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Der einsame Tod des Kilian S.

Ein 20-jähriger Berner starb nach einer Partynacht im Gefängnis. Wie konnte das passieren?

Kerzen und Blumen erinnern auf dem Berner Waisenhausplatz an den verstorbenen Kilian.
Kerzen und Blumen erinnern auf dem Berner Waisenhausplatz an den verstorbenen Kilian.
Franziska Rothenbühler

Die Goa-Party im Quartierzentrum Tscharnergut in Bern-Bethlehem geht am Morgen dieses 25. Dezember dem Ende entgegen. Die Gäste begeben sich auf den Heimweg. Nur Kilian S. geht nirgendwo hin. Der 20-Jährige ist kaum mehr ansprechbar. Er hat Betäubungsmittel konsumiert. Eine Barmitarbeiterin begleitet ihn nach draussen, sie muss ihn stützen. Schliesslich ruft jemand die Polizei. Weniger als 24 Stunden später ist Kilian tot, gestorben in einer Zelle der Polizeiwache am Berner Waisenhausplatz. Wie konnte das passieren?

Kilians Tod hätte vielleicht verhindert werden können. Dies vermutet zumindest die bernische Staatsanwaltschaft für besondere Aufgaben, wo ein auf Medizinalstrafrecht spezialisierter Staatsanwalt den Todesfall untersucht. Er ermittelt gegen den Arzt, der entschieden hat, dass Kilian trotz seines Zustandes in eine Zelle eingesperrt werden darf. Weitere Details zum laufenden Verfahren gibt er nicht preis, wie es auf Anfrage heisst.

Sicher ist: Kilian stand an diesem Abend unter Drogeneinfluss. Dies schreibt die Polizei in ihrer am 26. Dezember verschickten Mitteilung, und dies bestätigen auch Personen aus seinem Umfeld. Klar ist auch, dass die angerückte Polizeistreife Kilian mit auf die Wache nahm. Danach widersprechen sich allerdings die Aussagen.

Warum hat die Polizei Kilian auf die Wache mitgenommen? Laut Polizeimitteilung hatte Kilian Diebesgut bei sich. Ein Partygast stellt das jedoch infrage. Ebenso, warum die Polizei überhaupt vor Ort war: Nicht jemand aus der Bevölkerung sei es gewesen, der die Polizei gerufen habe, sondern der Partyorganisator. Laut der Polizeimitteilung hat sich Kilian dann gegen die Verhaftung gewehrt. Auch davon hat der Partygast nichts mitbekommen. Waren Kilians Vorstrafen mit ein Grund, dass er im Gefängnis statt im Spital landete? Auch diese Frage bleibt vorerst offen.

Hier starb Kilian S.: Polizeiwache am Berner Waisenhausplatz. Foto: Keystone
Hier starb Kilian S.: Polizeiwache am Berner Waisenhausplatz. Foto: Keystone

Aber ob Kilian aus gerechtfertigten Gründen festgenommen wurde, ist im nun laufenden Strafverfahren zweitrangig. Die Ermittlungen drehen sich um die Frage, ob Kilian in der Haft medizinisch ausreichend betreut wurde.

Arzt befürwortet Gefängnis

Auf der Wache lässt die Polizei am Morgen dieses 25. Dezember von einem Arzt beurteilen, ob Kilian eingesperrt werden darf. Der Arzt prüft die sogenannte Hafterstehungsfähigkeit. Für gesundheitlich angeschlagene Häftlinge stünde im Berner Inselspital ein Trakt zur Verfügung, wo sie medizinisch versorgt werden können. Der Arzt kommt aber zum Schluss, dass man Kilian in eine normale Zelle sperren darf – unter der Bedingung, dass die Beamten alle zwei Stunden nach ihm schauen.

Diese regelmässigen Kontrollen hätten stattgefunden, schreibt die Polizei in ihrer Mitteilung. Dennoch stirbt Kilian am frühen Morgen des 26. Dezember allein in seiner Zelle. Die Polizisten, die ihn finden, rufen zwar noch den Notarzt. Doch der kann nur noch den Tod des 20-Jährigen feststellen.

Hat der Arzt die toxische Wirkung der Substanzen unterschätzt? Und hätte eine Spitaleinweisung Kilians Tod verhindern können? Diesen Fragen gehen die Ermittler nach. Denn obwohl Kilians Gesicht Verletzungen aufwies, hat die Obduktion des Leichnams gemäss Staatsanwaltschaft einen Selbstmord oder Gewalteinwirkung Dritter als Todesursache ausgeschlossen. Ärzte bestätigen, dass es äusserst heikel sein kann, Menschen, die zu viele Partydrogen konsumiert haben, unbeaufsichtigt zu lassen.

Zum konkreten Fall äussern sich die Experten nicht. Doch bereits die Amphetamine, die Kilian laut der Polizei bei sich hatte, können schwere Nebenwirkungen verursachen. Laut Colette Degrandi, Oberärztin bei Tox Info Suisse, sind lebensgefährliche Amphetaminüberdosen zwar relativ selten. Doch wenn eine unter Amphetamin stehende Person nicht mehr ansprechbar ist, muss laut Degrandi sofort die Ambulanz gerufen werden. «Laien fehlt das Wissen, um eine solche Person zu beaufsichtigen», sagt die Ärztin.

Bei Zweifel besser ins Spital

Deutliche Worte wählt auch Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt des Notfallzentrums am Berner Inselspital. Er warnt nicht nur vor Partydrogen, sondern erst recht davor, diese zu kombinieren: «Das ist nicht nur ein Spiel mit dem Feuer, sondern ein Spiel mit einer entsicherten Handgranate.» Dass sich Partygänger mit bewusstseinserweiternden Substanzen selber gefährden, ist in Bern keine Seltenheit: Das Insel-Notfallzentrum behandelt zusammen mit Spezialisten rund 100 derartige schwere Vergiftungen pro Jahr – fast alle Patienten können dabei gerettet werden.

Kommt es nach einem solchen Mischkonsum, wie er wohl auch im Fall von Kilian vorliegt, zu Komplikationen, plädiert Exadaktylos – wie auch Oberärztin Degrandi – für eine sofortige Spitaleinweisung. «Die Nebenwirkungen sind extrem schwer abschätzbar», sagt er und spricht von einer «Zeitbombe». Dies, weil solche Stoffe die Wirkung über das Gehirn entfalteten und darum jede Person anders auf die Stimulation reagiere.

Zudem seien viele dieser Substanzen schwer nachweisbar. Man müsse wissen, nach welchem Stoff man suche. Und auch dann sei es schwierig, weil der Körper solche Betäubungsmittel extrem umbaut und die Hersteller ständig ihre Rezepte verändern. Dies könnte auch der Grund sein, warum nach wie vor unklar ist, welche Substanzen Kilian konsumiert hat und woran er genau gestorben ist. Gewebetests von Haaren und Blut sind noch hängig.

Jeder Arzt darf prüfen

Für die Prüfung der sogenannten Hafterstehungsfähigkeit bietet die Kantonspolizei jeweils über Medphone einen Notfallarzt auf. Bei Medphone handelt es sich um eine Telefon-Hotline, die in der Region Bern die Einsätze der Notfallärzte koordiniert. Bis 2015 war der städtische Rettungsdienst, also die Sanitätspolizei, dafür zuständig. Der Kreis der prüfenden Ärzte war damals kleiner. Warum hat sich dies geändert?

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Den Wechsel von der Sanitätspolizei zu Medphone erklärt die Kantonspolizei wie folgt: Jeder Arzt, der Notfalldienst leiste, besitze eine sogenannte Berufsausübungsbewilligung. Und wer eine solche Bewilligung hat, darf auch Haftbeurteilungen durchführen. Da bei der Sanitätspolizei nicht rund um die Uhr ein Arzt mit einer solchen Bewilligung Dienst leiste, habe man zusammen mit weiteren Fachpersonen entschieden, nicht mehr die Sanitätspolizei zu alarmieren.

Mutter fordert Aufklärung

Während der Arzt, für den die Unschuldsvermutung gilt, nun im Fokus der Ermittlungen steht, sind andere Aspekte der verhängnisvollen Nacht noch gänzlich ungeklärt. Etwa, ob die Polizisten bereits nach einer früheren Zellenkontrolle hätten Alarm schlagen müssen. Oder wie es zur Verletzung in Kilians Gesicht gekommen ist.

Diese und andere Fragen lassen der Mutter von Kilian keine Ruhe. Sie hat sich einen Anwalt genommen und tritt im Verfahren als Privatklägerin auf. «Mir ist wichtig, dass die Umstände von Kilians Tod lückenlos aufgeklärt werden», sagt sie. Zur laufenden Untersuchung will sie sich nicht äussern. Der Mutter ist jedoch wichtig, dass ihr Sohn nicht auf seine Vergangenheit reduziert wird. «Dies würde ihm nicht gerecht», sagt sie. Ja, es sei nicht immer einfach gewesen mit ihm. «Aber in den letzten Jahren hat Kilian sein Leben in die Hand genommen.» Er habe sich selber Hilfe geholt und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Auch habe er wieder gearbeitet. In der begleiteten Wohngruppe in Wichtrach, wo er im Dezember lebte, habe er die nötige Unterstützung erhalten.

«Jeder ist frei zu konsumieren, was ihm gefällt», sagt Kilians Mutter. Und wenn die Polizei trotzdem jemanden festhalte, dann trage sie auch die Verantwortung. Sowieso gelte die Pflicht für alle, Erste Hilfe zu leisten. Dies sei bei ihrem Sohn nicht der Fall gewesen. «Niemand kann mir Kilian zurückgeben», sagt sie. Doch sie setzt sich nun dafür ein, dass der gleiche Fehler nicht ein zweites Mal passiert. «Mein Ziel ist es, dass die Beamten besser für den Umgang mit Jugendlichen sensibilisiert werden», sagt sie. Egal ob sie sprayen, Partys organisieren oder ob sie sich mit gefährlichen Substanzen aufputschen. «Jugendlicher Leichtsinn ist kein Schwerverbrechen.»

Anklage erst in Monaten

Kilians Tod ist in Bern derweil zum Politikum geworden. Um das Mahnmal, das Verwandte und Bekannte Kilians auf dem Berner Waisenhausplatz eingerichtet haben, wird auf politischer Ebene gestritten. Ein SVP-Stadtrat möchte es wegräumen lassen, angeblich haben sich bei ihm Polizisten darüber beschwert. Nun muss der Berner Gemeinderat entscheiden, ob es bleiben darf.

Auch an Berns Betonwänden ist Kilian allgegenwärtig, die Sprayerszene zollt ihm Tribut. «Kilu R.I.P., 26.12.2018» ist an die Eisenbahnbrücke auf der Schützenmatte gesprayt. Bern kommt nicht so schnell los von Kilian, das ist sicher. Denn bis entschieden ist, ob es zu einer Gerichtsverhandlung kommt, dürfte es noch Monate, wenn nicht Jahre dauern.

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