Der beliebteste Politiker

Es sind immer die gleichen Amtsträger, die in der Bevölkerung gut ankommen, das Beispiel Widmer-Schlumpf zeigt es. Eine kleine Typologie.

Erkennen Sie sie wieder? Pascale Bruderer, Rudolf Strahm, Eveline Widmer-Schlumpf, Adolf Ogi. Fotos: Gaetan Bally (1, 2, 4), Peter Schneider (3) (Keystone)

Erkennen Sie sie wieder? Pascale Bruderer, Rudolf Strahm, Eveline Widmer-Schlumpf, Adolf Ogi. Fotos: Gaetan Bally (1, 2, 4), Peter Schneider (3) (Keystone)

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Wann gab es das letzte Mal eine solche Woche in der Schweizer Innenpolitik? Alle reden über das Gleiche und erhitzen sich derart dabei, wie es in diesem Land nicht so häufig vorkommt. Bundesräte, Politologen, Journalisten, Finanzdirektoren, Parlamentarier, Parteipräsidenten und -innen: Jeden Tag kämpft irgendwer für oder gegen die Unternehmenssteuerreform III. Ausgelöst wurde das alles durch ein einziges Interview einer einzigen Politikerin: Eveline Widmer-Schlumpf.

Die Panik, mit der die Befürworter der Reform auf die Aussagen der ehemaligen Finanzministerin reagieren, zeigt einmal mehr eine der Besonderheiten von Eveline Widmer-Schlumpf: Kaum je war die Diskrepanz zwischen den Anfeindungen einer Mandatsträgerin innerhalb des Politbetriebs und der Popularität bei der Bevölkerung so gross wie bei ihr. Woher kommt das? Und was braucht es, damit ein Politiker, eine Politikerin in der Schweiz gut ankommt? Für alle, die sich eine Karriere im politischen Business vorstellen können: eine kleine Typologie.

Die bürgerlichen Blocher-Gegner

Bei Widmer-Schlumpf kommen gleich mehrere Dinge zusammen: Sie ist eine Frau, sie ist offensichtlich kompetent, und sie hat es als Bürgerliche (und erst noch als Parteifreundin) gewagt, gegen Christoph Blocher anzutreten. Man darf nicht unterschätzen, wie viele bürgerlich gesinnte Menschen heute noch daran leiden, dass die SVP und nicht mehr der Freisinn die führende Kraft in der bürgerlichen Schweiz ist. Wie viele Bürgerliche Blocher darum verachten, wenn nicht gar hassen.

«Besonders beliebt bei der Mehrheit: bürgerliche SPler.»

Wenn sich dann jemand aus der SVP selbst gegen deren Herrscher stellt, haben viele Freude. Selbst Samuel Schmid, wohl einer der langweiligsten Bundesräte aller Zeiten, genoss in der Bevölkerung einen Rückhalt, den er sich selbst nicht erklären konnte. Und für den er auch nicht viel konnte: Es genügte, dass er nach der Abwahl von Blocher stoisch im Bundesrat blieb.

Christoph Blocher selbst

Das gilt natürlich auch umgekehrt: Christoph Blocher hat aus der SVP die stärkste Partei der Schweiz gemacht, und das hat nur funktioniert, weil Blocher selbst ausgesprochen populär ist. Seine wohl grösste Leistung bleibt, über Jahrzehnte die verschiedenen Anspruchsgruppen zu bedienen: den Bauern, den Arbeiter, den rechten Intellektuellen, den Wirtschaftsführer. Dabei sei sein «typisch schweizerisches Charisma» entscheidend, schreibt Blocher-Biograf Markus Somm: «wenig elegante Gesten, eine leicht grobe, volksnahe Sprache, warme Bodenständigkeit.»

Die Leutseligen

Diese leicht grobe, volksnahe Sprache lässt sich bei vielen Politikern feststellen, die als besonders populär bei der Bevölkerung galten. Alt-Bundesrat Adolf Ogi (SVP) redete so und tut es noch immer. Der Solothurner Büezer Willy Ritschard (SP) sass auch während seiner Zeit als Bundesrat noch regelmässig in der Beiz (die beiden B-Worte sind wichtig für das volksnahe Element). Rudolf Minger (BGB) war Rudolf Minger (ein früher Adolf Ogi). Der verstorbene Glarner Ständerat This Jenny (SVP) sagte immer, was ihm genau in jenem Moment durch den Kopf ging, und weitete seine Volksnähe – die sich in den meisten Fällen über die Sprache und das Trinken von Bier oder Weisswein manifestiert – auf den Umgang mit seinen Fehlern aus: Als er dem «Blick» seinen Seitensprung beichtete, machte ihn das menschlicher – und noch beliebter. Bei Jenny half es auch, dass er nicht nur bei den Leuten gut ankam, sondern auch regelmässig gegen die eigene Partei schoss (siehe «die bürgerlichen Blocher-Gegner»).

Die Staatsmänner

Wer es nicht so mit Sprüchen und Bier hat, der gibt sich als bürgerlicher Politiker am besten erhaben, also staatsmännisch. Dabei darf man es nicht übertreiben, sonst gerät man in den Verdacht, sich selbst zu wichtig zu nehmen – man nennt es auch das Couchepin- oder Calmy-Rey-Phänomen. Etwas subtiler ist da Didier Burkhalter (FDP), der sich als Aussenminister zwar zu einem der unbeliebtesten Bundesräte im Parlament hochgearbeitet hat, in Beliebtheitsratings aber oft einen der vorderen Ränge einnimmt.

Die rechten Sozialdemokraten

Als Linker hat man es in der Schweiz oft schwer. Man verliert ein Leben lang die meisten Abstimmungen, man ist eher geduldet als geschätzt, man ist die Minderheit. Um dennoch zu einer gewissen Beliebtheit ausserhalb der eigenen Leute zu gelangen, gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit: weniger links sein. Nichts liebt die bürgerliche Mehrheit in der Schweiz mehr als einen bürgerlichen Sozialdemokraten. Einen wie Rudolf Strahm, der regelmässig nach rechts ausschlägt. Einen wie den ehemaligen SP-Präsidenten Helmut Hubacher, der sich in vielen Themen aufs Alter hin noch einmal neu ausgerichtet hat (und der wie viele Genossen aus dieser Zeit auch ein leut­seliges Gen hat).

Eine wie Pascale Bruderer, die «Brücken baut» und das auch bei jeder Gelegenheit betont. Einen wie Daniel Jositsch, der im politischen Betrieb selten auffällt und wenn, dann eigentlich ausschliesslich, weil er die Parteilinie verlässt. In einer Zeit, in der alle Parteien eine immer grössere ideologische Disziplin von den eigenen Mandatsträgern verlangen, fällt der Abweichler umso mehr auf. Was parteiintern für böses Blut sorgt (fragen Sie mal einen SPler in Zürich, was er von Daniel Jositsch hält), kommt ausserhalb der Partei meist sehr gut an. Abweichung wird mit Eigenständigkeit und Unabhängigkeit konnotiert, mit einem Kopf, der selbst denkt.

Wir fassen zusammen. Um als Politikerin oder Politiker in der Schweiz beliebt zu sein (und das ist nicht das Gleiche, wie Erfolg zu haben), sollte man möglichst einfach reden und sich trotzdem staatsmännisch geben. Blocher öffentlich verdammen oder Blocher sein; etwas links sein, aber nicht zu sehr, bürgerlich denken, aber nicht zu stark. Gerne in die Beiz und unter Leute gehen; am besten noch so etwas wie Vernunft ausstrahlen und ein eigenständiger Typ sein. Ganz einfach.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.01.2017, 17:49 Uhr

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