Den Erfolg nicht gefährden

Mittelschulen konkurrenzieren die Berufslehre. Gegen diesen Wettbewerb ist nichts einzuwenden, aber er darf das duale Bildungssystem nicht zerstören.

Bei Schweizer Jugendlichen hat die Berufslehre an Ansehen eingebüsst. Foto: TA-Archiv

Bei Schweizer Jugendlichen hat die Berufslehre an Ansehen eingebüsst. Foto: TA-Archiv

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Es hat sich herumgesprochen: Die Schweiz hat ein effizientes Berufsbildungssystem. An der letzten Berufs-WM holten Schweizer Lehrlinge 20 Medaillen. Erfolgreicher waren einzig die Chinesen. Sämtliche europäischen Länder hat die Schweiz weit hinter sich gelassen. In diesem Erfolg sonnt sich auch Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Vor gut einem Jahr hat er eine Berufsbildungsallianz mit Mexiko unterschrieben, im Sommer 2017 führte er den belgischen König durch Schweizer Lehrbetriebe, und dann sprach er mit der US-Präsidententochter Ivanka Trump über den Erfolg der Schweizer Berufsbildung.

Doch bei den Schweizer Jugendlichen hat die Berufslehre an Ansehen eingebüsst. Wie die Zahlen aus Zürich zeigen, bleiben jeden Sommer mehr Lehrstellen offen. Besonders Handwerksbetriebe finden kaum mehr geeigneten Nachwuchs. Und selbst bei attraktivsten Arbeitgebern, wie Banken und Versicherungen, bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt.Hauptverantwortlich für den Imageverlust ist der gesellschaftliche Wandel. Allgemeinwissen und vernetztes Denken werden in der digitalen Welt immer wichtiger. Ein Hochschulabschluss ist in der kompetitiven Gesellschaft schon beinahe zur Pflicht geworden. Man sehe sich nur um in heutigen Stelleninseraten. Wer vorwärtskommen will, braucht heute Diplom, Bachelor oder Master, und damit beginnt man am besten in einem Gymi.

Obwohl das längst nicht mehr stimmt, ist das die weitverbreitete Meinung, vor allem unter den zahlreichen gut qualifizierten Zuwanderern. Sie kennen das duale Bildungssystem mit seinen vielen offenen Wegen, die bis an die ETH führen können, schlecht. Und wenn sie es kennen, dann trauen sie ihm nicht.

Geschickte Hände reichen nicht mehr

Darum hat sich die Ausgangslage für die Lehrbetriebe grundlegend geändert. Noch vor wenigen Jahren erhielten sie ihre Lehrlinge auf dem Tablett serviert. Heute müssen sie sich um ihren Nachwuchs bemühen. Erschwert wird die Lage der Lehrfirmen auch, weil sie selber höhere Anforderungen an die Lernenden stellen müssen. Selbst in einst einfachen handwerklichen Berufen reichen geschickte Hände nicht mehr, gefragt ist fast überall abstraktes Denken. Das ist vielleicht die grösste Herausforderung für die Lehrmeister. Wie sollen sie gute Schüler für sich gewinnen, wenn schon die durchschnittlichen an die Mittelschule wollen?

Fast überall ist abstraktes Denken gefragt.

Die fortschreitende Akademisierung setzt dem bewährten Schweizer Berufsbildungssystem also zu. Die starke Konkurrenz des gymnasialen Ausbildungswegs muss nicht nur schlecht sein. Konkurrenz belebt das Geschäft. Berufsschulen und Lehrbetriebe sind auch daran, ihre Ausbildungswege aufzuwerten und zu reformieren. Es wird über Blockunterricht und mehr Allgemeinbildung diskutiert. An der Grundidee der dualen Berufsbildung, nach der Betriebe und Staat die Verantwortung teilen, sollte aber nicht gerüttelt werden. Denn keinem anderen Ausbildungssystem gelingt es besser, Schulabgängerinnen und -abgängern den Weg in die Berufswelt zu ebnen.

Was tut der Staat?

Die Hauptfrage lautet derzeit: Was tut der Staat, um das duale Berufsbildungssystem zu schützen und das Image der Lehre zu stärken? Die Signale in Zürich sind diffus. Einerseits beteuert Bildungsdirektorin Silvia Steiner, wie wichtig ihr die Berufsbildung sei. Andererseits lässt sie am Zürichsee zwei grosse neue Gymnasien bauen und begründet dies mit der starken Nachfrage nach Mittelschulen. Doch die Nachfrage ist auch in den Lehrbetrieben gross – nach guten Lehrlingen und Lehrtöchtern. Mit den neuen Mittelschulen werden ihnen nun 2000 weitere potenzielle Lernende entzogen. Auf nächsten Dienstag hat Silvia Steiner einen neuen Massnahmeplan zur Stärkung der dualen Berufsbildung angekündigt. Man darf gespannt sein.

Erstellt: 22.02.2018, 18:38 Uhr

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