«Der Drive-by-Drogenhandel muss weg»

Nach einem sexuellen Übergriff in ihrer Nähe hat die Reitschule in Bern ihre Tore geschlossen. Die grüne Politikerin Leena Schmitter hält die Reaktion auf den Vorfall für richtig.

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Frau Schmitter, wissen Sie, was letzte Freitagnacht vor der Reitschule geschah?
Ich weiss nicht mehr, als was in den Medienmitteilungen der Reitschule steht. Offenbar kam es zu Übergriffen, und die Reitschule ist zum Schluss gekommen, dass sie die Situation nicht alleine stemmen kann. Zudem erwartet sie zu Recht von der Politik eine verantwortungsvolle Sicherheits- und Drogenpolitik.

Zum sexuellen Übergriff und zu zwei Schlägereien soll es in der Nähe der Reitschule gekommen sein, aber nicht auf dem Gelände der Reitschule. Wieso sieht sich diese überhaupt in der Verantwortung?
Es ist nicht das erste Mal, das es zu Vorfällen im Umfeld der Reitschule gekommen ist. Vor der Reitschule liegt die als Parkplatz genutzte Schützenmatte, auf der anderen Strassenseite die einzige Drogenanlaufstelle der Stadt. An den Wochenenden zieht der Vorplatz der Reitschule viele verschiedene Leute an, Jugendliche aus der Region wie auch Besucher des kulturellen Angebots. Zudem landet ein Teil des Drogenkonsums und -handels, der anderswo verdrängt wird, vor der Reitschule. Dass sie diese Verantwortung übernehmen will, gleichzeitig aber nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen kann, die auf der Schützenmatte und in der Umgebung zusammenkommen, ist verständlich.

Die Reitschule besitzt ein Sicherheitsteam, das sich offenbar um das Opfer des Übergriffs kümmerte. Ist es dessen Aufgabe, ausserhalb der Reitschule tätig zu werden?
Das Sicherheitsteam ist verantwortlich für die physische und psychische Integrität der Gäste. Hingegen ist es nicht seine Aufgabe, auf der Schützenmatte zu patrouillieren. Wenn es aber gerufen wird, ist es seine Aufgabe, zu helfen, diese nimmt es ja auch wahr.

Das Sicherheitsteam hat darauf verzichtet, die Polizei zu rufen. Hätte es dies tun müssen?
Ich kann von aussen nicht beurteilen, ob und weshalb die Polizei nicht gerufen wurde. An erster Stelle kommt aber klar die Rücksicht auf Opfer sexualisierter Gewalt. Die Schuld- und Schamkultur unserer Gesellschaft führt dazu, dass es für gewisse Frauen schwierig ist, Anzeige zu erstatten.

Der Chef der Regionalpolizei Bern, Manuel Willi, sagte im März laut «20 Minuten», der Sicherheitsdienst der Reitschule würde Opfern von Straftaten von Anzeigen abraten. Die Reitschule wies den Vorwurf zurück. Was stimmt?
Ich bin überzeugt, dass das Sicherheitsteam dies nicht macht, wenn es sich so dazu äussert. Die Leitung der Polizei und insbesondere Herr Willi sollten nicht Politik betreiben.

Die Reitschule wollte den Vorfall nicht publik machen. War das richtig?
Ich bin mir sicher, dass sich die Reitschule und die Anwesenden etwas dabei überlegt haben. Auch hier gilt: Die Rücksicht auf Opfer sexualisierter Gewalt kommt an erster Stelle. Nun zu sagen, die Reitschule habe vielleicht etwas verstecken wollen, ist eine Instrumentalisierung sexualisierter Gewalt für ein Reitschule-Bashing, was ich für höchst problematisch halte.

Mit der Schliessung sagt die Reitschule, dass sie die Probleme in ihrem Umfeld nicht alleine lösen kann. Gleichzeitig wird die Polizei bei Einsätzen auf der Schützenmatte aber auch immer wieder behindert. Das ist doch widersprüchlich.
Die Beziehung der Reitschule mit der Polizei hat eine lange und schwierige Geschichte. Ich sehe dies aber nicht in einem Zusammenhang. Vor der Reitschule kommen sehr viele gesellschaftliche Probleme zusammen, zu deren Bewältigung die Reitschule auch vieles beiträgt. So leistet sie auf dem Vorplatz auch Sozialarbeit. Daneben sind Gemeinde- und Stadtrat gefragt, um Lösungen zu finden.

Welche Lösungen sehen Sie?
Zunächst müssten die Parkplätze auf der Schützenmatte aufgehoben werden, damit diese belebt werden kann und der Drive-by-Drogenhandel eingedämmt wird. Dann braucht es eine zweite Drogenanlaufstelle, die 24 Stunden pro Tag geöffnet ist. Die Legalisierung von Cannabis würde zudem helfen, die Märkte von harten und weichen Drogen zu trennen. Der Kanton muss zudem endlich wie von der Stadt gefordert eine Ombudsstelle für die Polizei einrichten.

Was würde eine Ombudsstelle an den Verhältnissen auf der Schützenmatte ändern?
Sie würde zur Entspannung beitragen. Heute existiert keine niederschwellige Schlichtungsstelle, zudem werden Polizisten bei Fehlverhalten nur sehr selten zur Rechenschaft gezogen. Ein polizeiinternes Team zur Schulung von Polizisten in Konfliktbewältigung könnte diesen zudem helfen, den Alltag zu meistern.

Und was kann die Reitschule beitragen?
Sie muss dafür sorgen, dass sie weiterhin ein Ort ohne Gewalt, ohne Sexismus, ohne Rassismus und ohne Homophobie zu bleiben versucht, an dem sich eine Vielfalt von Menschen ohne Konsumzwang aufhalten kann, so wie dies auch ihrem Manifest entspricht.

Im März schrieb die Mediengruppe der Reitschule, ihrem Eindruck nach häuften sich Taschendiebstähle und sexuelle Belästigungen in der Reitschule. Hat diese ein Problem, ihrem Manifest nachzuleben?
Ich persönlich kann das nicht einschätzen. Ich finde, dass die Reitschule sehr wohl Verantwortung für die Sicherheit ihrer Gäste übernimmt. Es gibt wenig Orte, wo bei blöden Anmachen oder rassistischen Äusserungen diese Personen auch so konsequent rausgestellt werden. Aber die Reitschule ist auch keine Insel, die von Problemen verschont bleibt.

Wie geht es nun weiter?
Ich habe den Eindruck, dass die Beziehungen zwischen Stadt und Reitschule wieder besser laufen, seit Stadtpräsident Alex Tschäppät das Dossier übernommen hat. Auch ist eine Mediation in Gange. Ich bin deshalb zuversichtlich.

Erstellt: 14.07.2016, 19:25 Uhr

Die Historikerin und Geschlechterforscherin Leena Schmitter ist Vorstandsmitglied des Fördervereins Reitschule, Stadträtin für das Grüne Bündnis in Bern und Co-Präsidentin der Fraktion GB/JA! (Bild: zvg)

Polizei ermittelt

Wie am Mittwoch bekannt wurde, kam es im Umfeld der Berner Reitschule zu einem sexuellen Übergriff. Am gleichen Tag sind laut Angaben der Kantonspolizei konkrete Hinweise eingegangen. Gemäss Medienmitteilung habe sich das Opfer, eine Frau, am Samstagmorgen zwischen 3 und 4 Uhr beim kleinen Brunnen an der Schützenmattstrasse aufgehalten. Dort sei sie von einem Unbekannten in ein Gebüsch gezogen und «sexuell genötigt» worden. Der Täter habe Französisch gesprochen und sei 1 Meter 80 gross. Die Polizei sucht Zeugen.

Die Reitschule hatte am Samstag überraschend mitgeteilt, dass die Türen bis auf weiteres geschlossen bleiben. Die Schützenmatte habe sich in den letzten Jahren zum «Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Probleme» entwickelt. Doch zeigten «Bund»-Recherchen, dass konkrete Gewaltvorfälle zur Schliessung geführt hatten. Am Mittwoch teilte die Reitschule dann mit, ein sexueller Übergriff habe stattgefunden.

Sanitätspolizei war vor Ort

Am Donnerstag wurden zudem weitere Details zum Samstagmorgen bekannt. Laut Peter Salzgeber, Kommandant der Sanitätspolizei Bern, hatte ein Rettungsteam Kontakt mit dem Opfer. Ein Krankenwagen sei zur Schützenmatte ausgerückt. Grund für den Einsatz war ein Ausgänger, der sich eine Zahnverletzung zugezogen hatte. Nachdem die Sanitäter den Patienten behandelt hatten, seien sie von Passanten auf eine «weibliche Person in schlechtem Zustand» aufmerksam gemacht worden. Die Sanitäter hätten der Frau ihre Hilfe angeboten. Diese habe aber «ausdrücklich» weder medizinische Unterstützung noch eine Kontaktaufnahme mit der Polizei gewollt. Die Frau sei durch Bekannte betreut worden, und man habe die Anwesenden über weitere Unterstützungs- und Hilfsangebote informiert, dann sei das Einsatzteam abgezogen. Später ist das Opfer laut Kantonspolizei von Anwesenden ins Spital gebracht worden. (hun)

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