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Der Berg kommt, wann er will

Seit Jahren leben die Menschen in Bondo mit der Bergsturzgefahr. Wie gehen sie damit um? Eine Reportage aus dem Dorf.

Hart am Dorf vorbei ging der Murgang: Am Freitag räumt ein Bagger Schutt und Schlamm weg. Foto: Claudio Bader (13 Photo)
Hart am Dorf vorbei ging der Murgang: Am Freitag räumt ein Bagger Schutt und Schlamm weg. Foto: Claudio Bader (13 Photo)

Um 16.27 Uhr steigt eine Staubwolke über dem Val Bondasca auf. Ein Bagger, der Trümmer wegräumen sollte, wird von Schutt, Schlamm und Steinblöcken halb zugedeckt; der Baggerführer musste fliehen. Ein Baum knickt und verschwindet im Schlick. Es ächzt, knirscht und knackt, Findling gegen Findling, Baumstamm gegen Mauern. TV-Teams fixieren die Gerölllawine von einer erhöhten Wiese aus, bis Polizisten sie bitten, zurückzutreten. Zu gefährlich. Die Sperrzone wird erweitert.

Das Polizeibulletin meldet wenige ­Minuten später: Zweiter Murgang in Bondo. Drei Häuser erfasst. Ein Firmengelände betroffen. Nach bisherigen Erkenntnissen keine Verletzte. Viele Bewohner des Dorfs sind erst gerade nach Hause zurückgekehrt, hatten auf eine Nacht im eigenen Bett gehofft. Die Behörden hatten die Lage als sicher genug taxiert. Jetzt werden sie ein zweites Mal evakuiert, das Risiko ist zu hoch.

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Der Ausnahmezustand begann am Mittwochmorgen, als sich am Piz Cengalo vier Millionen Kubikmeter Fels lösten und zu Tal donnerten. Der folgende Murgang: eine Schneise der Zerstörung, knapp am Kern von Bondo vorbei. Acht Wanderer werden bis heute vermisst. Die Katastrophe löste eine beispiellose Rettungsaktion aus, über 100 Rettungskräfte, Zivilschützer und Polizisten trafen ein. Hubschrauber landeten. Selbst die Bundespräsidentin besichtigte die Schäden. Bondo, ein Bergeller Dorf, wie man es abgelegener kaum findet, stand plötzlich im Fokus des nationalen Interesses.

Renzo Giovanoli, Ex-Gemeindepräsident von Bondo (1999 bis 2009). Bild: Mario Stäuble
Renzo Giovanoli, Ex-Gemeindepräsident von Bondo (1999 bis 2009). Bild: Mario Stäuble

Renzo Giovanoli, Ex-Gemeindepräsident, sitzt am Freitagmorgen auf der Terrasse des Hotels Bregaglia und starrt auf sein iPhone. Er wartet auf die Nachricht, dass der Dorfkern wieder freigegeben wird. «Ich will zu Hause meine Bergschuhe holen, ich muss hoch auf die Alp, um einer Kuh Penicillin zu spritzen.»

«Warum gerade jetzt?»

Immer wieder treffen Anwohner ein, manche haben die Post des Tages unter dem Arm, abgeholt direkt auf der Post. Die Hotelterrasse ist zum inoffiziellen Gemeindetreffpunkt geworden, hierhin kommt, wer hören will, wie die Lage ist, im Dorf und am Piz Cengalo oben. Die Bergeller sprechen vom Berg, als wäre er ein Lebewesen, ein Tier. «Man wusste ja, dass er kommt.» – «Sie haben ihn seit Jahren überwacht.» – «Aber warum gerade jetzt? An einem Prachtstag wie dem Mittwoch? Vor zwei Wochen gewitterte es noch, damals kam nichts.»

Video: Szenen aus Bondo vom Samstagmorgen

Helikopter übertönen die Gespräche, sie fliegen Suchtrupps hoch ins Val Bondasca, wo die erste Schlammwalze am Mittwoch ein Dutzend Maiensässe mit sich riss; der Schutt türmt sich teilweise über zehn Meter hoch. «Dort oben? Eine Mondlandschaft», sagt Giovanoli. Vier der acht vermissten Wanderer stammen aus Deutschland, zwei aus der Schweiz, zwei aus Österreich. Wo genau sie durchmarschierten, weiss man nicht. Sollten sie vom Murgang erfasst worden sein, sind ihre Überlebenschancen gering.

Gegen Mittag trifft die Nachricht ein: Das Dorf wird freigegeben. Die Behörden haben Bondo in Zonen aufgeteilt. Grün bedeutet: Unbegleiteter Zutritt zum Haus erlaubt. Rot bedeutet: Zugang nur in Begleitung von Zivilschützern mit Funkgerät. Sollte sich der Berg wieder bewegen, muss eine Evakuierung innert Minuten möglich sein.

Reto Müller, Anwohner von Bondo, Berufsschullehrer im Ruhestand. Bild: Mario Stäuble
Reto Müller, Anwohner von Bondo, Berufsschullehrer im Ruhestand. Bild: Mario Stäuble

Reto Müller ist einer der Anwohner, die ihre Fahrzeuge unterhalb des Dorfs aufreihen, um dann im Tröpfchensystem, Auto um Auto, nach Hause zu fahren. Er sagt, sein Haus liege in Zone Orange, aber das spiele keine Rolle. Die Familie müsse es aufgeben. «Der Berg fragt nicht, wann er kommen soll. Und er fragt auch nicht, ob er 30 oder 50 Meter neben dem Bachbett stoppen soll.» Das Haus zu verkaufen, wäre verantwortungslos, sagt der pensionierte Berufsschullehrer. Seine Frau und er planen, in ihr Atelier im Nachbardorf Soglio zu ziehen. Müller sagt: «Es mag seltsam klingen, aber ich spüre auch eine Erleichterung. Jetzt herrscht Gewissheit.»

Müller gehörte zu jenen, die am lautesten vor dem Piz Cengalo warnten. Spätestens seit einem Felsabbruch 2011 war der Schutz vor dem Berg ein ständiges Thema, am Stammtisch und im Gemeindesaal. Eine Mauer und ein Auffangbecken, für das man den örtlichen Campingplatz aufgab, bewahrte Bondo diese Woche vor Schlimmeren. Aber das Projekt war politisch umstritten, es kostete 4,5 Millionen Franken, und das Ortsbild – Pflastersteine, Steindächer – zählt viel im Bergell. Mauer und Becken störten. Mehr als ein Drittel der Stimmbürger legte ein Nein ein, als die Gemeinde 2013 darüber abstimmte. Auch Renzo Giovanoli hatte zu den Skeptikern gehört. «Aber jetzt, aus heutiger Sicht, muss ich ganz offen sagen: Zum Glück hatten wir das Becken.»

Intakte Sicherheitssysteme

Die Sicherheitssysteme im Dorf haben also funktioniert. Was aber ist mit den vermissten Wanderern? Was taten sie in dem Gelände, wenn die Gefahr doch bekannt war?

Anna Giacometti, FDP, amtierende Gemeindepräsidentin von Bregaglia (inzwischen haben vier Dörfer fusioniert). Bild: Mario Stäuble
Anna Giacometti, FDP, amtierende Gemeindepräsidentin von Bregaglia (inzwischen haben vier Dörfer fusioniert). Bild: Mario Stäuble

Anna Giacometti hat drei Stunden geschlafen. Die Präsidentin der Einheitsgemeinde Bregaglia, zu der Bondo gehört, eilt an diesem Freitag von Rapport zu Interview zu Sitzung. Am 14. August habe es ein Treffen gegeben, erzählt sie. Drei Leute vom Gemeinderat, einer vom Bauamt, der lokale Förster und ein Forstexperte des Kantons sassen zusammen. Ein Geologe war als Berater involviert. Messungen hatten ergeben, dass die Flanke des Piz Cengalo sich stärker zu bewegen begann. Das Gremium entschied: Wir müssen die Leute warnen.

Giacometti hat das Plakat ausgedruckt, das die Gemeinde im Wander­gebiet aufstellen liess. Darauf ist eine ­Geländekarte zu sehen, die Flanke des Piz Cengalo orange und rot eingefärbt. «Meiden Sie diesen Gefahrenbereich!», ist da zu lesen. Und: «Ein weiterer Bergsturz kündigt sich an!» Im Gebiet befinden sich auch zwei SAC-Hütten, die Sciora und die Sasc Furä. Der Verbindungsweg zwischen den beiden Häusern ist schon länger gesperrt, die Gemeinde warnt: «Auf diesem Weg ist man nicht nur durch den Bergsturz, sondern auch durch häufig herunterstürzende Steine und Felsblöcke gefährdet! Lebensgefahr!»

Gleichzeitig verschickte man Warnbriefe an die Maiensäss-Besitzer oben im Tal und an die Betreiber der SAC-Hütten. «Wir taten, was wir konnten», sagt Anna Giacometti. Eine Sperre des ganzen Wandergebiets verhängten die Behörden aber nicht, auch wurden die SAC-Hütten nicht geschlossen – sie befinden sich allerdings ausserhalb der auf dem Plakat markierten Gefahrenzonen. Eine Quelle, die Einblick in die Rettungsaktion hat, bezweifelt den Sinn eines Verbots. Sogar jetzt noch, nach zwei Tagen internationaler Dauerberichterstattung, gibt es Wanderer, die sich ins ­Gebiet wagen: Die Rettungskräfte ent­decken am Freitag zwei Berggänger, die bei der Sciora-Hütte gezeltet haben. Sie müssen mit dem Helikopter ausgeflogen werden.

Lässt sich ein Tal sperren?

«Lässt sich ein ganzes Tal sperren?», fragt Anna Giacometti. Oder anders formuliert: Wie weit geht die Selbstverantwortung im Hochgebirge?

Bedrohliche Gesteinsmassen: Eine weitere Million Kubikmeter  könnte jederzeit vom Piz Cengalo abbrechen.
Bedrohliche Gesteinsmassen: Eine weitere Million Kubikmeter könnte jederzeit vom Piz Cengalo abbrechen.
AFP
Erneuter Murgang: Schlammlawine in Bondo. (25. August 2017)
Erneuter Murgang: Schlammlawine in Bondo. (25. August 2017)
Miguel Medina, AFP
Wenige Tage später: Die Gegend liegt unter einer dicken Schicht Geröll.
Wenige Tage später: Die Gegend liegt unter einer dicken Schicht Geröll.
Giancarlo Cattaneo, Keystone
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Gut möglich, dass sich die Strafverfolgungsbehörden mit dieser Frage befassen müssen. Die Staatsanwaltschaft habe aber bislang keine Untersuchung eröffnet, sagt Polizeisprecher Roman Rüegg. Die Polizei kläre zurzeit den Sachverhalt ab.

Abends, nach der zweiten Schlammlawine, erreicht man Renzo Giovanoli am Telefon. Ein Helikopter hat ihn nachmittags auf seine Alp geflogen, hoch über dem Dorf. «Zuerst hörte ich den Abgang, dann sah ich ihn. Gewaltig.» Giovanoli sagt, es gebe zumindest eine gute Nachricht. Eine Schlucht, von der er glaubte, sie sei mit Wasser gefüllt, habe sich nun entleert. «Aber ich bleibe jetzt hier oben. Zu essen habe ich. Was soll ich auch im Dorf unten? Nach Hause kann ich sowieso nicht.»

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