«Davon profitieren die schlimmsten Gauner»

Der Bundesrat schont Steuerhinterzieher. Motiviert das die Bürger zur Unehrlichkeit? «Im Gegenteil», sagt der Ökonom Bruno S. Frey.

Gibt man hier alles an oder bleibt etwas Raum zum Schummeln? Ausfüllen der Steuererklärung.

Gibt man hier alles an oder bleibt etwas Raum zum Schummeln? Ausfüllen der Steuererklärung. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Bundesrat hat am Mittwoch entschieden, das Bankgeheimnis mindestens vorerst nicht zu lockern. Das heisst, die Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung bleibt erhalten. Wer Dokumente fälscht, um Steuern zu sparen, wird mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft, wer dagegen Geld am Fiskus vorbeischleust, kommt mit einer Busse weg, die sich nach dem hinterzogenen Betrag richtet.

Man könnte also sagen: Steuern hinterziehen ist nicht so schlimm. Und die Wahrscheinlichkeit, dass man erwischt wird, ist relativ klein. Bisher war die Abgrenzung zum Betrug einfach da, jetzt hat sie den Segen des Bundesrats. Und die grösste politische Macht in der Schweiz will die Steuerhinterziehung mit einer Initiative besser schützen. Also los! Lasst uns an die Grenzen gehen!

Hat der Bundesrat die Steuermoral der Bürger geschädigt?
Im Gegenteil. Die Steuermoral leidet, je mehr der Staat kontrolliert und kriminalisiert. Von einem harten Vorgehen der Behörden profitieren vor allem die schlimmsten Gauner, denn sie haben das Wissen und die kriminelle Energie, die Kontrollen zu umgehen. Vielleicht auch die Reichen, deren Steuerberater alle Tricks und Kniffe kennen. Für alle anderen hat das zum Teil gravierende Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte zur Folge.

Sie selbst haben ermittelt, dass in den 90er-Jahren rund ein Viertel der Einkommen nicht versteuert wurden. Die Unehrlichen sparen Milliarden, die Ehrlichen haben das Nachsehen. Das kann ein Staat doch nicht dulden.
In der Schweiz ist die Steuermoral deutlich besser als etwa in Deutschland oder Italien. Dort prahlen die Leute damit, um wie viel Geld sie den Staat betrogen haben. Und mal ehrlich: Würden Sie dem italienischen Staat ihr Geld geben wollen? In der Schweiz versteht der Bürger das Land als «seinen Staat», er entscheidet an der Gemeindeversammlung mit, wie viel Geld man für das Schwimmbad ausgeben darf. Die meisten Bürger ziehen deshalb längst nicht alles ab, was sie könnten. Wenn die Steuerbehörden nun kämen und sagen würden: «Hier haben Sie gratis ein Essen bekommen, da haben Sie zu viel abgezogen», dann geht jeder Bürger automatisch an die Grenzen. Wenn ein Staat die Steuermoral heben will, dann soll er für ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zum Bürger sorgen.

Wo verläuft Ihrer Meinung nach die Grenze zwischen einem Kavaliersdelikt und unmoralischer Habgier?
Es kommt auf die Höhe der Beträge an. Wenn ein einfacher Arbeiter ein paar Stunden schwarz arbeitet, ist das wirklich nicht schlimm. Er versucht, mit Arbeit sein Einkommen zu verbessern. Anders liegen die Dinge, wenn jemand aktiv gegen den Staat arbeitet. Wenn der Staat hier zu enge Grenzen setzt, dann trifft das die einfachen Bürger, nicht die reichen und skrupellosen Steuerhinterzieher.

Ein paar konkrete Beispiele: Jeder kann sein Velo bei den Arbeitskosten von den Steuern abziehen. Ist ein Abzug verwerflich, wenn das Velo mit platten Reifen im Keller steht?
Für mich stellt sich die Frage, ob man so etwas kontrollieren kann. Wenn man es nicht kann, soll man es lassen und grosszügig sein. Es ist wichtiger, dass der Staat dem Bürger Vertrauen entgegenbringt. Stellen Sie sich vor, wenn ein Detektiv vom Steueramt bei Ihnen klingeln würde und Ihr Fahrrad inspizieren wollte. Das wäre eine Katastrophe.

Was ist mit dem Selbstständigerwerbenden, der mit Freunden in ein Nobelrestaurant essen geht und die Rechnung unter geschäftlichen Auslagen abzieht? Er lügt das Steueramt mutwillig an.
Auch hier stellt sich die Frage nach der Kontrolle. Wie will das Steueramt beweisen, dass dieses Essen wirklich privat war? Man müsste das Gespräch abhören. In Deutschland müssen die Steuerzahler Berichte darüber verfassen, was bei einem solchen Essen besprochen werden kann. So motiviert man die Bürger dazu, den Staat zu belügen.

Was, wenn ein Maler ein Haus streicht, für drei Fassaden eine Rechnung stellt und die vierte in bar kassiert?
Das geht zu weit. Ich bin nicht für Steuerbetrug, sondern dagegen, dass der Staat die Bürgerinnen und Bürger auch bei Tätigkeiten überwacht, bei denen die steuerlichen Ausfälle gering sind. Es sollte nicht vergessen werden, dass der Maler zwar wegen des Steuerbetrugs ein höheres Nettoeinkommen hat, wenn er jedoch das Geld wieder ausgibt, fallen auch höhere Mehrwertsteuern an. Der Verlust für den Staat ist weniger gross, als er im ersten Moment aussieht.

Wer gut verdient, würde sehr viel Geld sparen, wenn er in Wollerau statt in Zürich Steuern zahlen müsste. Dort ein Zimmer zu mieten und dieses als Lebensmittelpunkt zu deklarieren, würde sich für viele lohnen.
Das sehe ich als aktiven Betrug an. Wer das tut, nimmt Kosten und Aufwand auf sich, um gegen den Staat zu arbeiten. Das ist klar eine andere Dimension, die man keinesfalls billigen darf. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.11.2015, 17:42 Uhr

Bruno S. Frey ist emeritierter Professor der Universitäten Zürich und Basel und Forschungsdirektor von Crema – Center for Research in Economics, Management and the Arts. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

St. Galler Autopendler machen hohe Steuerabzüge geltend

Wer mit dem Auto zur Arbeit fährt, braucht oft sehr viel Geduld. Autolenker aus St. Gallen lassen sich diese tägliche Autofahrt grosszügig rückvergüten. Mehr...

«Die Strafe liegt am unteren Limit»

Interview Das Urteil im Fall Hoeness ist erst der Anfang: Bei der deutschen Steuermoral liegt noch vieles im Argen, sagt der Wirtschaftprofessor Friedrich Schneider zum Fall des prominenten Hinterziehers. Mehr...

Schweizer haben genug von Steuertricks

Die bisher umfassendste Befragung zur Steuermoral zeigt: Steuerhinterziehung gilt in der Schweiz nicht länger als Kavaliersdelikt. Allerdings fällt die Ablehnung nicht in allen Regionen gleich hoch aus. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Sonnenbaden mit gummigem Halsband: Dieses Krokodil trägt schon seit zwei Jahren einen Pneu um den Hals.
(Bild: Antara Foto/Mohamad Hamzah/ via REUTERS) Mehr...