde ist etwas möglich, sollen die Beispiele zeigen. An der Lands­gemeinde bewegt sich etwas, weil man debattiert. Das Wort ist frei: Jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer kann ans Rednerpult treten und sagen, was er von einer Vorlage hält, und einen Antrag einbringen, wenn er eine Änderung wünscht.

Lob der Sachlichkeit

Die Landsgemeinde, für die meisten anderen Schweizer lediglich ein archaisch-urchiges Volksfest, wo Menschen einen farbigen Stimmzettel in die Höhe halten, ist für die stolze Glarner Bevölkerung der Ort, wo sie direkt mitentscheiden kann. Innerhalb des Kantons gilt sie als dynamisch und progressiv.

Auf den ersten Blick scheint das eine etwas blinde Liebe zwischen den Glarnern und ihrer Landsgemeinde zu sein, einer 600-jährigen Tradition geschuldet, die man niemals aufgeben würde. Tatsächlich zeigt die Volksversammlung aber etwas Wichtiges auf: Für die Meinungs­bildung ist die direkte Auseinandersetzung vor Ort zentral. Das merkt man auf dem Lands­gemeindering, wo man das Nicken des Nachbarn mitbekommt, wenn ein Redner ein noch nie gehörtes Argument anführt. Das merkt man, wenn Anwesende plötzlich ein Geschäft verstehen und nachvollziehen können, was die möglichen Konsequenzen sind.

Wenn man sich einbringen kann, fühlt man sich verstanden und ist bereit zu vertrauen.

Nun ist die Bedeutung der Debatte auf dem Ring erstmals auch wissenschaftlich belegt: Eine Gruppe von Politologen der Universität Bern hat kürzlich eine Umfrage zur Glarner Lands­gemeinde ausgewertet. Rund 1000 Landsgemeindeteilnehmer wurden befragt, wie sie zu ihrer Meinung finden. Nebst dem persönlichen Gespräch mit Bekannten und der Lektüre des Memorials sagten 59 Prozent, die Reden auf dem Ring seien für sie eine wichtige Informationsquelle. Bei zwei genauer untersuchten Traktanden – einem komplexen IT-Gesetz und dem lebensnäheren Thema Vaterschaftsurlaub – gaben zudem knapp zwei Drittel der Befragten an, während der Debatte an der Landsgemeinde neue Argumente gehört zu haben: sowohl von der eigenen wie auch von der Gegenseite. Es waren Argumente, die ihr Stimmverhalten beeinflussten: Rund 30 Prozent änderten während der Landsgemeinde noch ihre Meinung, und zwar bei beiden Geschäften. Entsprechend bewerteten die Befragten jene Redner als am erfolgreichsten, die sachlich und überraschend argumentierten.

Entschleunigt, unaufgeregt

Das sind gute Nachrichten in einer nervenaufreibenden Zeit – auch wenn die Resultate wegen der kleinen Stichprobe nicht eins zu eins auf die gesamte Glarner Stimmbevölkerung übertragen werden können, geschweige denn auf die gesamte Schweiz. Aber gerade jetzt, da in der digitalen Welt pausenlos Informationen weitergereicht werden, jeder zu allem etwas zu sagen hat und dies oft emotional, impulsiv und für Gegen­argumente unempfänglich tut, sehnt man sich nach der unaufgeregten, entschleunigten Debattenkultur einer Landsgemeinde. Sie ist das Konträrprogramm zu den sozialen Medien: eine Plattform, gebunden an eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort, wo sich niemand hinter einem Pseudonym verstecken kann.

Und zudem ein Ort mit grosser Glaubwürdigkeit: Weil jeder anwesende Bürger mitverfolgen könne, wie ein Entscheid gefällt werde, erhöhe dies auch dessen Glaubwürdigkeit, sagte die Politologin Marlène Gerber in der «Südostschweiz». Es ist ganz einfach: Wenn man sich einbringen kann, fühlt man sich verstanden und ist bereit zu vertrauen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2017, 20:40 Uhr

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