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Dem Frieden zuliebe abschiessen

Geschützte Tiere sollen in der Schweiz gejagt werden dürfen, bevor sie Schaden anrichten. Das verschärfte Jagdgesetz wird wegen des Wolfes salonfähig.

Ein Wolf spaziert mitten durch das Oberwalliser Dorf Ulrichen. Die Meldung von diesem Winter ist nicht die erste solche Nachricht. In den vergangenen Monaten und Jahren kam es immer wieder zu ähnlichen Vorfällen. Passiert ist bisher nie mehr. Dennoch beunruhigten derartige Sichtungen, schreibt der Bundesrat in seiner Botschaft zum revidierten Jagdgesetz. Er hat darin Forderungen übernommen, die das Bundesparlament überwiesen hat. Den radikalsten aus dem Wallis widerstand es bisher. Dennoch sollen Wölfe künftig geschossen werden dürfen, bevor sie konkreten Schaden angerichtet haben.

Analog zum Steinbock soll der Wolf zwar ein geschütztes Tier bleiben, es darf aber «reguliert» werden. Für den WWF sind das «Abschüsse auf Vorrat». Dagegen wehrt sich der Umweltverband. Es ist nicht die einzige Neuerung, die ihm zu weit geht. Auch die Liste, die der Bundesrat künftig führen möchte, mit weiteren geschützten Arten, die bejagt werden dürfen, bekämpft er zusammen mit Birdlife und Pro Natura. Dass künftig der Bund den letzten Entscheid über eine Abschussgenehmigung gar den Kantonen überlassen will, geht den Umweltverbänden definitiv zu weit. Wird dieses Gesetz so beschlossen, wollen sie darum das Referendum «ernsthaft prüfen».

Alternative zur Ausrottung

Aktuell berät die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Ständerats das überarbeitete Jagdgesetz. Der Solothurner Ständerat Roberto Zanetti (SP) will tun, was er kann, um die strittigen Punkte zu entschärfen. Doch er ist nicht zuversichtlich. Auch der Berner BDP-Ständerat Werner Luginbühl spürt einen wachsenden Druck auf eine Lockerung insbesondere des Wolfsschutzes. Letztlich sei der vorgeschlagene Weg aber eine Alternative zur «Ausrottungsstrategie», die andere, bisher chancenlose Vorstösse verfolgten. Zurück geht der Kompromiss auf eine überwiesene Motion des Bündner CVP-Ständerats Stefan Engler. Er argumentierte dort, es sei besser, frühzeitig zu handeln, als Konflikte eskalieren zu lassen. Langfristig stärke dies die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Diese Sichtweise teilt nun auch der Bundesrat: «Die wachsenden Bestände von Arten wie Wolf, Luchs, Biber oder Kormoranen führen zu emotionalen Diskussionen über Schäden.» In vielen Fällen werden diese zwar entschädigt. Doch der Bundesrat möchte zusätzlich via Regulierung der Population solche Konflikte entschärfen. Das sei kein Freipass zum Abschuss, betont Werner Luginbühl. Tatsächlich sieht der Gesetzesentwurf zumindest die Pflicht vor, dass Kantone den Bund anhören müssen, bevor sie eine Abschusserlaubnis erteilen. Ein konkretes Schadenslimit wie heute etwa beim Wolf – beispielsweise 25 erlegte Nutztiere innert 30 Tagen, oder fehlende Scheu vor Menschen – würde dann entfallen.

Heute leben in der Schweiz zwischen 40 und 50 Wölfe, einige davon in Rudeln. Sie sind durch die «Berner Konvention», welche die Schweiz 1982 unterzeichnete geschützt. Die neue Regelung soll gemäss Bundesrat dennoch keine Verletzung dieses von 46 europäischen und 4 afrikanischen Staaten unterzeichneten Übereinkommens zur Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume darstellen.

Dammbruch im Artenschutz

Umweltverbände befürchten dennoch einen Dammbruch im Artenschutz. «Was wir heute in diesem Gesetz festschreiben, wird für die nächsten Jahrzehnte weitreichende Folgen haben, wie wir mit geschützten Tieren umgehen», sagt WWF-Experte Gabor von Bethlenfalvy. Nebst dem Steinbock und dem Wolf erwägt der Bundesrat, auch den Höckerschwan in die geplante Liste aufzunehmen, vorläufig aber nicht Luchs und Biber. Beim Schwan zeigt sich, was die Akzeptanz in der Bevölkerung für Auswirkungen auf die Politik haben kann. Weil dieser majestätische Schwimmvogel positive Gefühle auslöst bei den Menschen, wollen sie milder vorgehen als beim Wolf.

Für Werner Luginbühl ist jedenfalls klar, dass Bilder blutiger Schwäne sehr schlecht ankämen. Er will sich dort dafür einsetzen, dass nicht wie beim Wolf zur Flinte gegriffen, sondern, wie am Thunersee bereits erfolgreich praktiziert, mit dem Anstechen von Eiern der Bestand reguliert würde. Die Schwäne brüten dann zwar weiter, erhalten aber keine Jungen. Der Ständerat wird sich voraussichtlich in der Sommersession mit dem Gesetz befassen.

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