Den Röstigraben überwinden – Biel macht es vor

In Freiburg fühlen sich manche Welsche und Deutschschweizer von den jeweils anderen bedroht. Wie es besser geht, zeigt die Stadt Biel.

Mindestens beim gemeinsamen Fondue reichen die Gabeln über den Graben zwischen Deutschschweizern und Romands: Der Fribourger Gastroverband feierte sein 125-jähriges Bestehen. Foto: Keystone

Mindestens beim gemeinsamen Fondue reichen die Gabeln über den Graben zwischen Deutschschweizern und Romands: Der Fribourger Gastroverband feierte sein 125-jähriges Bestehen. Foto: Keystone

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Am 1. August wurde sie wieder beschworen, die vielfältig harmonische Schweiz. Dabei wissen alle, dass wir einander zwar respektieren, aber ignorieren. Es gibt viele Welsche, die noch nie in St. Gallen waren, und noch mehr Deutschschweizer, die von Genf nur den Automobil-Salon kennen. Was es heisst, zweisprachig zusammen zu leben, lässt sich an erstaunlich wenigen Orten in der Schweiz studieren. Am besten in Freiburg und in Biel. Die Unterschiede sind frappant.

In einem Bieler Restaurant oder in einem Laden macht ein Welscher die Erfahrung, dass die Verkäuferin oder der garçon ihm auf Französisch antwortet. Dem nächsten Kunden, der Deutsch redet, wird dann auf Hochdeutsch oder sogar auf Dialekt entgegnet. In der Erstsprache wird weitergeredet. Man spricht vom Bieler Modell. Aber es ist kein Modell; es ist eine Haltung.

In Freiburg, 40 Kilometer Luftlinie südlich, kommt das entschieden seltener vor. Dort erwartet die welsche Mehrheit von den Deutschfreiburgern im Kanton, dass sie Französisch spricht – in den Läden und auf der Strasse, oft aber auch in der Verwaltung. Würde der – perfekt zweisprachige – Stadtpräsident Thierry Steiert in einer offiziellen Ansprache in den Dialekt verfallen, käme das extrem schlecht an. Von den über 350 Strassen der Stadt sind bloss 22 auch auf Deutsch angeschrieben, alle in der Innenstadt. An der Universität wird fast jedes Fach in beiden Sprachen gelehrt. Parallele Studien, parallele Leben.

Angst vor den anderen

Im besten Fall funktioniert in Freiburg das Schweizer Modell, wo jeder und jede in ihrer Sprache reden. Dennoch hat die Stadt ihre Zweisprachigkeit bis heute nicht offiziell anerkannt. «Beide Seiten fühlen sich von der jeweils anderen bedroht», sagt der Journalist Rainer Schneuwly, der gerade ein Buch über diesen Unterschied zwischen Biel und Freiburg herausgebracht hat – «die einen reden von der Germanisierung, die anderen von der Diskriminierung». Schneuwly stammt aus der Freiburger Minderheit und ist Partei; dafür weiss er, wovon er redet. In Biel fand er andere Verhältnisse vor. Schneuwly nennt den Umgang der Berner Stadt mit der welschen Minderheit nahezu vorbildlich – trotz einigen Restkonflikten.

In Biel reden zwei Fünftel Französisch: Blick in die Stadt an einem Sonntagnachmittag. Foto: Keystone

Dazu gehört die Klage der französischsprachigen Bieler über mangelnde welsche Werbung und Beschriftungen im öffentlichen Raum. Man liest das in seinem Buch und fragt ihn: Sind das nicht Luxusprobleme im Vergleich zu dem, was sprachliche Minderheiten anderswo durchmachen? Schneuwly findet das nicht und verweist auf den bitteren Streit in Freiburg um den Bahnhofsnamen. Erst seit 2012 steht dieser zweisprachig auf den Perrons: Fribourg/Freiburg. Schneuwly: «Sprache drückt Identität aus. Fehlt der deutsche Ortsname, fühlt sich die Minderheit nicht ernst genommen.»

«Die welsche Mehrheit hat Mühe, ihre Minderheiten zu respektieren.»Thierry Steiert,
Stadtpräsident von Freiburg

Warum geht Biel so viel offener mit den Welschen um als Freiburg mit den Deutschschweizern? Die einfachste Antwort, könnte man meinen, hängt mit der Arithmetik zusammen. In Freiburg spricht nur noch ein Fünftel der Bevölkerung Deutsch, in Biel reden zwei Fünftel Französisch. Dennoch glauben Schneuwly und andere nicht, dass die Ungleichbehandlung an der Grösse der Minderheit liegt. Entscheidend ist für sie eine sich verstärkende Kombination aus Geschichte, Klasse und Identität.

Dabei meinte es die Geschichte gut mit der Minderheit. Freiburg ist seit der Stadtgründung im 12. Jahrhundert zweisprachig. Mit wechselnden Mehrheiten. Mal war Freiburg deutsch dominiert, dann wieder französisch. Nach der liberalen Revolution von 1848 beschloss die welsche Mehrheit, das Französische zur wichtigsten Sprache zu erklären, und das ist sie bis heute geblieben. «Zwar haben sich die Beziehungen verbessert», sagt Thierry Steiert, der Stadtpräsident. «Dennoch hat die welsche Mehrheit Mühe, ihre Minderheit zu respektieren.»

Die selbstbewussten Uhrmacher

In Biel ist das anders. Dass dort so viele Romands leben, ergab sich aus den Bedürfnissen der Industrie. Die Stadt brauchte schon im 18. Jahrhundert Uhrmacher, möglichst viele, möglichst schnell. Biel fand sie im Jurabogen. Um den Jurassiern das Zügeln zu erleichtern, gewährte ihnen Biel unter anderem eine dreijährige Steuerfreiheit. «Der Schutz der Minderheit war für die Jurassier sehr wichtig im Kanton Bern, der Oberländisch dominiert war», sagt Peter Rothenbühler, der Publizist, ein Bieler Bilingue. «Es gab in der Stadt eine grosse Toleranz gegenüber Zuzügern. Das gilt bis heute: Du kannst hier sofort etwas werden.»

Die welschen Uhrmacher verstanden sich nicht nur auf ihre Arbeit, sie empfanden auch einen selbstbewussten Berufsstolz und waren in einer schlagkräftigen Gewerkschaft organisiert. In Freiburg kommen viele Sensler aus der Unterschicht in der Unterstadt, oben herrschten die Patrizierfamilien. Die gibt es in Biel nicht.

Die sprachlichen Mehrheitsverhältnisse der Schweiz wirken aber durchaus auf die welsche Identität ein. Die Freiburger Mehrheit agiert gegenüber den Deutschschweizern wohl auch deshalb so wenig tolerant, weil sie sich im Land selber als Minderheit erlebt. Kränkend komme hinzu, sagt Peter Rothenbühler, dass die Romands eine Weltsprache reden, «während die Deutschschweizer eine nicht codierte Sprache ohne offizielle Grammatik sprechen». Napoleon hatte die welschen Dialekte abschaffen lassen.

«Ein Romand kommt wieder auf die Welt, wenn er bei der Arbeit mit Schweizerdeutsch konfrontiert wird.»Florian Eitel,
Leiter Abteilung Geschichte im Neuen Museum Biel

In Biel kommt man besser mit Bienne aus, aber das heisst nicht, dass man viel miteinander unternimmt. In der Krippe und im Häuserblock lernen die Kinder zwanglos beide Sprachen, werden in der Schule aber getrennt und verlieren einen Teil ihrer Zweisprachigkeit. «Ein Romand kommt wieder auf die Welt, wenn er bei der Arbeit mit Schweizerdeutsch konfrontiert wird», sagt Florian Eitel. Der dreisprachige Kurator leitet die Abteilung Geschichte im Neuen Museum Biel, das die Sprachen der Stadt in einer neuen Ausstellung thematisiert. In Biel laufe vieles separat, sagt er. Die SP und der Freisinn haben sprachlich getrennte Fraktionen, die beiden Ruderclubs der Stadt sind sprachlich getrennt. Aber das gilt auch für andere Kulturen: Die Serben, Portugiesen, Spanier und Italiener haben eigene Fussballclubs. Der einzige Sport, der in Biel und Freiburg eint, ist das Eishockey: EHC Biel, Fribourg-Gottéron.

Wie empfindlich Freiburg in der Sprachfrage ist, zeigte sich auch beim Streit um die drei Deutschschweizer Bundesratskandidaten des Kantons: Otto Piller, Ruth Lüthy, Urs Schwaller. Alle sprachen so gut Französisch wie Deutsch. Bei Staatsrätin Ruth Lüthy entwickelte die welsche Medienkampagne hysterische Züge. Sie wirkte umso eigenartiger, als etwa die Genfer mit Jean Ziegler und Ueli Leuenberger als Nationalräte oder Ruth Dreifuss als Bundesrätin keine Probleme hatten.

In Biel lebt man die Zweisprachigkeit auch in der Politik. Der Kanton Bern hat den Schutz des Französischen in seiner Verfassung eingeschrieben und regelt die welsche Teilhabe an der Politik mit Quoten. Bern hat von seinem Trauma um die Abspaltung des Kantons Jura gelernt.

Die Mentalität wandelt sich

Frage an Thierry Steiert, den Freiburger Stadtpräsidenten: Wie lange braucht denn seine Stadt, um mit ihrer Minderheit grosszügiger zu sein? «Unsere Reglemente sind jetzt zweisprachig», sagt er, auch die Gesetze; früher hätten deutschsprachige Anwälte das französische Original studieren müssen. «Auch einer deutschsprachigen Gemeinde wie Tafers antworten wir heute auf Deutsch.» Steiert glaubt, dass sich die Mentalität der Mehrheit ändere. «Die junge Generation hegt keine Abneigung mehr gegenüber den Deutschsprachigen, höchstens Indifferenz.» Immer mehr Junge würden realisieren, welche Vorteile die Mehrsprachigkeit bringe. In Biel wissen die Gleichaltrigen das schon lange, auch weil die Kader vieler Firmen immer häufiger aus Deutschland kommt.

Wie schwer sich viele Welsche tun, sowohl mit dem Dialekt wie auch mit dem Hochdeutschen, konnte man an der Expo.02 studieren, dem letzten grossen sprachübergreifenden Projekt der Schweiz. Am Ende der fünfmonatigen Landesausstellung im Dreiseenland konnten viele Deutschschweizer Französisch, aber nur wenig Welsche besser Deutsch.

Erstellt: 04.08.2019, 21:55 Uhr

Hinweis

Rainer Scheuwly: «Bilingue. Wie Freiburg und Biel mit der Zweisprachigkeit umgehen.» Verlag Hier und Jetzt, 160 Seiten, 34 Fr. NMB Neues Museum Biel: «Le bilinguisme n’existe pas». Ausstellung. Bis 22. März 2020.

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