Der bislang teuerste Wahlkampf

Mehrere Millionen Franken haben die Parteien bereits jetzt für Wahlwerbung ausgegeben. Politologe Thomas Milic geht davon aus, dass die Kampagnen noch teurer werden dürften als vor vier Jahren.

Die Unterschiede bei den Mitteln, welche die Parteien zur Verfügung haben, sind enorm. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Unterschiede bei den Mitteln, welche die Parteien zur Verfügung haben, sind enorm. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Ein Foto zeigt den Zürichsee, ein zweites den Flughafen Zürich, ein drittes eine Wiese mit Bäumen – und mittendrin prangt stets der Kopf von Hans-Ueli Vogt. Der Zürcher SVP-Ständeratskandidat hat als einer der ersten Inserate geschaltet, um für sich zu werben. Er sei so früh in den Wahlkampf gestiegen, um seinen geringeren Bekanntheitsgrad wettzumachen, sagt Vogt. «Einen Namen einmal zu sehen, reicht nicht, damit er bei den Wählern im Kopf präsent ist.» Daher brauche es eine längere Kampagne.

Vogt ist nicht der Einzige, der bereits seit Wochen Wahlwerbung schaltet. Über 2 Millionen Franken haben die Parteien von April bis Juni in den Wahlkampf gesteckt. Das zeigt eine Erhebung, welche die Marktforschungsfirma Media Focus im Auftrag des Westschweizer Fernsehens RTS erstellte. Berücksichtigt wurden die Bruttoausgaben für Plakate, Anzeigen in den Printmedien sowie Displaywerbung im Internet für die eidgenössischen Wahlen von Parteien und Kandidaten.

«Amerikanisierung» im Gange

«Dass bereits jetzt so viel Geld ausgegeben wurde, ist ungewöhnlich», sagt Politologe Thomas Milic. Er geht davon aus, dass so viele Mittel wie noch nie in den Vorwahlkampf investiert wurden. «Der Wahlkampf dürfte noch teurer werden als vor vier Jahren.» Milic beobachtet eine Tendenz, den Wahlkampf immer früher zu führen. Dazu habe unter anderem die briefliche Stimmabgabe beigetragen. «Das erklärt diese massive zeitliche Verlagerung aber bei weitem nicht.» Zudem gebe es eine «Amerikanisierung» des Wahlkampfs: «Die Parteien versuchen, schon relativ früh das Terrain zu besetzen.»

Am meisten in den Wahlkampf gesteckt hat von April bis Juni laut der Erhebung die SVP mit mehr als 1,2 Millionen Franken, dahinter folgt die FDP mit über 900 000 Franken. An dritter Stelle rangiert mit grossem Abstand die CVP. Diese Reihenfolge dürfte sich laut Milic über den ganzen Wahlkampf hinweg gesehen kaum mehr ändern; es sei auch dieselbe wie vor vier Jahren. «Neu sind die grossen Diskrepanzen zwischen den Ausgaben der einzelnen Parteien im Vorwahlkampf», sagt Milic. Dies könne bedenklich sein. «Wenn eine Partei oder ein Abstimmungslager zehn- oder zwanzigmal mehr Geld zur Verfügung hat als die anderen, wird es aus demokratietheoretischer Sicht langsam prekär.»

Bemerkenswert sind die Unterschiede zu den Wahlen vor vier Jahren. Die FDP hat ihre Ausgaben von April bis Juni im Vergleich dazu mehr als verdoppelt, die SVP gar verzwanzigfacht. Bei der SVP haben laut Wahlkampfleiter Albert Rösti vor allem die Kandidaten mehr Geld in den Vorwahlkampf gesteckt. «Wir haben festgestellt, dass die Zeit in der heissen Phase von Mitte August bis Mitte Oktober knapp ist.» Zudem seien dann alle Kandidaten sehr präsent. Um herauszustechen aus der Masse der Kandidaten, müsse man daher früh Wahlkampf betreiben. Dass die FDP laut der Erhebung von April bis Juni weniger Geld für Wahlwerbung ausgegeben hat als die SVP, überraschte Rösti – schliesslich führe die FDP seit Herbst eine «riesige Kampagne».

CVP legte noch früher los

Die FDP habe ihre Taktik geändert, sagte der FDP-Wahlkampfleiter der Romandie, Philippe Miauton, gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS. Die Partei habe entschieden, die Kampagne früher zu beginnen. «Das erklärt, warum wir im Vergleich zu 2011 ein Budget haben, das grösser erscheint.»

Die CVP hingegen hat im Vergleich zu 2011 in den Monaten April bis Juni deutlich weniger Werbung geschaltet. Generalsekretärin Béatrice Wertli sagt, ihre Partei habe den Beginn der Vorkampagne auf die Abstimmung über ihre Initiative für die Steuerbefreiung der Kinder- und Ausbildungszulagen vom 8. März ausgerichtet. Sie habe daher bereits Anfang Jahr einen Grossteil ihres Vorwahlkampfbudgets investiert. Dass die CVP ihr Pulver damit zu früh verschossen hat, glaubt sie nicht: «Die Volksinitiative war uns wichtig, der Wiedererkennungswert ist sicher auch da.» Zudem hätten zum Zeitpunkt der Kampagne auch kantonale Wahlen stattgefunden.

Die SP wiederum hat sich angesichts des Budgets bewusst entschieden, erst in der heissen Phase ab Mitte August bezahlte Werbung zu schalten, wie Co-Generalsekretärin Leyla Gül sagt. «Der Vorteil der Vorkampagne ist, dass man auffällt. Die Gefahr ist aber, dass sie wirkungslos verpufft.»

Darauf scheint auch die BDP zu hoffen, die laut der Erhebung von April bis Juni gar keine Wahlwerbung geschaltet hat. «Manchen Wählern geht die so frühe Wahlwerbung auf den Geist», twitterte BDP-Nationalrat Bernhard Guhl.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.07.2015, 22:05 Uhr

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