Der Buben-Backlash ist ein Mythos

Die angeblich benachteiligten Knaben im Schulsystem füllen Ratgeberautoren die Kassen. Das wahre Problem ist ein anderes.

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Echt jetzt? Der freiberufliche Sozial- und Geschlechterforscher Reinhard Winter formulierte jüngst auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet allen Ernstes: «Mütter wissen genau: Mädchen haben später zwei Optionen. Wenn es beruflich nicht so gut läuft, können sie sich in der Mutterrolle verwirklichen. Knaben dagegen haben nur eine Chance – sie müssen im Job erfolgreich sein und eine Familie ernähren können.» Daher würden Mütter sich um Söhne mehr sorgen, sie ungesund verhätscheln und so zu Schulversagern heranziehen.

Muttersein als Armutsrisiko

Bitte? Offenbar hat es sich noch nicht bis zum 59-jährigen Tübinger herumgesprochen, aber die Mutterrolle ist kein Versorgungsticket. Die Scheidungsraten sind hoch, ein Fünftel aller Alleinerziehenden in der Schweiz (zu 85 Prozent Mütter!) erhält Sozialhilfe. Umgekehrt wird also ein Schuh draus: Gerade für Mädchen ist es wichtig, auf eigenen Füssen stehen zu können. Das zeigt auch eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung: Schlechtere Perspektiven «scheinen jüngere Frauen geradezu anzuspornen, mehr in der Schule zu tun und so ihre Jobchancen zu verbessern». Buben hingegen ruhten sich eher auf dem «Irrglauben» aus, in der Fabrik oder auf dem Bau auf jeden Fall unterzukommen.

Ohnehin ist es seltsam, die Mutterschaft als Plan B zu betrachten. Ich bin ein Loser, drum mache ich Kinder? Es gibt wohl kaum einen härteren, verantwortungsvolleren und erfüllenderen Job. Deshalb wollen sich moderne Väter ja auch nicht nur als Geldquelle in die Familie einbringen. Im Kollegenkreis haben etliche «Kindertage» im Wochenplan. Auch bei Kinderarztbesuchen und Lehrergesprächen fällt die Arbeit aus. Das Phänomen der total weiblichen Kinderdomäne verflüchtigt sich langsam.

«Herkunft und Geld entscheiden. Das ist viel stossender.»

Dies hebelt auch Winters Haupterklärung für die männliche Underperformance in der Schule aus: Laut Winter feuern die veralteten Männlichkeitsbilder in der Familie die armen Machoknaben in der Schule voll ins Aus. Buben-Backlash. Winters ganz heisser Tipp für Väter: Interessiert euch fürs Schulleben eurer Söhne, lest ihnen mal vor! Da fällt mein Söhnchen vor Lachen ja schier vom Sofa – wo es, an «Paa» gekuschelt, über Jahre kiloweise Kinderliteratur aufgesogen hat.

Wieso kann einer mit solchen Binsenweisheiten, die allenfalls eine kleine Gruppe betreffen, derart reüssieren? Weil das Problem der Underperformance real existiert: Tatsächlich liegen die Buben, nach ewiger Bevorzugung, rein schulisch nun ein paar Prozentpunkte zurück. 2018 schafften 55 Prozent der teilnehmenden Mädchen die Aufnahmeprüfung fürs Zürcher Langgymnasium und 49 Prozent der Knaben. Auch bei der Matura führen die Frauen. Wie Geschlecht und Bildungs(miss)erfolg genau zusammenhängen, weiss man noch nicht; da hilft auch keine Klischeehuberei.

Spezial­rezepte und «gendersensible Lehrer»

Je niedriger der Schulabschluss, desto höher der Bubenanteil, konstatiert auch das deutsche Bundesministerium für Bildung. Über 50 Prozent der Mädchen eines Jahrgangs machen Abitur, bei den Knaben 10 Prozent weniger. Aber: «In der beruflichen Laufbahn schneiden junge Männer häufig erfolgreicher ab. Sie ergreifen meist besser bezahlte, karriereorientierte Berufe.» Und bei den Topposten muss man Frauen mit der Lupe suchen. Lohngleichheit? – Fehlanzeige. Es gebe jedoch auch junge Männer mit «sehr grossen Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt». Bei Migranten verstärke sich dies.

Allerdings. Herkunft und Portemonnaie sind das A und O für den Schulerfolg. In Meilen bestanden in diesem Jahr 25 Prozent der Sechstklässler die Gymiprüfung, in Andelfingen 10 Prozent: Das ist viel stossender als die Geschlechterdifferenz. Die Ratgeberliteratur aber macht mit der Verunsicherung und dem Ruf nach «Bildungs­gerechtigkeit für Knaben» Kasse, wie auch Frank Beusters Bestseller «Die Jungenkatastrophe» (2006). Junge zu sein, ist da per se eine Diagnose mit düsterer Prognose. So brauche es Spezial­rezepte und «gendersensible Lehrer». Dabei braucht es doch vor allem eines: sensible Lehrer! Oder, mit den Worten des Ministeriums: «Sinnvoll ist ein individualisierender, fehlerfreundlicher und ermutigender Unterricht.» Aber hallo!

Erstellt: 03.06.2018, 22:04 Uhr

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