Der brisante Erbstreit der Familie Engelhorn

Eine Tochter des deutschen Pharma-Patrons klagt in der Schweiz gegen dessen Witwe. Das Verfahren könnte einen gigantischen Steuerbetrug der Industriellenfamilie aufdecken.

Am Gstaader Oberbort, einen Steinwurf vom Hotel Palace entfernt, wohnt die Witwe von Curt Engelhorn.
Bild: bom

Am Gstaader Oberbort, einen Steinwurf vom Hotel Palace entfernt, wohnt die Witwe von Curt Engelhorn. Bild: bom

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Das Schweizer Generalkonsulat in New York lieferte diesen Sommer zweimal Post auf die karibischen Bermuda-Inseln aus. Die Empfänger waren drei Trusts, die im Steuerparadies ihren Sitz haben. Ihnen wurden je zwei amtliche Verfügungen sowie eine 110-seitige Anklageschrift in Deutsch und Englisch ausge­händigt. Der Absender der Post: das Regionalgericht Oberland in Thun. Dies geht aus einer Publikation im Berner Amtsblatt vom 16. Oktober hervor.

Die drei Trusts namens Bermuda, Grosvenor und Omega sind die Beklagten 6, 7 und 8 in einem Zivilverfahren, das die Oberländer Richter derzeit vor eine zugleich komplexe wie explosive Aufgabe stellt: Sie müssen im Erbstreit einer der reichsten Familien der Welt urteilen – der Nachkommen der deutschen Unternehmerdynastie Engelhorn. Die Brisanz dieses Ver­fahrens hat viel mit dem Ruf der Familie zu tun. Die Engelhorns sind insbesondere in Deutschland dafür bekannt, notorische Steueroptimierer zu sein – mit dem Hang, dafür bis an die Grenzen der Legalität zu gehen.

Am 13. Oktober 2016 verstarb im Alter von 90 Jahren das Oberhaupt der Familie, Curt Glover Engelhorn. Er war der langjährige Patron des deutschen Pharmakonzerns Boehringer Mannheim, den er 1997 für 11 Milliarden Dollar an Roche verkaufte. Engelhorn hinterliess bei seinem Tod eine Ehefrau, drei Ex-Ehefrauen, vier Töchter aus zwei Ehen, einen Sohn aus einer Affäre, einen Stiefsohn sowie ein Vermögen von 3,5 Milliarden Franken – so lautete die jüngste Schätzung des Schweizer Wirtschaftsmagazins «Bilanz».

Stets in bester Gesellschaft: Curt Engelhorn mit der Fürstin zu Sayn-Wittgenstein 2013 an einer Party in München. Foto: Imago

Das Chalet am Oberbort

Wie hoch dieses Vermögen aber tatsächlich ist, darum ranken sich seit Jahren wilde Gerüchte und Spekulationen. Engelhorn hatte sein Geld in ein dermassen verschachteltes Finanzkonstrukt verpackt, dass sich schon zu seinen Lebzeiten zig Steuerfahnder die Zähne daran ausbissen. Nach Jahren des Verdachts starteten die deutschen Behörden 2013 ein Verfahren. Sie warfen Teilen der Familie vor, bis zu 450 Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben.

Zwei der damals noch in Deutschland wohnhaften Engelhorn-Töchter wurden in der Folge verhaftet und mussten ins Gefängnis. Die Anwälte der Familie und die deutschen Behörden einigten sich aber bereits kurz nach der Festnahme auf eine Nachzahlung von 145 Millionen Euro – dabei wurde aber nur die halbe Wahrheit verhandelt, wie sich bald herausstellen sollte.

Von 2010 auf 2011 wuchs das steuerbare Vermögen des Ehepaars auf einen Schlag von 20 auf 406 Millionen Franken an.

2017 machte ein weltweites Recherchenetzwerk – zu dem auch die Tamedia-Zeitungen gehören – die Paradise Papers publik. Das Datenleak enthielt vertrauliche Unterlagen der Anwaltskanzlei Appleby mit Sitz auf den Bermudas. Wie die Dokumente zeigen, ist die Vermögenssituation der Familie Engelhorn noch viel komplexer als bisher angenommen. Neben den 44 Trusts, über welche die deutschen Behörden damals Bescheid wussten, tauchten 38 weitere dieser Trusts auf. Bei einem Trust überträgt man sein Ver­mögen einem Treuhänder, der das Geld dann zugunsten von einem oder mehreren Begünstigten verwaltet.

Vier Verfahren am Laufen

Hier kommt nun die Berner Justiz ins Spiel. Den Oberländer Richtern bietet sich die Möglichkeit, tiefer in dieses engelhornsche Dickicht von Trusts, Stiftungen und Briefkastenfirmen zu blicken als je jemand zuvor – und das alles dank eines Luxuschalets am Gstaader Oberbort. Dort befindet sich der offizielle Wohnsitz der Witwe von Curt Engelhorn, die von einer der Töchter aus erster Ehe verklagt wird. Da es sich beim Erbstreit um ein Zivilverfahren handelt, bleiben die Unterlagen zum Fall bis zum Tag der öffentlichen Verhandlung unter Verschluss.

Auf Anfrage bestätigt das Regionalgericht Oberland lediglich, dass derzeit drei Verfahren in dieser Sache am Laufen seien – neben dem Hauptverfahren zwei weitere Klagen. Ein vierter Streitpunkt – eine Aufsichtsbeschwerde gegen den von Curt Engelhorn eingesetzten Willensvollstrecker – landete 2017 beim Regierungsstatthalteramt Obersimmental-Saanen. Da diese Beschwerde bereits bis vor Bundesgericht weitergezogen wurde, sind einige Details zum Erbstreit bekannt.

Wie aus dem Urteil hervorgeht, setzte Curt Engelhorn in seinem 2014 beglaubigten Testament seine Ehefrau als Alleinerbin ein. Die fünf Kinder hatte er schon zu Lebzeiten abgefunden – gemäss dem deutschen Nachrichtenmagazin «Spiegel» mit Vermächtnissen von rund 450 Millionen Euro pro Kind. In seinem Testament hatte er für seine direkten Nachkommen deshalb nur ein kleines Erbe von je 20 Millionen Dollar vor­gesehen.

Die in den USA wohnhafte Tochter aus erster Ehe war damit nicht zufrieden. 45 Tage nach dem Tod ihres Vaters forderte sie vom eingesetzten Willensvollstrecker die Herausgabe sämtlicher für die Erbteilung relevanten Informationen – von einer Grundstücksübersicht bis hin zur Kopie des Ehevertrags des Verstorbenen aus dem Jahr 2011. Seither tobt der Erbstreit.

Dank der Familienfehde könnten nun Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, die bisher unter Verschluss blieben – auch was die Steuersituation der Engelhorns im Kanton Bern anbelangt. Alt-SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen versuchte bereits 2012 Einsicht in deren Steuerdaten zu erlangen.

Nachdem die Familie unter Beihilfe der Gemeinde Saanen und der Berner Steuerverwaltung sich jahrelang querstellte, entschied das Bundesgericht 2017, dass die Steuerdaten von den Engelhorns und anderer prominenter Wahl-Gstaadern öffentlich einsehbar sein müssen. Die Steuerausweise des Ehepaars von 2009 bis 2011 liegen dieser Zeitung deshalb vor.

Von 20 auf 406 Millionen

Was auffällt: Während die Engelhorns im Kanton Bern lange kein steuerbares Einkommen auswiesen, änderte sich dies im März 2010. Im folgenden Jahr ver­steuerten sie ein steuerbares Einkommen von 3,3 Millionen Franken. Sie waren also spätestens ab diesem Zeitpunkt nicht mehr als Pauschalbesteuerte im Kanton Bern gemeldet.

Auch das steuerbare Vermögen des Ehepaars wuchs von 2010 auf 2011 schlagartig von 20 Millionen Franken auf 406 Millionen Franken an. Was es mit diesem plötzlichen Vermögenszuwachs genau auf sich hat, könnte das Gerichtsverfahren nun zeigen. Und auch, ob die Gemeinde Saanen und die Berner Steuerverwaltung die schwer­reiche Familie über all die Jahre korrekt besteuert haben.

Erstellt: 02.11.2019, 19:11 Uhr

Das Leben des Curt Engelhorn

«Untereinander spinnefeind, einig nur beim Steuersparen» – als das «Manager Magazin» 2016 die Lebensgeschichte von Curt Engelhorn niederschrieb, brachte es den Grundsatz der Familie auf diesen simplen Nenner. Wer die Geschichte liest, kommt unweigerlich zum Schluss: Hinter dem Bonmot der Normalsterblichen – Geld macht nicht glücklich – steckt vielleicht doch mehr als bloss ein Trostpflaster gegen den Neid.

Intrigen, Fehden und Zwietracht ziehen sich durchs Leben von Curt Engelhorn, genauso wie das viele Geld. Vernachlässigt von seinen Eltern (er findet stattdessen Geborgenheit beim Tragen von Frauenkleidern), betrogen von seiner Ex-Frau (der dritten – und es war tatsächlich der Fitness­trainer), hintergangen von seinen eigenen Nachkommen (der Sohn, der Stiefsohn und der Neffe arbeiten hinter seinem Rücken an seiner Entmachtung), schrieb Curt Engelhorn dennoch deutsche Wirtschaftsgeschichte. Der Verkauf seines Unternehmens an Roche war die bis dato grösste Firmenübernahme in Europa überhaupt.

Trotzdem bleibt Engelhorn – gerade in Deutschland – weniger als Wirtschaftspatron denn als Steueroptimierer in Erinnerung, der sein Geld lieber auf den Mond schiessen würde, als es beim Steueramt abzuliefern. Er habe die «Steuerfalle» erfolgreich umgangen, gab Engelhorn einmal zu Protokoll. Besonders stolz war er auf seine vielen Trusts. Sie würden als Mittel zur Steuerhinterziehung missverstanden. «In Wahrheit ist es ein lebendes Testament.» (qsc)

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