Der Bischof von Chur übergibt sein Amt einem Verbündeten

Für ein paar Monate wird der umstrittene Pierre Bürcher dem Bistum Chur als Administrator vorstehen. Der Oberwalliser Bischof ist kein Freund der Demokratie in der Kirche.

Der Vatikan hat seinen Rücktritt angenommen: Vitus Huonder, ehemaliger Bischof von Chur. Foto: Heinz Diener

Der Vatikan hat seinen Rücktritt angenommen: Vitus Huonder, ehemaliger Bischof von Chur. Foto: Heinz Diener

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Vitus Huonder ist nicht mehr Bischof von Chur. Gestern Montag hat er sich per Brief von seinen kirchlichen Mitarbeitern und den Gläubigen verabschiedet. Papst Franziskus hat nun doch mit einem Monat Verspätung Huonders auf den 21. April eingereichten Rücktritt angenommen, wie das Bistum Chur in einer Medienmitteilung verlauten lässt. Und so geht es nun weiter: «Die Nachfolge übernimmt einstweilen der von Papst Franziskus ernannte apostolische Administrator des Bistums Chur, Peter Bürcher, emeritierter Bischof von Reykjavik.»

Der 73-jährige Bürcher hat ab sofort alle Rechte und Pflichten eines Diözesanbischofs. Er wird das Bistum leiten, kann personelle Entscheide treffen und wird die Wahl eines neuen Bischofs vorbereiten. In einer ersten Phase soll der Oberwalliser interne Gespräche führen und sich mit dem Bistum Chur vertraut machen. Bürcher selbst spricht in einer ersten Botschaft von einer «kurzen Übergangszeit». Papst Franziskus habe ihm bei einer Privataudienz vom 11. Mai versichert, ihm die Aufgabe des Administrators «nur für ein paar Monate» anzuvertrauen.

Gerangel im Vatikan

Gemäss dem Urschweizer Generalvikar Martin Kopp muss Bürcher den Übergang zu einem neuen Bischof gewährleisten. Es handle sich bei Bürcher allerdings nicht um den für mehrere Jahre wirkenden Administrator, wie ihn Basisorganisationen anstelle eines neuen Bischofs gewünscht hätten. Per definitionem ernennt der Papst einen apostolischen Administrator, also den vorübergehenden Verwalter einer Diözese, nur bei Vorliegen von «speziellen und schwerwiegenden Gründen».

Aus gut unterrichteten Kreisen in Rom heisst es denn auch, dass die Einsetzung eines apostolischen Administrators eine ausserordentliche Massnahme darstelle. Rom habe offensichtlich erkannt, dass sich das Bistum Chur in einer ungewöhnlich schwierigen Situation befinde.

Vorübergehend im Amt: Pierre Bürcher. Foto: Keystone Amédée Grab. Foto: Keystone

Dass es am 21. April noch geheissen hat, Huonder bleibe vorläufig im Amt, der Bischof aber nur vier Wochen später doch demissionieren müsse, lasse auf ein Gerangel in der Bischofskongregation schliessen. Diese ist zurzeit dabei, eine Liste mit drei Bischofskandidaten zuhanden des Churer Domkapitels zu erstellen. Bürchers Name figurierte bereits 2007 auf der römischen Dreierliste, als das Domkapitel daraus Vitus Huonder zum Bischof wählte.

Bürcher ist nicht unbestritten. Der freundliche Bischof ist romtreu und konservativ. 1994 bis 2004 war er Weihbischof von Lausanne-Genf-Freiburg und wurde dann über Nacht abberufen.

Ein «Strafort» für Bischöfe

2007 schickte Papst Benedikt XVI. Bürcher als Bischof nach Reykjavik, ohne dass die Gründe öffentlich wurden. Bis heute wird von Vertuschungsvorwürfen gemunkelt. Island gilt tatsächlich als eine Art «Strafort» für schwierige Bischöfe. In Reykiavik unter Kälte und vulkanischem Feinstaub leidend, bat Bürcher 2015 Papst Franziskus um den Rücktritt. Seither hält sich der emeritierte Bischof in der Schweiz und im Heiligen Land auf.

Die Zürcher Kantonalkirche schrieb gestern in einem Communiqué: «Wir freuen uns darauf, Bürcher näher kennen zu lernen. Unsere Türen stehen offen für einen zukunftsgerichteten Dialog und einvernehmliche Schritte im bewährten dualen System der Katholischen Kirche im Kanton Zürich.»

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Bürcher in der Opposition zum dualen System von innerkirchlichen und staatskirchenrechtlichen Instanzen ein ­Verbündeter Huonders ist. Als ­Bischofsvikar in Lausanne verwickelte er sich bei der Finanzierung von Projekten in Kompetenzstreitigkeiten mit dem staatskirchenrechtlichen Verband der Pfarreien des Kantons Waadt. Deren demokratische Struktur hielt er für unvereinbar mit dem Selbstverständnis der katholischen Kirche. Dieses Zerwürfnis soll ein Grund für seinen abrupten Abgang im Jahre 2004 gewesen sein.

Huonder zieht nach Wangs

In seiner gestrigen Botschaft gibt sich Bürcher zuversichtlich und wirbt um Verständnis dafür, dass er sich erst im Juni den Medien stellen werde. Ganz besonders richtet er seinen «Gruss an diejenigen, die nach den vielen Negativmeldungen bezüglich etwa der Missbrauchsfälle von ihrer Kirche oder allgemein vom Leben enttäuscht sind, sowie an die Personen, die an Körper und/oder Seele leiden.» Besonders für sie sei er als apostolischer Administrator gesandt, aber nicht weniger auch für alle anderen.

Und der emeritierte Bischof Huonder? Allen Kontroversen der letzten Wochen zum Trotz will er definitiv zu den schismatischen Piusbrüdern ziehen. So liess er gestern verlauten: «Ich selbst nehme nun, wie bereits bekannt, meinen Wohnsitz im Wohntrakt des Priesterhauses im Institut Sancta Maria Wangs SG.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 20.05.2019, 20:00 Uhr

Der Mann, der Ruhe in das Bistum Chur brachte

Der frühere Bischof von Chur, Amédée Grab, ist am Sonntag im Alter von 89 Jahren im Pflegeheim Casa di Cura Immacolata von Roveredo GR unerwartet gestorben. Die um die Jahrtausendwende dominierende Persönlichkeit in der Kirche Schweiz galt als Mann des Ausgleichs: Als perfekt dreisprachiger Diplomat war er für heikle Aufgaben geradezu prädestiniert.

So wurde Grab 1987 zum ersten Weihbischof von Genf seit dem Kulturkampf. Entgegen allen Erwartungen wurde er selbst von den Calvinisten geschätzt. Ökumenisch offen, versuchte er, mit allen Seiten im Gespräch zu bleiben. 1995 wurde Grab an die Spitze des Bistums Freiburg-Lausanne-Genf berufen.

Völlig überraschend wählte ihn das Churer Domkapitel dann am 9. Juni 1998 zum Bischof von Chur. Er wurde Nachfolger des nach Vaduz wegbeförderten Bischofs Wolfgang Haas, der einen Scherbenhaufen hinterlassen hatte. Dass ein Bischof das Bistum wechselt, hat in der Schweiz keine Tradition. Grab war ein Bistumsexterner, aber kein Fremder. 1930 in Zürich geboren, wuchs er in Genf auf. Er stammte ursprünglich aus Schwyz. Zudem gehörte er zur Benediktinerkommunität des Klosters Einsiedeln.

Unter Grabs Fittichen kam das zu Haas’ Zeiten stark aufgewühlte Bistum wieder zur Ruhe. Die Bistumskantone liessen etwa die eingefrorenen Bistumsbeiträge wieder nach Chur fliessen. Dennoch war Grab klar ein Mann Roms, der sich nur mit seinem versöhnenden Stil von Wolfgang Haas und Vitus Huonder unterschied, der ihm 2007 auf den Churer Bischofstuhl folgte. Das war nur möglich, weil Grab die alten Garden am Bischofssitz beliess und nicht für eine Erneuerung des Personals sorgte.

Als jahrelanger Präsident der Schweizer Bischofskonferenz war Grab die prägende Figur der ­Kirche auf nationaler Ebene. Von 2001 bis 2006 Präsident des ­Rates der europäischen Bischofskonferenzen, genoss er auch international Ansehen.
Michael Meier

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