Der Bonvivant tritt ab

Lausannes Stadtpräsident Daniel Brélaz verlässt nach 26 Jahren die Regierung. Politisch hat der Grüne seine Heimatstadt geprägt.

Bauch und Katzen-Krawatte als Markenzeichen: Daniel Brélaz war in seiner Zeit als Lausanner Stadtpräsident ein Liebling der Karikaturisten. Foto: Cyril Zingaro (Keystone)

Bauch und Katzen-Krawatte als Markenzeichen: Daniel Brélaz war in seiner Zeit als Lausanner Stadtpräsident ein Liebling der Karikaturisten. Foto: Cyril Zingaro (Keystone)

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Daniel Brélaz, «Syndic» von Lausanne, ist blitzgescheit und auch ein wenig verrückt. Der studierte Mathematiker gilt als Zahlengenie und fällt durch seinen scheinbar ungewollten Hang zur Exzentrik auf. Diese Melange ist ein Garant, um in der Westschweiz Erfolg zu haben. Und sie machte ihn in den vergangenen Jahrzehnten zum Liebling der Karikaturisten.

Zeichner Raymond Burki sagt: «Sein Bauch und seine Krawatte genügen: Für eine gute Zeichnung braucht es nicht einmal sein Gesicht.» Doch damit ist nun Schluss. Heute Abend tritt der 65-jährige grüne Politiker mit einer letzten grossen Rede im historischen Kino Capitole von der Politbühne ab. Zumindest von jener seiner Heimatstadt, denn im Nationalrat wird er bleiben.

Karikatur: Raymond Burki

Nach 26 Jahren als Mitglied der Stadtregierung, die letzten 15 Jahre als Präsident, gehört Brélaz fast so sehr zu Lausanne wie die Kathedrale. Seine Popularität lässt sich indes nicht alleine durch seine politischen Leistungen erklären. Berüchtigt sind seine spontan gehaltenen Reden mit stets launisch-ironischem Unterton. Bekannt ist sein lückenloses Gedächtnis. Bewundert wird seine Gabe, an Wahlsonntagen Schlussresultate auf Kommastellen genau vorherzusagen. Gefürchtet ist sein Hang zur Besserwisserei. Politiker treibt er regelmässig zur Weissglut, wenn er Dinge, die er nicht hören will, ganz einfach ausblendet. Themen wie öffentliche Sicherheit und Sauberkeit interessieren ihn nicht. Zudem wirkte Brélaz oft unzugänglich und distanziert. Dies trug ihm den Ruf ein, ein Autist zu sein.

Wankend ins Rathaus

Auffällig ist sein Äusseres. Auf seinen Krawatten mit Katzensujet, von denen er 40 Stück besitzt, prangt in der Regel ein Essensfleck. Seine Hosen wirken stets etwas zu kurz, was auch an der opulenten Statur des gross gewachsenen Waadtländers liegen mag. Zu Spitzenzeiten zeigte seine Waage 184 Kilogramm an. Schnaubend und mehr wankend als schreitend, wälzte er sich und sein Körpergewicht allmorgendlich zum Rathaus. Wer Brélaz einmal dabei beobachtete, dem bleibt dieses Bild im Gedächtnis haften. In der Stadt wird darüber gescherzt. Bis heute hält sich das Gerücht, dass die Stadt die Rolltreppen hinauf zur Metrostation Riponne nur deshalb bauen liess, um ihrem Präsidenten den Aufstieg dahin zu erleichtern. Schwer vorstellbar war für viele jeweils, welchen Eindruck Brélaz bei seinen Repräsentationen an Olympischen Spielen hinterliess. Als Vertreter der olympischen Hauptstadt Lausanne gehörte auch dies zu seinen Aufgaben.

Doch irgendwann schien selbst Brélaz unter der Last seines Körpers zu leiden. Jedenfalls entschloss er sich zu einer ärztlich begleiteten Diät, die so effektiv war, dass er 2014 noch 89,5 Kilogramm wog. Seither hat er allerdings wieder deutlich an Gewicht zugelegt.

Sosehr Daniel Brélaz stets mit Persönlichem auffiel, seine politischen Leistungen für die viertgrösste Schweizer Stadt werden über die Grenzen seiner Partei hinaus gelobt. Der 65-Jährige hat sich vor allem für die Entwicklung des öffentlichen Verkehrs eingesetzt. Dank seiner Kontakte zu Bund und Kanton brachte Lausanne das Geld für den eine Milliarden Franken teuren Bau der Metrolinie M2, ein Schweizer Pilotprojekt, zusammen. Bereits weit gediehen sind die Pläne für den Bau einer weiteren Metrolinie.

Die Linie M3 verbindet das Stadtzentrum mit dem Ökoquartier Plaines-du-Loup, das auf Brélaz’ Initiative in den nächsten Jahren entstehen wird. Das Ökoquartier mit Hunderten neuer Wohnungen ist lediglich Teil eines noch grösseren Stadtprojekts mit dem Namen Méta­morphose. Dieses beinhaltet ein zweites Ökoquartier mit dem Namen Prés-de-Vidy, Windkraftanlagen in Stadtnähe und diversen Sportanlagen samt einem neuen Fussballstadion für den FC Lausanne. Beschlossen ist auch der Bau einer 4,6 Kilometer langen Tramstrecke zwischen Lausanne und Renens. ÖV-Liebhaber sind entzückt: Lausanne bekommt damit jenes Verkehrsmittel zurück, das die Stadt 1964 durch Trolleybusse ersetzte.

Realpolitiker ohne Scheu

Pierre-Antoine Hildbrand, neu gewählter FDP-Stadtrat, bezeichnet den Grünen als «Realpolitiker, der sich auch gegen die Widerstände seiner eigenen Partei durchsetzt». Im Gegensatz zu vielen Parteikollegen habe er keine Probleme mit verdichtetem Bauen, so Hildbrand. Der grüne Grossrat Yves Ferrari, der den späteren Syndic noch als Physiklehrer erlebte, bestätigt: «Daniel Brélaz ist ein Pragmatiker, der an politischen Spielereien wenig Interesse hat.» Dazu passt, dass Brélaz sich während seiner Lausanner Regentschaft nicht fürchtete, unpopuläre Projekte anzugehen. So sanierte er für eine halbe Milliarde Franken die Pensionskasse der Stadt, reformierte aber auch die Lohnstruktur der städtischen Angestellten. Der Syndic mit einem Jahreseinkommen von 265 000 Franken engagierte sich dafür, dass die Löhne der städtischen Angestellten, mit Ausnahme der Feuerwehr und der Polizei, nicht mehr progressiv bis zum Ende der beruflichen Karriere ansteigen.

Nun bleibt ihm noch das Mandat als Nationalrat. In die grosse Kammer wurde er das erste Mal bereits 1979 gewählt – als erster grüner Politiker überhaupt. 2015 kehrte er dorthin zurück. Bundesbern muss sich für ihn anfühlen wie eine Wiedergeburt, ist eines seiner absoluten Lieblingsthemen doch noch immer aktuell: der Atomausstieg. Nationalrätin Adèle Thorens (Grüne, VD) sagt jedenfalls: «Daniel Brélaz ist da ganz in seinem Element.»

Erstellt: 29.06.2016, 19:57 Uhr

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