Den Tätern keine Bühne geben

In eigener Sache: Der «Tages-Anzeiger» zeigt ab sofort keine Bilder mehr von Attentätern und Amokläufern.

Wollen wir nicht mehr sehen: Schütze von München. Foto: oh

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Nizza, Würzburg, München, Ansbach: Eine Welle von Terroranschlägen und Amokläufen erschüttert Europa. Die Schreckenstaten fordern uns alle heraus, nicht nur Politiker und Sicherheitskräfte.

Die Medien tragen dabei eine spezielle Verantwortung. Wir haben einen Informationsauftrag und müssen auch über schwere Gewalttaten berichten, die Hintergründe ausleuchten und Zusammenhänge aufzeigen. Gleichzeitig müssen wir uns mit den möglichen Folgen der Berichterstattung auseinandersetzen. Wir müssen aufpassen, den Attentätern und deren Propaganda keine Bühne zu geben und damit womöglich Nachahmer zu animieren.

Untersuchungen zeigen, dass Nachahmungseffekte bei Massentötungen wie Selbstmordanschlägen, Amokläufen und Terroranschlägen tatsächlich existieren. Psychologen bestätigen die Befunde.

«Wo es uns möglich ist, wollen wir unsere publizistische Verantwortung wahrnehmen.»

Wir haben auf der Redaktion des «Tages-Anzeigers» in den letzten Tagen und Wochen diskutiert, wie wir mit dieser Problematik umgehen sollen. Wir sind schon in der Vergangenheit zurückhaltend mit Bildern umgegangen und haben etwa darauf verzichtet, Täter in heroischen Posen zu zeigen. Aber mit der neuesten Welle von Gewalttaten mussten wir unsere bisherige Praxis überprüfen. Nun sind wir zum Schluss gekommen, dass sie nicht mehr genügt.

Wir haben uns deshalb entschieden, der Problematik in Zukunft stärker Rechnung zu tragen und keine Bilder von Attentätern mehr zu publizieren, sowohl in der gedruckten Zeitung wie auch online. Aus­genommen von dieser Regel bleiben Beweisbilder wie etwa Aufnahmen von Überwachungskameras. Wie bisher werden wir keine Dokumente von Terrororganisationen abbilden. Die Namen der Täter werden wir abkürzen. Den gleichen Schritt hat diese Woche auch die französische Zeitung «Le Monde» gemacht.

Wir sind uns bewusst, dass unser Einfluss hier sehr begrenzt ist. Wenn der «Tages-Anzeiger» auf Bilder und Videos von Tätern verzichtet, verschwinden diese nicht einfach. Sie werden weiterhin tausendfach im Netz zu sehen sein. Wo es uns aber möglich ist, wollen wir unsere publizistische Verantwortung wahrnehmen.

Erstellt: 30.07.2016, 08:43 Uhr

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