Den Titlis-Touristen schmilzt das Fotomotiv davon

Der Gletscherschwund bringt den Bergtourismus in Bedrängnis. Was die Anbieter dagegen tun.

Ein Foto auf dem Titlisgletscher macht sich nicht nur für Pärchen gut. Foto: Reto Oeschger

Ein Foto auf dem Titlisgletscher macht sich nicht nur für Pärchen gut. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist der Schnee wirklich so weiss? Wie kalt fühlt er sich an? Kann man tatsächlich im Bauch eines Gletschers laufen? Die beiden Mädchen der indischen Familie Chandra aus Jaipur freuen sich, ihre Augen leuchten. Gleich geht es los, hoch auf den Gipfel des Titlis – auf über 3000 Meter.

Der Berg in der Zentralschweiz ist einer der wenigen, der Touristen die Gletscherwelt so nah erleben lässt. Die Titlisbahnen werben denn auch intensiv damit: Allein schon die Fahrt mit der rotierenden Luftseilbahn stellen sie als Abenteuer dar. «Die Gletschergrotte – erforsche das frostige Herz des Titlis» verspricht noch mehr alpine Glücksmomente. Tolle Aussichten in diesen Tagen, da das Mittelland einem Glutofen gleichkommt.

«Zynische Komponente»

«Einmal Schnee und einen Gletscher gesehen und berührt zu haben, ist ein wichtiges Reisemotiv», sagt Jürg Stettler vom ­Institut für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern. Das gelte insbesondere für die ausländischen Märkte und dort wiederum für die grossen Wachstumsmärkte China und Indien. Dies sei tatsächlich eine Chance, gerade für den Sommertourismus, sagt auch Stefan Forster, der den Forschungsbereich Tourismus und nachhaltige Entwicklung an der Hochschule ZHAW leitet.

Das Aber kommt indes sogleich: «Der Klimawandel ist ein globales Problem für die Menschheit, und deshalb hat dieseChance auch eine zynische Komponente.» Das ist dem Marketingleiter und Vize-Chef der Titlisbahnen, Peter Reinle, bewusst. Deshalb werbe man nicht mit dem Klimawandel: «Dieses Thema ist zu ernst für irgendwelche Marketinggags.»

Bis zu 15 Grad auf dem Gipfel: Titlisbahn-Vize Peter Reinle bereiten die hohen Temperaturen sorgen. Foto: Reto Oeschger

Reinle treibt der Klimawandel trotzdem um: Klar profitiere man auch ein bisschen von der «Sommerfrische», die hitzegeplagte Touristen in die Berge treibe. Aber die Gesamtbeurteilung sei negativ. Vor allem die Wetterverhältnisse im Sommer bereiten ihm Sorgen – inzwischen kann es selbst auf dem Gipfel 15 Grad warm werden.

Noch stemmt man sich im Alpenland Schweiz gegen den Gletscherschwund, mit allen Mitteln und der Hilfe der Wissenschaft.

Mit Folgen: Der Gletscher, das touristische Kapital, verliert jedes Jahr ein bis zwei Meter an Dicke. «Die nächsten ­50 Jahre dürfte er kaum mehr überleben», sagt ETH-Glaziologe Andreas Bauder. Als Gletscher auf nur gut 3000 Meter über Meer stünden seine Chancen besonders schlecht. Allein seit 2000 haben die Schweizer Gletscher über ein Viertel ihres Eisvolumens eingebüsst. Geblieben sind etwa 52 Kubik-kilometer Eis, also 52 Würfel mit einer Höhe, Breite und Länge von je einem Kilometer.

Noch stemmt man sich im Alpenland Schweiz gegen den Gletscherschwund, mit allen Mitteln und der Hilfe der Wissenschaft. Vor wenigen Tagen wurde im Engadin ein Pilotprojekt mit Schmelzwasser-Recycling lanciert. Am Corvatsch soll sich zeigen, ob mit einem neuartigen Beschneiungssystem der Gletscher gerettet werden kann. Die Idee: Im Sommer wird das anfallende Schmelzwasser gesammelt, um es im Winter in Form von Schnee zu re­zy­k­lie­ren und dem Gletscher zurückzugeben. Auf dem Titlis verbrauchen die Beschneiungsanlagen rund 10 Prozent des Stroms, den die Titlisbahnen benötigen. Zudem werden in mühsamer Handarbeit Teile des kostbaren Weiss mit Vlies abgedeckt. Waren es letztes Jahr noch 8000 Quadratmeter, wurden heuer bereits 35'000 Quadratmeter Schnee- und Gletscherflächen eingehüllt. Schön sieht das nicht aus, aber es wirkt gegen die Sonneneinstrahlung.

Disneylandisierung

Auch der Aufwand für den Erhalt der Gletschergrotte ist beträchtlich. Die muss mittels einer Eigenentwicklung (Kostenpunkt: rund 1 Million Franken) im Sommer konstant auf minus 1 Grad gekühlt werden. Die Touristen, an guten Tagen weit über 4000, machen der Eismasse zu schaffen: Jeder Einzelne strahlt aufgrund der Körperwärme so viel Energie ab wie eine 100-Watt-Glühbirne. Insgesamt geht Reinle von klimabedingten Kosten für die Titlis-Bergbahnen von jährlich 1 bis 2 Millionen Franken aus, dies bei einem Jah­resumsatz von rund 80 Millionen Franken. Unter dem Strich resultiert aber noch immer ein Gewinn. Letztes Jahr waren es 17 Millionen Franken. In den Vorjahren war es ähnlich.

Wenn der Gletscher schmilzt, braucht es andere Attraktionen: Der Cliff Walk am Titlis. Foto: Reto Oeschger

Doch die Gletscherwelt alleine genügt nicht mehr, um solche Touristenmassen anzulocken. Es braucht weitere Garnituren: auf dem Titlis etwa den Ice Flyer, einen offenen Sessellift, mit dem man über den Gletscher gondelt, oder den Cliff Walk, die höchstgelegene Hängebrücke Europas. Kritiker wie Mountain Wilderness sprechen von einer Disneylandisierung der Alpen und listen fast 200 solcher Installationen wie Aussichtsplattformen oder Cliffwalks in der Schweiz auf. Eine Hüpfburg könne genauso gut im Berner Marzili stehen wie auf Sattel Hochstuckli, sagte Geschäftsführerin Maren Kern kürzlich. Solche Aussagen ärgern Reinle: «Auch wir müssen mit der Zeit gehen, nicht nur die Städte haben ein Recht darauf, sich weiterzuentwickeln.» Sonst würden sich die Berggebiete noch stärker entvölkern, «wir wollen nicht wie die Indianer in ihren Reservaten gehalten werden».

«Symptombekämpfung» auf dem Titlis

Wenn die Gletscher abschmelzen, wenn sich das bisher tourismusökonomische Landschaftsbild verändere, könne das negative Auswirkungen auf die Nachfrage haben, sagt Tourismusexperte Forster. «Insgesamt überwiegen die Risiken und negativen Folgen des Klimawandels die damit verbundenen Chancen bei weitem für die meisten Bahnen und Destinationen», ist Stettler überzeugt.

Reinle weiss, dass der Gletscher kaum zu retten ist, sie auf dem Titlis «Symptombekämpfung» betreiben. Doch man versuche, vorzusorgen für die Zeit nach dem Gletscher. Dazu zählt er das 100-Millionen-Franken-Projekt mit dem Neubau der Bergstation, einem Restaurant und einer Bar im Richtstrahlturm, konzipiert vom Architekturbüro Herzog & de Meuron.

Ein zentraler Zielkonflikt lasse sich auch damit nicht lösen, gibt Tourismusfachmann Stettler zu bedenken. Der Erfolg basiere wesentlich auf Wachstumsmärkten wie den Golfstaaten oder Asien: «Gleichzeitig verstärken diese Reisenden durch die lange Anreise mit dem Flugzeug den Klimawandel.» Im Minimum müssten diese Bahnen die CO2-Emissionen kompensieren.

Kompensation als Lösung?

Noch tut sich die Branche schwer damit. Ein positives Beispiel sind die Brunni-Bahnen, die ersten von Myclimate zertifizierten ­klimaneutralen Bahnen in der Schweiz. Laut Geschäftsführer Thomas Küng kompensieren sie jährlich 347 Tonnen CO2. Den fünfstelligen Betrag wälzen sie jedoch nicht auf die Kunden ab. Die Titlis-Bergbahnen setzen im Moment nicht auf die Kompensation der CO2-Emissionen, sondern halten den CO2 so tief wie möglich.

Wie viele von den 360 beim Branchenverband angeschlossenen Seilbahnunternehmen klimaneutral sind, kann Andreas Keller von Seilbahnen Schweiz nicht beziffern: «Aber immer mehr Bahnen und Tourismusunternehmen machen bei ‹Cause We Care› mit.» Sie verpflichten sich also, Klimaschutz und Nachhaltigkeit zumindest voranzutreiben.

Wie beurteilt Familie Chandra den Klimawandel und den Gletscherschwund? Das Leuchten in den Augen ist weg. Dieses Klima sei unser Problem. «Wir möchten jetzt die Gletscherwelt geniessen – ohne schlechtes Gewissen.»

Erstellt: 26.07.2019, 13:23 Uhr

Serie


Teil 3: Der Klimawandel und der Tourismus
Am 20. Oktober wird in der Schweiz gewählt. In diesem Sommer reisen wir deshalb an Orte, die sinnbildlich sind für die grössten Sorgen der Bevölkerung. Als eines der drängendsten Probleme empfindet eine Mehrheit der Bevölkerung die klimabedingten Herausforderungen, wie eine Umfrage von Tamedia zeigt. Besonders drastisch zeigt sich der Klimawandel beim Rückgang der Gletscher. Diese sind jedoch eine der Hauptattraktionen der hochalpinen Gebirgswelt – gerade in den heissen Sommermonaten. Noch profitieren die meisten Regionen in den Alpen von der weitgehend intakten Landschaft. Doch was machen die Verantwortlichen, wenn die Gletscher dereinst weg sind? (gr)

Artikel zum Thema

Hier ist fast jeder zweite Angestellte über 50 Jahre alt

Serie Ältere haben Mühe bei der Stellensuche, dabei ist ein höheres Rentenalter absehbar. Besuch bei einer Firma, die es anders macht. Mehr...

Hilferuf aus der Prämienhölle: Arzt warnt vor Kollaps des Systems

Serie Der Kanton Genf hat zusammen mit Basel-Stadt die höchsten Prämien der Schweiz. Bertrand Buchs glaubt nicht mehr an eine Gesundheitsreform. Mehr...

Blog

Kommentare

Hilferuf aus der Prämienhölle

Serie Genf und Basel-Stadt haben die höchsten Prämien der Schweiz. Arzt Bertrand Buchs warnt vor dem Kollaps des Systems. Mehr...

Hier ist fast jeder zweite Angestellte über 50

Serie Ältere haben Mühe bei der Stellensuche, dabei ist ein höheres Rentenalter absehbar. Besuch bei einer Firma, die es anders macht. Mehr...

Die Hauptattraktion schmilzt dahin

Serie Höhergelegene Tourismusgebiete profitieren von den zunehmend heissen Temperaturen. Das ändert sich. Mehr...