Von der AHV-Rente kann niemand leben

Wenn die Renten weiter sinken, sind mehr Personen auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Das schadet allen.

Wenn die Renten karg ausfallen. Foto: Keystone

Wenn die Renten karg ausfallen. Foto: Keystone

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Sie haben ein Leben lang immer gearbeitet, immer Beiträge für die AHV und Pensionskasse einbezahlt, und trotzdem bleibt ihnen im Alter nicht genug zum Leben. Sie brauchen Ergänzungsleistungen. Für viele ist das der Abschied vom guten Leben: Eine alleinstehende Person erhält pro Monat höchstens 1100 Franken für die Miete, ein Auto oder Ferien liegen nicht mehr drin. Und das Futter für den Hund muss man sich vom Mund absparen.

Wegen der sinkenden Renten wird künftig eine wachsende Zahl von Pensionierten auf Ergänzungsleistungen angewiesen sein. Und wenn nichts geschieht, werden wir zu einem Volk von Ergänzungsleistungsbezügern, wie Thomas Gächter, Professor für Staats- und Sozialversicherungsrecht, im Interview mit dieser Zeitung sagte.

Aber so war es nicht gedacht. Gedacht war, dass möglichst jeder selber für das Alter vorsorgt und nicht auf Geld vom Staat angewiesen ist: Die Rente aus der ersten Säule, aus der AHV, sollte die Existenz sichern, jene aus der zweiten Säule, aus der Pensionskasse, den bisherigen Lebensstandard.

Nicht einmal mit der höchstmöglichen AHV-Rente von 2350 Franken kann heute jemand leben.

Nur: Die AHV-Rente hat ihren Auftrag nie erfüllt. Nicht einmal mit der höchstmöglichen AHV-Rente von 2350 Franken kann heute jemand leben. Und jene aus der Pensionskasse sinkt rasant: Allein zwischen 2013 und 2017 ist so die mittlere Rente aus erster und zweiter Säule um 600 Franken gesunken, von 5357 auf 4741 Franken. Das zeigt die neueste Studie von Swisscanto Vorsorge. Und die Renten werden weitersinken.

Das heutige System – zumindest so, wie es gedacht war – hat einen entscheidenden Vorteil. Das Geld, das jeder fürs Alter zur Seite legt, ist für die Rente reserviert. Das Geld für Ergänzungsleistungen hingegen zahlen Bund und Kantone aus ihren Steuererträgen. Damit steht es aber in Konkurrenz zu anderen Ausgaben – und ist der politischen Stimmungsmache ausgesetzt. Bereits bei der aktuellen Reform der Ergänzungsleistungen überbieten sich Ständerat und Nationalrat mit Vorschlägen, wie bei den Ausgaben noch mehr gespart werden könnte. Steigen diese Kosten weiter wie bisher – sie haben sich seit 2000 auf 4,9 Milliarden verdoppelt –, werden die Einschnitte künftig noch schmerzhafter.

Keinen Absturz riskieren

Damit Rentnerinnen und Rentner auch in Zukunft in Würde leben können, müssen sie in der Regel von ihrer Rente aus AHV und Pensionskasse leben können. Wie die anstehende Reform der AHV angegangen werden soll, damit sie in der Bevölkerung eine Mehrheit findet, darauf gibt eine repräsentative Umfrage von GFS Bern einen klaren Hinweis: nicht über ein allgemeines höheres Rentenalter. Solange es für über 50-Jährige schwierig ist, Arbeit zu finden, ist eine Diskussion darüber müssig, fand eine Mehrheit. Lieber zahlt sie eine höhere Mehrwertsteuer und erhöht das Rentenalter für Frauen auf 65 Jahre.

Wenn eine Vorlage zur Altersvorsorge beim Stimmvolk eine Chance haben soll, muss sie politisch breit abgestützt sein. Deshalb dürfen Parteien und Verbände nicht mehr wie bei der Altersvorsorge 2020 ihre Eigeninteressen in den Vordergrund stellen und damit einen Absturz riskieren. Sie müssen zusammen eine Lösung erarbeiten, die alle mittragen können. Das ist letztlich auch zu ihrem Vorteil – nicht nur die Wählerinnen und Wähler der anderen Parteien werden einmal alt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2018, 08:44 Uhr

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