Der blinde Fleck der Linken

Ein Post-Muslim und Atheist kritisiert linke Ideologien - und wird prompt diffamiert. Aber: Religionskritik muss in einer Demokratie erlaubt sein.

Ärgerte sich über die Islamkritik eines Atheisten: SP-Regierungsrätin Jaqueline Fehr. (Foto: Urs Jaudas)

Ärgerte sich über die Islamkritik eines Atheisten: SP-Regierungsrätin Jaqueline Fehr. (Foto: Urs Jaudas)

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Der Facebook-Eintrag war symptomatisch. Nachdem der marokkanische Flüchtling und Intellektuelle Kacem El Ghazzali in einem Interview mit dem «Bund» linke Organisationen wie die Juso oder die autonome Schule kritisierte, schoss die SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) zurück. Ghazzali hatte die Haltung vieler Linker bemängelt, die jegliche Kritik am Islam als rassistisch oder islamophob bezeichnen. Lieber würden religiöser Fundamentalismus und Intoleranz als kulturelle Eigenart akzeptiert, als dass man die Grenzen der Toleranz klar festlege.

Ghazzali erntete breiten Zuspruch für seine ­differenzierte und kritische Haltung. Aber nicht überall. Namentlich die Zürcher Justiz- und Polizeidirektorin Jacqueline Fehr machte ihrem Ärger Luft, als sie auf Facebook schrieb: «Warum überprüfen Journalistinnen und Journalisten die aufgestellten Behauptungen (zum Beispiel über das Verhalten der autonomen Schule) nicht? Reicht es heute einfach, als Muslim gegen den Islam zu wettern, um als Experte zu gelten?»

Pauschale Diskreditierungen

Frau Fehr war nicht die Einzige, die sich ärgerte; in den Kommentarspalten beklagten sich einige, dass über faschistoiden Islam anstatt über das wahre Problem – den «asozialen Rechtsnationalismus» – gesprochen werde. Andere merkten an, Ghazzali biedere sich mit seiner Kritik bei den Rassisten an.

Ob Frau Fehr und den anderen Kritikern bewusst war, wie sehr sie mit ihren Reaktionen Ghazzalis Aussagen bestätigten, ist nicht bekannt. Fehr war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Aber ihre Reaktion ist typisch: Anstatt sich zu fragen, inwiefern die konkrete Kritik zutreffen könnte, wird pauschal diskreditiert. Weil sie die im Interview vertretenen Ansichten nicht teilt, sucht sie den Fehler zunächst beim Journalisten, der die Fakten nicht geprüft habe. Und dann zieht sie die Glaubwürdigkeit Ghazzalis in ­Zweifel. Sie spricht ihm einen «Expertenstatus» ab, schliesslich sei er ja «nur Muslim». Und dann diskreditiert sie seine differenzierte Kritik am politischen Islam und seiner Expansion im Westen als «gegen den Islam wettern». Man braucht sich nicht weiter zu fragen, warum die Linken so reformunfähig sind.

Jede Kritik ist verdächtig

Fehrs Reaktion ist in mehrfacher Hinsicht verquer. Erstens wurde Ghazzali nicht als Experte, sondern als Flüchtling und Intellektueller befragt. Aber anstatt seine Erfahrungen ernst zu nehmen, zweifelt Fehr die Stichhaltigkeit seiner Aussagen an, indem sie insinuiert, der Journalist habe es versäumt, Ghazzalis Behauptungen zu überprüfen. Damit gibt Fehr ein schönes Beispiel ab für die Tendenz mancher linker Exponenten, jegliche Kritik am Islam als islamophob oder rassistisch motiviert zu verdächtigen und lieber gegen Islamskeptiker zu polemisieren, als die problematischen Seiten des politischen Islam zu hinterfragen.

Dabei gäbe es in diesem Interview durchaus Aspekte, die sich gerade die Linken zu Herzen nehmen könnten. So identifiziert Ghazzali bei Islamisten und Rechtsnationalisten ähnliche ideologische Strategien. Beide teilen die Gesellschaft pauschal in zwei Lager. Das der Auserwählten und Guten – und das der Bösen, die dehumanisiert werden. Sie argumentieren nicht individuell, sondern pauschal und kollektiv. Sie arbeiten mit Feindbildern, um in den eigenen Reihen mehr Rückhalt zu haben und ihre Agenda durchzusetzen. Und sie lügen und vertuschen Probleme. Es versteht sich von selbst, dass dies für eine freie, demokratische Gesellschaft kontraproduktiv ist.

Leider sind auch linke Ideologien von solchen Tendenzen betroffen. Migranten und ihre Unterstützer gehören dann pauschal ins Lager der Guten, Skepsis ist nicht erlaubt. Wer skeptisch ist, wird mit der Nazikeule niedergeknüppelt. Damit schiessen sich die Linken aber letztlich selbst ins Bein. Ghazzali nennt als Beispiel eine Informationsveranstaltung der Juso für Asylbewerber, bei der man sie eindringlich vor dem Rassismus der Schweizer und der SVP gewarnt habe. Das aber führe eher zu einem Rückzug, als dass es zur Integration motiviere. Und als er in der Sprachschule von anderen Asylbewerbern wegen seines Atheismus bedroht wurde, schwiegen die Verantwortlichen. Das ist nicht nur feige, sondern bewirkt genau das, was die Linken am meisten befürchten: Es spielt den Freiheitsfeinden in die Hände – Islamisten und Faschisten.

Erstellt: 29.08.2017, 10:53 Uhr

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