Nur ein kleiner Coiffeurladen kämpft noch

Die Geschichte um ein gescheitertes Einkaufszentrum in Chiasso ist absurd – und «Tipico Ticino!».

Der eiförmige Bau in Chiasso zieht alle Blicke auf sich. Das Centro Ovale geriet aber schon kurz nach der Eröffnung 2011 in Schieflage. Foto: Claudio Bader

Der eiförmige Bau in Chiasso zieht alle Blicke auf sich. Das Centro Ovale geriet aber schon kurz nach der Eröffnung 2011 in Schieflage. Foto: Claudio Bader

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Lassen Sie sich diesen Text von Autor Yann Cherix vorlesen:

Die Musik, die aus den Boxen an der ­Decke dudelt, hört niemand. Die vier Etagen sind leer. Das Centro Ovale, ein erst 2011 eingeweihtes Shoppingcenter mitten in Chiasso, ist seit über zwei Jahren ein Geisterhaus. Keine Ware, keine Kunden. Die Rolltreppen stehen still. Und doch leuchten alle Lampen, der Boden ist auf Hochglanz poliert, die Ladenzeilen wirken aufgeräumt. Selbst der Lift funktioniert, als kämen im nächsten Moment neue Kunden.

Das absurde Spiel, das täglich – ausser sonntags – von 9 bis 19 Uhr aufgeführt wird, hat einen einzigen Zuschauer: den Coiffeur im Erdgeschoss. Er ist geblieben. Trotzig wirbt er mit Stellwänden um Kundinnen und Kunden, die nicht kommen. Sollte sich doch jemand vor den Laden verirren, dann muss dieser klingeln. Und wer dies tut, muss erst mal warten. Aus einem Hinterzimmer taucht eine Frau auf und schliesst die Glastür auf. Sie zeigt sich verblüfft ob des neuen Kunden: Hier im letzten verbliebenen Laden des Centro Ovale will seit der Schliessung des Shoppingcenters offenbar niemand mehr seine Haare schneiden lassen.

Der Coiffeursalon als Trutzburg

Längst geht es an diesem vergessenen Ort direkt an der Autobahn A2 nicht mehr um die passende Haartönung und den coolen Schnitt. Der Coiffeursalon mit dem Namen Carestore ist zur Trutzburg geworden, zu einem Symbol für viel Grösseres: Gerechtigkeit. Standhaftigkeit. Rechtssicherheit. So zumindest formulieren es wenig später in einem Büro im Zentrum Chiassos zwei Männer, die sich gerade in Rage reden.

Stefano Ferrari ist der Anwalt des Coiffeursalons, Marino Mini dessen Treuhänder. Der Besitzer selbst will nicht sprechen. Dafür die beiden Männer. Sie kämpfen gegen das grosse Centro Ovale. «Was hier passiert, ist Vertragsbruch», sagt Ferrari und wedelt dabei mit dem bis ins Jahr 2021 gültigen Vertrag. Mini nickt ernst, überlässt das Reden aber seinem Partner. Dieser beginnt das auf Englisch verfasste Regelwerk zu zitieren. Vom Leben eines florierenden Shoppingscenters ist da die Rede, diversen Aktivitäten, Aktionen, ausgezeichneter Passantenlage. Care­store zählte darauf und baute ein Beautycenter auf mit Coiffeur, Laserhaarentfernung und eigenem Zahnarzt.

«Carestore hat enorme Summen in den Laden reingesteckt», sagt Stefano Ferrari. Der Anwalt aus Chiasso macht eine theatralische Pause, damit das Gegenüber selber drauf kommt: Wer den Laden aus dem Centro Ovale rauskriegen will, muss diesen Verlust kompensieren. Aber zu welchem Preis? Das lässt der Anwalt vorderhand offen.

Das Licht brennt, der Boden glänzt, doch alle Läden sind geschlossen. Bis auf einen. Foto: Claudio Bader

Es geht also um Geld. Das weiss auch Massimiliano Tasinato. Der Treuhänder aus Bellinzona vertritt die Gegenseite, das Centro Ovale. Er ist der Statthalter des Hauptinvestors, eine vermögende Industriellenfamilie aus Belgien. Der im Kanton gut vernetzte Treuhänder wählt seine Worte mit Bedacht und zeigt alles Verständnis für den Schönheitssalon. Aber so etwas hat er noch nie erlebt: «Wir haben ihnen vieles vorgeschlagen, aber stets hiess es Nein. «Sempre no!»» Das Projekt, das Shoppingcenter in einen Bürokomplex umzuwandeln, ist deshalb blockiert. Dabei soll es zahlreiche Interessenten dafür geben. «Jede Woche erhalte ich Anrufe von ausländischen Firmen, die sich an dieser verkehrsgünstigen Lage niederlassen wollen. Aber ich muss alle vertrösten.»

Dass ein kleiner Laden einen 60 Millionen teuren Bau seit Jahren besetzt halten kann, erzählt nicht nur viel über die Eigenheiten des Schweizer Rechtssystems, sondern auch über das Tessin. «Tipico Ticino!», sagt etwa bei unserem nächsten Besuch Bruno Arrigoni, den dieser Fall als Bürgermeister von Chiasso seit Jahren beschäftigt. Er hatte versucht, zu schlichten, zu vermitteln – alles vergeblich. Laut dem FDP-Politiker geht es hier auch um Neid und lokale Animositäten. Den Schönheitssalon angestossen und finanziert hat ein Zahnarzt aus der Region. Warum der Mann nicht mit sich reden lassen will und auch öffentliche Auftritte meidet, weiss niemand. Stets schickt der Mann seine beiden Vertreter vor, Ferrari und Mini.

Dass ein kleiner Laden einen 60 Millionen teuren Bau seit Jahren besetzt halten kann, erzählt viel über die Eigenheiten des Schweizer Rechtssystems.

Bürgermeister Arrigoni wird darum vorerst mit dem leeren Centro Ovale mitten in seiner Stadt weiterleben müssen, einem Mahnmal des Scheiterns. «È Nato male», sagt Arrigoni im Rückblick, das Centro sei eben 2011 zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt eröffnet worden. Chiasso mit seinen 8000 Einwohner am Rande der Schweiz geht es seit Jahren wirtschaftlich nicht gut, die Stadt hat den höchsten Anteil von Sozialhilfeempfängern in der Schweiz. Viele Banken und Treuhänder, die lange mit den nicht deklarierten Vermögen der reichen Mailänder Geschäfte gemacht hatten, sind abgewandert. Und die SBB bauten auf dem grossen Rangierbahnhof von Chiasso über 1000 Arbeitsplätze ab.

Dazu förderte der starke Franken den Einkaufstourismus in der italienischen Grenzregion. Und im Unterschied zum nur sieben Kilometer entfernten Einkaufszentrum Fox Town blieben hier die Läden am Sonntag zu. Die Gewerkschaften blockierten den Sonntagsverkauf. Ausgerechnet hier, wo verlängerte Öffnungszeiten vielleicht etwas Luft verschafft hätten. Tipico Ticino!

Die Krise kam schon sehr bald

So geriet das Grossprojekt von Chiasso, das noch in den goldenen Jahren vor der Jahrtausendwende geplant worden war, schon wenige Monate nach dem Start in Schieflage. Die ersten Verwaltungsräte traten still zurück, die Situation muss ihnen rasch als aussichtslos erschienen sein. Das Konzept des Centro Ovale wurde danach mehrmals angepasst. Mal wurde das Warenangebot mehr auf Familien ausgerichtet, mal mehr auf vermögende Kunden. Nichts fruchtete, die Betreiber waren bald ratlos – auch, weil die Kunden mehr und mehr im Internet einkauften. Bereits 2017 kam das Ende. Chiasso, die Stadt am südlichen Rand der Schweiz, hatte wieder einmal mit einer Negativmeldung Schlagzeilen gemacht.

Dem Centro musste irgendwie neues Leben eingehaucht werden. Kein Shopping mehr. Dafür Büros. Ein grosses Online-Reisebüro stand bereit. Auch die Bewilligung für die baulichen Anpassungen war da. Doch der Coiffeursalon im Parterre rekurrierte. Anwalt Ferrari sagt: «Wir haben einen Vertrag mit einem Shoppingcenter. Nicht mit einem Bürohaus, in dem vor allem Grenzgänger arbeiten werden, die am Feierabend sofort nach Hause gehen.»

2 Millionen Franken investiert

Der Rekurs beschäftigt nun die Tessiner Gerichte und den Tessiner Staatsrat. Bis zum nächsten Entscheid wird im Centro Ovale nichts passieren. Das kostet die Betreiber mehrere Zehntausend Franken. Pro Woche. Und wenn man sich mit der Gegenseite nicht wird einigen können, vielleicht noch für ein paar weitere Jahre. Treuhänder Tasinato hofft für die Betreiber des Centro nach wie vor auf einen Ausweg – denn in der aktuellen Situation verlieren alle.

Das sehen auch Tasinatos Gegenspieler so. Ja, sie seien offen für einen Kompromiss. Wie teuer der für den Betreiber zu stehen kommen könnte, lassen Ferrari und Mini offen. Eine Sache der Verhandlungstaktik, klar. Aber der Anwalt sagt schliesslich: «Wir haben über 2 Millionen investiert.» Mindestens 2 Millionen also kostet die Auferstehung eines Toten. 2 Millionen, und Chiasso würde wieder einmal positive Schlagzeilen liefern.

Erstellt: 09.09.2019, 11:20 Uhr

In Zahlen

60 Millionen
So viel kostete der eiförmige Bau mitten
in Chiasso. Hinter dem Shoppingcenter direkt an der A2 steht eine belgische Industriellenfamilie, die in ganz Europa zahlreiche grosse Investitionen tätigt.
2011 wurde das Einkaufszentrum
eröffnet, sechs Jahre später bereits wieder geschlossen.

Mehrere 10'000
Mehrere Zehntausend Franken zahlt
die Aktiengesellschaft Centro Ovale derzeit für das leere Centro. Pro Woche. Steuern fallen noch immer an, das
Gebäude muss unterhalten werden.
Im Unter­geschoss befindet sich eine frei zugängliche Garage.

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